Phlebologie 2020; 49(01): 31-50
DOI: 10.1055/a-1012-7670
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Lipödem – Mythen und Fakten Teil 5[*]

Streitschrift für eine European Best Practice of Lipoedema – Zusammenfassung des Konsensus des European Lipoedema-ForumsArticle in several languages: English | deutsch
Tobias Bertsch
1  Foeldiclinic Hinterzarten – European Center of Lymphology, Germany
,
Gabriele Erbacher
1  Foeldiclinic Hinterzarten – European Center of Lymphology, Germany
,
D. Corda
2  Polimedica San Lanfranco, Pavia, Italy
,
R. J. Damstra
3  Center of Expertise for Lymphovascular Medicine, Nij Smellinghe, Drachten, The Netherlands
,
K. van Duinen
3  Center of Expertise for Lymphovascular Medicine, Nij Smellinghe, Drachten, The Netherlands
,
R. Elwell
4  University-Hospitals of North Midlands, UK
,
J. van Esch-Smeenge
3  Center of Expertise for Lymphovascular Medicine, Nij Smellinghe, Drachten, The Netherlands
,
G. Faerber
5  Zentrum für Gefäßmedizin, Vascular Medicine, Hamburg, Germany
,
S. Fetzer
6  Patient self-help organisation Lipoedema UK
,
J. Fink
7  Department of General and Visceral Surgery at the Medical Center – University of Freiburg, Germany
,
A. Fleming
8  Rehabilitation-Centre Reade, Amsterdam, Netherlands
,
Y. Frambach
9  Hanse-Klinik, Clinic for Liposuction, Lübeck, Germany
,
K. Gordon
10  St.-George’s-Hospital, London, GB
,
D. Hardy
11  Kendal-Lymphology-Centre, UK
,
A. Hendrickx
3  Center of Expertise for Lymphovascular Medicine, Nij Smellinghe, Drachten, The Netherlands
,
T. Hirsch
12  Praxis für Innere Medizin und Gefäßkrankheiten, Vascular Medicine, Halle, Germany
,
B. Koet
3  Center of Expertise for Lymphovascular Medicine, Nij Smellinghe, Drachten, The Netherlands
,
P. Mallinger
13  Klinikum Klagenfurt, Austria
,
A. Miller
14  Dermatologische Praxis, Berlin, Germany
,
C. Moffatt
15  Nottingham-Trent-University, UK
,
N. Torio-Padron
16  Praxisklinik für Plastische Chirurgie, Freiburg, Germany
,
C. Ure
17  Lymphklinik Wolfsberg, Austria
,
S. Wagner
18  RehaClinic Bad Zurzach, Switzerland
,
T. Zähringer
1  Foeldiclinic Hinterzarten – European Center of Lymphology, Germany
› Author Affiliations
Further Information

Publication History

Publication Date:
31 January 2020 (online)

Zusammenfassung

Die Mythen und Fakten des Lipödems waren das Thema der vergangenen 4 Teile dieser Artikelserie. Wir konnten zeigen, dass für die zentralen – und immer wieder publizierten – Statements zum Lipödem keinerlei wissenschaftliche Evidenz vorliegt. Wesentliche Folge dieses „Fehlverständnisses“ der Erkrankung Lipödem ist ein Therapiekonzept, welches an den tatsächlichen Beschwerden der Patientinnen weitgehend vorbeigeht.

Der nationale, aber vor allem auch der internationale Zuspruch, der auch in Englisch zu lesenden Reihe, war immens und übertraf all unsere Erwartungen. Die zahlreichen Reaktionen auf unsere Artikelserie machten eines deutlich: Auch in anderen Ländern führen die Stilblüten des Lipödems zu einer zunehmenden Diskrepanz zwischen den Erfahrungen der Behandler und der durch – meist ärztlich verursachten – Fehlinformation geleiteten Perspektive der Patientinnen und Selbsthilfegruppen.

Die Teile 1 bis 4 der Artikelserie über die Mythen des Lipödems haben deutlich gemacht, dass wir diese seit Jahrzehnten tradierte Perspektive auf die Erkrankung Lipödem verändern müssen. Veränderung der Perspektive heißt: Weg vom „Ödem im Lipödem“, damit auch weg vom Dogma der notwendigen „Entstauung“ und hin zu den tatsächlichen Beschwerden unserer Lipödem-Patientinnen. Ein solcher Paradigmenwechsel eines seit Jahrzehnten auf immer gleiche Weise beschriebenen Krankheitsbildes kann nicht Aufgabe Einzelner sein, sondern muss auf breite Füße gestellt werden. Aus diesem Grund hat der ärztliche Erstautor dieser Artikelreihe renommierte Lipödem-Experten aus verschiedenen europäischen Ländern zu einer Diskussion über das Lipödem eingeladen. Ziel der beiden „European Lipoedema-Foren“, an denen Experten aus 7 Ländern teilnahmen, war die Erstellung eines Konsensus. Dieser Konsensus spiegelt unter Sichtung der zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Literatur – bei gleichzeitiger Berücksichtigung der jeweils langjährigen klinischen Arbeit mit diesen Patientinnen – die gemeinsame Sicht der beteiligten europäischen Experten auf diese Erkrankung wider. Der Komplexität des Krankheitsbildes Lipödem angemessen war auch die Struktur der Teilnehmer interdisziplinär. Nahezu alle Teilnehmer des European Lipoedema-Forum haben in der Vergangenheit entweder über das Lipödem publiziert bzw. an ihren nationalen Lipödem-Leitlinien mitgearbeitet oder sind in Vorständen ihrer Fachgesellschaften vertreten.

In diesem fünften und letzten Teil unserer Artikelserie über das Lipödem sollen vorab die wesentlichen Ergebnisse dieses Konsensus kurz zusammengefasst werden, wobei der Fokus auf der empfohlenen Therapie des Lipödems liegt. Das eigentliche Konsensus-Papier, „European Best Practice of Lipoedema“, wird dann in einem zweiten Schritt im Rahmen einer internationalen Publikation veröffentlicht.

Statt einer Ödem-Behandlung wird im Konsensus-Papier auf die Behandlung des Weichteilschmerzes ebenso fokussiert wie auf die psychische Vulnerabilität der Lipödem-Patientin. Zusammenhänge zwischen der Schmerzwahrnehmung und der psychischen Situation der Patientin werden anerkannt und gezielt behandelt. Hierbei wird auch das Problem der Selbstakzeptanz thematisiert und spielt im neuen Behandlungskonzept eine herausragende Rolle. Eine weitere Therapiesäule stellt die Adipositas-Behandlung dar. Adipositas wird somit als mit Abstand häufigste Begleiterkrankung – und wesentlicher Trigger – des Lipödems akzeptiert. Bei schwer adipösen Lipödem-Patientinnen sollte daher auch die bariatrische Operation erwogen werden. Kompressionstherapie und gezielte Bewegungsaktivität wurden von der Expertengruppe deutlich aufgewertet, da durch die nachgewiesenen antiinflammatorischen Effekte die Beschwerden der Patienten direkt verbessert werden. Durch ein individualisiertes Selbstmanagement werden den Patientinnen Tools mit an die Hand gegeben, die den Therapieerfolg nachhaltig stabilisieren. Sollte die konservative Therapie zu keiner relevanten Beschwerdebesserung führen, kann die Liposuktion unter Einhaltung klar definierter Vorgaben erwogen werden.

Die hier beschriebene Veränderung der Perspektive auf das Lipödem stellt die tatsächlichen Beschwerden der Patientinnen in den Fokus. Dies ermöglicht eine umfassendere, damit bessere und auch nachhaltigere Behandlung als die Fokussierung auf ein nie nachgewiesenes Ödem und dessen Entstauung.

* Alle Autoren teilen sich die Erstautorenschaft.


Ergänzendes Material/Supplementary Material