JuKiP 2019; 08(02): 86
DOI: 10.1055/a-0850-7535
BHK-Mitteilungen
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Erfahrung und Intuition – das stillschweigende Wissen der Pflegenden in der Praxis

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Publication Date:
08 April 2019 (online)

Im Zuge der fortschreitenden Akademisierung der Pflegeberufe, insbesondere durch die Verankerung der hochschulischen Ausbildung im neuen Pflegeberufegesetz (PflBG), werden die Forderungen nach wissenschaftlichen Pflegeexperten „ans Bett“ (10–20 Prozent lt. Wissenschaftsrat 2012 [1]) immer lauter. Hier wird unbeabsichtigt eine Negativbotschaft an die langjährig beruflich Pflegenden im Sinne einer wohl defizitären Praxis vermittelt. Nicht verwunderlich, dass diese Stimmen teilweise auf Abwehr oder andere Formen des Widerstands treffen.

Dabei birgt die pflegerische Praxisexpertise mit ihrem impliziten Erfahrungswissen in der Gestaltung einer fürsorgenden und therapeutischen Pflegebeziehung, dem „Kern des Pflegerischen“ [1], [2], [3], ein wesentliches Element professionellen Pflegehandelns.

Erfahrung und Intuition sind zwei Begriffe, die im wissenschaftlichen Denken eher ein Schattendasein führen. In der Realität des pflegerischen Alltags erfahren diese Phänomene jedoch eine besondere Bedeutung. In der Pflegeliteratur haben sich hier insbesondere die Arbeiten von Patricia Benner [4], [5] ausgezeichnet. In ihrem Kompetenzerwerbsmodell „From Novice to Expert“ (dt. etwa „Stufen zur Meisterschaft“) beschreibt sie fünf Stufen des Erwerbs von Fähigkeiten: Neuling (novice), fortgeschrittener Anfänger (advanced beginners), kompetent Pflegende (competent), erfahrene Pflegende (proficient), meisterhaft Pflegende (expert). Sie zeigt deutlich, auf welche Art von Kenntnissen und Fähigkeiten Pflegende im Rahmen von pflegerischem Urteilen und Handeln in Praxissituationen zurückgreifen können: Berufsanfängerinnen vertrauen auf abstrakte Prinzipien und Regeln, sie benötigen formale Hilfen wie Pflegestandards, um sich in der Praxis zurechtzufinden. Pflegeexpertinnen dagegen handeln und urteilen aufgrund konkreter Erfahrungen durch unbewusstes Erkennen von Ähnlichkeiten zwischen neuen und früheren Gesamtsituationen. Dadurch sind sie nicht nur auf analytische Prinzipien angewiesen, sondern auch in der Lage, jede Situation intuitiv zu erfassen und zu verstehen und direkt, ohne Zeitverzug, zum Kern des Problems vorzudringen [4].

Wie jedes professionelle Handeln zeichnet sich auch das Pflegehandeln durch den doppelten Wissens- und Handlungsbezug aus: durch wissenschaftliches Wissen über Forschungsergebnisse, Theorien und Leitlinien sowie über das Praxiswissen in Form eines individuellen Fallverstehens durch Erfahrung und implizites Wissen wie Intuition, Ahnung oder Gespür [1].

Gerade in der außerklinischen Kinder(intensiv)krankenpflege gibt es viele dieser erfahrenen Pflegeexpertinnen. Durch die meist jahrelange Begleitung der chronisch kranken Kinder und ihrer Familien „kennen sie die Kinder“ und begründen ihr pflegerisches Handeln in Entscheidungssituationen nicht nur vor dem Hintergrund eines fundierten theoriegeleiteten Fachwissens, sondern auch mit ihrem impliziten Wissen. Vor diesem Hintergrund sind die Pflegeexpertinnen in der Praxis aufgerufen, den eigenen Widerstand zu reflektieren, sich ihrer Fähigkeiten bewusst zu werden und sich in einem „emanzipatorischen Akt“ an den Akademisierungs- und Professionalisierungsdiskussionen aktiv zu beteiligen [6].

Stefanie Zang
Kinderkrankenschwester, Dipl. Pflegewirtin (FH), M.Sc. APN (Advance Practice Nursing), Fachreferentin Pflege des BHK e. V.

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