Aktuelle Urol
DOI: 10.1055/a-1005-6273
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Was verursacht Prostatakrebs? – Subjektive Krankheitsursachen von Patienten mit Prostatakarzinom

What causes prostate cancer: patient-perceived causes
Veronika Elisabeth Goethe
Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München, Klinik und Poliklinik für Urologie, München
,
Andreas Dinkel
Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München, Klinik und Poliklinik für Urologie, München
,
Helga Schulwitz
Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München, Klinik und Poliklinik für Urologie, München
,
Alexandra Nöhreiter
Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München, Klinik und Poliklinik für Urologie, München
,
Jürgen Erich Gschwend
Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München, Klinik und Poliklinik für Urologie, München
,
Kathleen Herkommer
Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München, Klinik und Poliklinik für Urologie, München
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Publication History

Publication Date:
08 October 2019 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund Die durch ein Prostatakarzinom (PCa) verursachte psychosoziale Belastung kann bei Patienten noch Jahre nach erfolgter Therapie persistieren. Ein möglicher Faktor ist dabei die subjektiv wahrgenommene Krankheitsursache, die das Belastungserleben, die Therapie und das weitere Präventivverhalten maßgeblich beeinflussen kann. Ziel der Studie war deswegen, von Patienten geäußerte subjektive Gründe für das PCa zu erfassen und assoziierte Faktoren zu untersuchen.

Material und Methoden Eingeschlossen wurden an PCa erkrankte Patienten aus dem nationalen Forschungsprojekt „Familiäres Prostatakarzinom“. Im Rahmen der jährlichen Nachbefragung, die postalisch erfolgt, wurde den Patienten eine Frage zu den subjektiv wahrgenommenen Krankheitsursachen für ihr Prostatakarzinom gestellt. Die Antworten wurden 18 möglichen Kategorien zugeordnet. Zudem wurde der Zusammenhang der subjektiv wahrgenommenen Krankheitsursache mit Zweittumoren, einer positiven Familienanamnese für Tumorerkrankungen und soziodemografischen Faktoren untersucht.

Ergebnisse Von den 9 047 befragten Männern machten 4 054 (44,8 %) Angaben zu den subjektiv wahrgenommenen Ursachen für ihr PCa. Die mittlere Zeit seit Diagnose lag bei 10,1 Jahren bei einem mittleren Alter bei Diagnose von 63,1 Jahren. Die häufigsten Antworten waren „Weiß nicht.“ (31,8 %), Genetik (30,1 %) und Stress (18,5 %). Mit 2,5 % wurde das Alter, der wichtigste Risikofaktor für PCa, nur selten genannt. Neben diesen Antworten wurden auch ungewöhnliche nicht evidenzbasierte Gründe angegeben. Männer mit einer positiven Familienanamnese für PCa nannten gegenüber sporadischen Fällen etwa 4-mal häufiger Genetik als Ursache für ihre Erkrankung. Dieser Anteil nahm mit steigender Anzahl an von PCa betroffenen Familienmitgliedern weiter zu. Männer, die bei Diagnose 65 Jahre oder jünger waren, gaben etwa doppelt so häufig Stress als den Auslöser ihres PCa an als Männer, die bei Diagnose älter als 65 Jahre waren.

Schlussfolgerung Die meisten befragten Männer gaben nicht evidenzbasierte Gründe als ursächlich für ihr Prostatakarzinom an. Hier mangelt es offensichtlich noch an Aufklärung, sodass Vorsorgeprogramme gezielt und öffentlichkeitswirksam auf die evidenzbasierten Ursachen eingehen sollten. Aufgrund der Bedeutung der subjektiven Krankheitstheorie für das Belastungserleben und die weitere Behandlung sollte die subjektive Krankheitsursache des Patienten vom behandelnden Urologen erhoben und berücksichtigt werden.

Abstract

Background Psychosocial distress caused by prostate cancer (PCa) can persist in patients for years after treatment. A possible factor in this context is the subjectively perceived cause of the disease, which can have a significant influence on the experience of distress, therapy adherence and preventive behaviour. The aim of this study was to record subjective reasons for PCa in long-term survivors and to investigate associated factors.

Material and methods PCa survivors from the national research project “Familial Prostate Cancer” were included in the study. As part of the annual postal follow-up questionnaire, PCa survivors were asked about subjectively perceived causes of their PCa. Responses were assigned to 18 possible categories. In addition, the association between the subjectively perceived causes of PCa and secondary tumours, a positive family history of tumour diseases and sociodemographic factors was investigated.

Results Of the 9 047 PCa survivors surveyed, 4 054 (44.8 %) provided information on the subjectively perceived causes of their PCa and were included in this analysis. The mean time since diagnosis was 10.1 years with a mean age of 63.1 years at diagnosis. The most frequent responses were “don’t know” (31.8 %), genetics (30.1 %) and stress (18.5 %). Age, the most important risk factor for PCa, was rarely mentioned (2.5 %). In addition to these responses, unusual non-evidence-based reasons were also reported. Men with a positive family history of PCa cited genetics as the cause of their disease about 4 times more frequently than sporadic cases. This proportion increased with the number of affected family members. PCa survivors aged ≤ 65 years at diagnosis indicated stress as the cause of their PCa approximately 2 times more often than men who were older than 65 years at PCa diagnosis.

Conclusion Most men surveyed reported non-evidence-based causes of their PCa. Preventive programs should address the evidence-based causes more distinctly and with a high visibility. Due to the significance of lay illness beliefs for the experience of distress and the adherence to treatment, the patient's subjective cause of disease should be surveyed and considered by the urologist in charge.