Z Geburtshilfe Neonatol 2019; 223(05): 317
DOI: 10.1055/a-0998-5999
Kommentar
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Altes Leid mit neuer Leitlinie

Old Troubles with New Guideline
Jürgen Lüthje
1  Erich Saling-Institut für Perinatale Medizin e.V., Berlin
,
Erich Saling
1  Erich Saling-Institut für Perinatale Medizin e.V., Berlin
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Publication Date:
17 October 2019 (online)

Wir begrüßen es sehr, dass mit der aktuellen Leitlinie „Prävention und Therapie der drohenden Frühgeburt“ [1] nun erstmals eine AWMF-Leitlinie zu diesem wichtigen Thema vorliegt. Dazu halten wir allerdings einige kritische Anmerkungen für erforderlich, genauer zum Totalen Muttermund-Verschluss (TMV), der in Kapitel 4.2 angesprochen wird.

Terminologische Empfehlungen des Inaugurators einer Methode sollten von vornherein beachtet werden. So muss zunächst einmal grundsätzlich zwischen einem Frühen Totalen Muttermund-Verschluss (FTMV) und einem Späten Totalen Muttermund-Verschluss (STMV) unterschieden werden. Um einen FTMV handelt es sich, wenn der Verschluss vor 16 SSW durchgeführt wird und der anatomische Portio- und Zervixbefund weitgehend normal ist. Für die in Kapitel 4.2 besprochene primäre Prävention kommt allein der FTMV in Betracht [2] [3].

Und wie auch immer man im Einzelnen zum Totalen Muttermund-Verschluss stehen mag: Es sollte doch allgemein Einigkeit darüber bestehen, dass eine Begriffsverwirrung niemandem nützt. In dieser Leitlinie wird leider wieder einmal der kardinale Fehler begangen, das Vorgehen in der Studie von Brix et al. [4] als „modifizierten Muttermund-Verschluss“ zu bezeichnen. Das ist ungefähr so zutreffend, als würde man von einem Fahrrad als „modifiziertem Automobil“ sprechen – nur weil beide der Fortbewegung auf Rädern dienen. Bei der Vorgehensweise von Brix et al. wird der wesentliche operative Teil des TMV, nämlich der komplette, sozusagen „wasserdichte“ Verschluss, auf dem gerade entscheidend dessen Wirkung beruht, gar nicht durchgeführt! Darauf hatte übrigens auch schon vor Jahren die Kollegin Dräger hingewiesen [5]. Welchen Eindruck soll der kritische Leser gewinnen, wenn er von einer Studie mit fehlendem Nutzen des TMV liest, in welcher gar kein TMV durchgeführt wurde?

Wichtige neuere Publikationen, in denen tatsächlich der Totale Muttermund-Verschluss (nach Saling) untersucht wurde, werden hingegen unverständlicherweise nicht berücksichtigt [6] [7].

Im Kapitel 7 der Leitlinie „Besonderheiten bei Gemini und höhergradigen Mehrlingen“ wird der TMV leider gar nicht erwähnt, obwohl der Kollege Schulze aus Cottbus zu diesem Thema eine schon vom Prinzip her interessante Originalarbeit publiziert hat [8].

Die AWMF schreibt: Die Leitlinien „beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren und sorgen für mehr Sicherheit in der Medizin …“ [9]. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, wäre eine wissenschaftlich sorgfältigere und kenntnisreichere Behandlung des Themas wünschenswert.