Psych Pflege 2019; 25(04): 206
DOI: 10.1055/a-0897-9570
Rund um die Psychiatrie
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Für Sie gelesen: Aktuelle Studien: Chowdhury N, Gibson K, Wetherell M. Polyphonies of depression: The relationship between voices-of-the-self in young professional women aka „top girls”. Health 2019; 1–18; DOI: 10.1177/1363459319846934

Further Information

Publication History

Publication Date:
30 July 2019 (online)

Hintergrund: Zahlreiche, oftmals quantitative Studien haben bereits die Zusammenhänge zwischen Perfektionismus, Emotionalität und Depression untersucht. Ebenfalls bietet die wissenschaftliche Literatur viele Forschungsarbeiten über Frauen und Depression an. Im öffentlichen Diskurs werden junge, leistungsorientierte Frauen, die vornehmlich der Mittelschicht angehören, als Vorreiterinnen des sozialen Wandels positioniert beziehungsweise dargestellt. Im Rahmen eines umfassenderen kulturellen Wandels hin zu einer „Feminisierung des Erfolgs“ wird ihnen eine neue, betörende, postfeministische Identität als „Top-Girl“ zugeschrieben. Diese Studie fokussiert sich auf das noch unbekannte Feld, wie junge, gut ausgebildete (oder ehrgeizige) Frauen mit Depressionen umgehen und welche (eingeschränkten) Handlungsoptionen durch die mit dem „Top-Girl“-Ideal assoziierten diskursiven Praktiken (sprachbasierte Verhaltensmuster) vorgegeben zu sein scheinen. Die „Stimmen“ der Depression sind manchmal laut und fordernd oder zögerlich und stockend. In der Studie wird untersucht, welche Bedeutung junge weibliche Fachkräfte ihrer Depressionserfahrung zuschreiben.

Methode: In einer größeren qualitativen Studie zum soziokulturellen Kontext von emotionaler Belastung und Depression bei jungen weiblichen Fachkräften in Neuseeland wurden 13 Frauen zu ihren Erfahrungen mit Depressionen befragt. Die Studienteilnehmerinnen waren im Alter zwischen 24–39 Jahren. Sie besitzen alle einen akademischen Abschluss und arbeiten in Berufen die hohe Leistungsbereitschaft voraussetzen.

Ergebnis: Die Mehrheit der Probandinnen berichtet über den Umgang mit Depressionen und das Erleben zusätzlicher Formen von emotionaler Belastung, wie zum Beispiel Angstzustände. Basierend auf einem dialogischen Ansatz zur Theoretisierung und Erforschung der Subjektivität wurden sich wiederholende Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Stimmen des Selbst („Voices-of-the-self“) und den Stimmen der Depression („Voices of depression“) identifiziert. Das am weitesten verbreitete Muster sind die sogenannten fordernden Stimmen („demanding voices“)“. Diese stehen im Zusammenhang mit der Position des „Top-Girls“, welches die Depressionen als individuelles Defizit auffasst. Resistente Stimmen betonen dagegen Relationalität sowie die Bedeutsamkeit von sinnstiftenden Werten und scheinen daher für die individuelle Genesung produktiv zu sein.

Fazit: Die Erkenntnisse aus dieser Analyse könnten in der Psychotherapie fruchtbar eingesetzt werden, indem Frauen dazu ermutigt werden, die Zusammenhänge zwischen unrealistisch hohen Standards, geschlechtsspezifischem Druck und Depression zu untersuchen sowie außerhalb der „Top-Girl“-Identität die Selbstfürsorge zu fördern und Gesundungsstrategien zu finden.

Jörg Kußmaul