Fortschr Neurol Psychiatr
DOI: 10.1055/a-0863-4391
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Wie bewerten Mitarbeiter einer psychiatrischen Klinik medizinethische Konflikte bei Zwangsmaßnahmen

How do employees of psychiatric hospitals evaluate medical ethical conflicts in coercive measures
Dirk Schwerthöffer
1  Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München
,
Otmar Seidl
2  Psychiatrische Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität
,
Johannes Hamann
1  Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München
› Author Affiliations
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Publication History

eingereicht 09 July 2018

akzeptiert 06 February 2019

Publication Date:
04 June 2019 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund Die Praxis von Zwangsmaßnahmen in psychiatrischen Kliniken wirft eine Reihe von medizinischen, juristischen und ethischen Fragen auf. Unter anderem führen Zwangsmaßnahmen zu Konflikten zwischen verschiedenen medizinethischen Prinzipien. Im Rahmen einer Pilotstudie sollte abgebildet werden, wie in der Psychiatrie Beschäftigte verschiedene medizinethische Prinzipien gegeneinander abwägen und wie sie für einen hypothetischen Fall zu einer Entscheidung für oder gegen den Einsatz von Zwangsmaßnahmen kommen.

Methode Alle therapeutisch tätigen Mitarbeiter verschiedener Berufsgruppen einer psychiatrischen Klinik wurden in einem Fragebogen zu ihrer Einstellung zu medizinethischen Prinzipienkonflikten und im Rahmen einer Kasuistik zu einer Entscheidung für oder gegen Zwangsmaßnahmen bei einem schizophren erkrankten Patienten befragt.

Ergebnisse Die Rücklaufquote des Fragebogens betrug 71 % (73 Teilnehmer). Die Mehrheit der Befragten war der Meinung, dass bei medizinethischen Prinzipienkonflikten der Schwerpunkt einer psychiatrischen Behandlung auf dem Wohl des Patienten (89 %) gegenüber dem Gemeinwohl liegen sollte. Das Autonomieprinzip wurde etwas häufiger über das Fürsorgeprinzip gestellt (58 % vs. 42 %) und die „Nonmalefizienz“ (Schadensvermeidung) erschien den Befragten in etwa gleich bedeutend wie die „Benefizienz“ (51 % vs. 49 %). Bei der Kasuistik wurden weniger „invasive“ Zwangsmaßnahmen (z. B. gesetzliche Betreuung) invasiveren (z. B. Zwangsmedikation) vorgezogen. In dieser Stichprobe zeigten sich keine statistisch hochsignifikanten Zusammenhänge zwischen soziodemographischen Faktoren (auch Berufserfahrung und Berufsgruppenzugehörigkeit), Gewichtung von medizinethischen Prinzipien und der Bewertung von Zwangsmaßnahmen. Tendenziell schienen aber Mitarbeiter von beschützten Stationen, mit mittlerer Berufserfahrung (6-15 Jahre) und Mitarbeiter der Pflegeberufe Zwangsmaßnahmen etwas häufiger zu befürworten. Ein Zusammenhang zwischen der Gewichtung medizinethischer Prinzipien und einer Befürwortung oder Ablehnung von Zwangsmaßnahmen in der Kasuistik war nicht zu beobachten.

Schlussfolgerung Zwangsmaßnahmen führen zu medizinethischen Konflikten. Der Einfluss dieser Konflikte auf die Anwendung von Zwangsmaßnahmen durch Mitarbeiter psychiatrischer Kliniken wird deshalb im Rahmen einer qualitativen Folgestudie, die auf den Ergebnissen dieser Untersuchung basiert, differenzierter untersucht werden.

Abstract

Background The practice of coercive treatment in psychiatric hospitals raises numerous medical, juridical and ethical questions. Moreover, coercive measures lead to the contradiction of certain medical ethical principles. We examined the attitudes of psychiatric hospital employees towards ethical conflicts in medicine and asked them how they decide for or against coercive measures through the help of a hypothetical case.

Method In a questionnaire, 73 psychiatric hospital employees of various professions were asked about their attitudes towards several ethical conflicts in medicine. They were requested to decide for or against the use of coercive measures in the case of a hypothetical patient suffering from schizophrenia.

Results The majority of the respondents agreed that in conflicts between principles of medical ethics the focus of treatment should be on the wellbeing of the patient (89 %) rather than on that of society (11 %). They also favored the principle of autonomy (58 %) over paternalism (42 %). The principle of nonmaleficence appeared to be equally important as beneficence (51 % vs. 49 %). Less invasive coercive measures (assistance through a person in charge) were preferred to more invasive ones (coercive medication), as our case vignette showed. There were no highly significant correlations found between sociodemographic factors (taking work experience and profession into account), judgement about medical ethical conflicts and the decision for or against coercive treatment. Both employees of closed wards with mid-long work experience (6–15 years) as well as nursing staff were more likely to choose coercive treatment. No statistically significant correlation could be determined between the preference of medical ethical principles and decisions about coercive treatment.

Conclusion Coercive treatment leads to ethical conflicts in medicine. The impact of such conflicts on the application of coercive measures through employees of psychiatric hospitals should be further explored and examined.