Z Sex Forsch 2020; 33(01): 35-38
DOI: 10.1055/a-1099-4989
Bericht

Laudatio für Volkmar Sigusch anlässlich der Verleihung des Sigmund-Freud-Kulturpreises am 30. Mai 2019 im Festsaal der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Lutz Garrels
Frankfurt am Main
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„Auch die, die gegen den Strom schwimmen, schwimmen im Strom“ ([Sigusch 2013]: 17).

Volkmar Sigusch hat Sigmund Freud einmal einen „Poetosexuologen“ genannt, einen „Poetosexuologen“ allerhöchsten Ranges ([Sigusch 2005]: 30). Dabei ist auch er selbst ein erstklassiger „Poetosexuologe“. Vielleicht kennen Sie die wunderbaren Aufsätze von Thomas Ogden, in denen Ogden sich mit Sprache und Denken wichtiger Psychoanalytiker beschäftigt: Sie heißen „Reading Freud“, „Reading Winnicott“ oder „Reading Bion“. Schade, dass Herr Ogden die Texte Volkmar Siguschs nicht kennt. Denn uns fehlt noch unbedingt ein „Reading Sigusch“- Aufsatz. Volkmar Sigusch ist ein Sprachakrobat. Seine Sprache ist scharf und spitz, sie ist gespickt mit Metaphern und Verweisen. Dennoch bleibt sie klar und eindeutig, selbst dann, wenn sie Eindeutigkeit verweigert. Sie ist manchmal aufgebläht, eitel vielleicht auch an der einen oder anderen Stelle, aber niemals leer, verwischt oder ausweichend. Sie tun gut daran, ein Fremdwörterbuch und ein philosophisches Grundlagenwerk griffbereit zu haben. Derart gerüstet, sind Sie dann für ein paar kleine Kostproben bereit: Entnommen habe ich sie dem Buch „Sexualitäten. Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten“, in der das Fragment 31 mit der Frage beginnt: „Was treibt uns?“ ([Sigusch 2013]: 167). Sigusch setzt sich hier mit dem Trieb auseinander und stellt den Begriff des Motivs entgegen, der – in Teilen der Sexualwissenschaften, der Psychologie und sogar auch der Psychoanalyse – zunehmend den des Triebes ersetzen soll. Zuvor bemerkt Sigusch aber, dass schon längst auch der Trieb keine einheitliche Verwendung mehr findet und von seinem widerständigen und disparaten Gehalt und sogar von Sexualität überhaupt abgetrennt worden ist. Er stellt fest, dass viele Triebe behauptet worden seien – und gerade auch solche, die das ins Zentrum stellen, was die Gesellschaftsform diktiert: Streben nach Macht oder nach Besitz und Geltung oder sogar danach, die geforderte Arbeit erfolgreich zu leisten. Das chaotische, disparate, unauflösliche Element des Triebes wurde alsbald wieder verbannt ([Sigusch 2013]).

Sigusch wendet sich dann dem Begriff des Motivs zu, den er aber in Windeseile zerlegt, weil

„ein ‚Motivsammler‘ ein Briefmarkensammler ist, der die ‚Postwertzeichen‘ nach den Bildmotiven ordnet. Dem Trieb dagegen sind sinn- und sachverwandt: Leidenschaft, Neigung, Schößling, Treibmittel. Wer dem ‚Trieb nachgibt‘, ‚koitiert‘ laut Duden. Das ist wohl kaum die Folge von ‚dem Motiv nachgeben‘ oder ‚motiviert sein‘. Um ‚Trieb‘ herum stehen: triebhaft (laut Duden: animalisch, tierisch, libidinös, siehe sexuell), Triebstoff, Triebtäter (siehe Verbrecher), Triebwagen (siehe Lokomotive), Triebwerk (siehe Motor). Da weiß man doch, anders als beim Motiv, worum es geht und worauf es hinausläuft: tierisch, Verbrechen, Betrieb, Vertrieb, Treibjagd – und, nicht zu vergessen: Abtreibung“ ([Sigusch 2019]: 40).

Es ist Ihnen nicht entgangen, dass ich diese Passage auch mit einem Gedanken an unser Tagungsthema ausgewählt habe: Tat-Ort Körper.

Wo der Zeitgeist in eine andere Richtung weht, hält der kritische Sexualwissenschaftler an Freud und am Trieb fest. Ich zitiere Sigusch mit Freud:

„Wo die Viktorianer die elendige Lust dümpelten und die Liebe mystifizierten, sprach Freud vom Leiblichen. Da der Trieb ‚nicht von außen, sondern vom Körperinnern her angreift, kann auch keine Flucht gegen ihn nützen‘ (Freud 1915a: 212). […] Wo die Bürger ihrem Egoismus frönten, insistierte Freud auf dem Recht der Körperlüste und der Mitmenschlichkeit: ‚aber endlich muß man beginnen zu lieben‘ (Freud 1914:151). Freud war ein unbeugsamer biologischer Materialist, in dessen Lehre sich die optimistische und die pessimistische Strömung dieses Denkens verschränken, ein materialistischer Psychologe, der den individuellen Prozeduren der Fesselung auf die Spur kam und zugleich der Entfesselung einen Ort des Überwinterns gab, der dem, was verboten war, nicht mitkam oder sonst wie die Zeche zu bezahlen hatte, in den Subjekten selbst einen Unterschlupf bereitete“ ([Sigusch 2013]: 172).

Sie hören die große Wertschätzung für Freud und das flammende Plädoyer für den Trieb und für das Leibliche. Da lebt etwas! Da züngelt und flammt es! Das steht gegen kulturell gezähmte Einhegungen des triebhaften Körpers mit ihren leidenschafts- und kraftlosen Romantisierungen und Mystifizierungen, in denen nichts mehr wirklich brennt. Sigusch beruft sich auf Freud, wenn er triebhafte Erregung und ihre Entfesselung mit Menschlichkeit, sogar mit Mitmenschlichkeit verbindet, während er die kulturellen Fesselungen als Unterdrückung ansieht.

Mit Adorno und Horkheimer kommt Sigusch dann auf Odysseus zu sprechen, der schon „das Furchtbare“ habe praktizieren müssen: nämlich das Triebhafte stutzen, die Ohren seiner Gefährten mit Wachs verstopfen, an den Sirenen vorbeifahren, nach Leibeskräften rudern. Odysseus, ohnmächtig an den Mast gebunden, hört nur noch die Verlockung. Der Mythos zeigt etwas von einer Verschlingung von Lust, Realität und Verbot, wie sie – nach Horkheimer und Adorno und Sigusch – in jeder Kindheit wiederholt werden ([Sigusch 2013]).

Aber Freud selbst war nach Sigusch

„auch ein Bürger, der wie Odysseus den Trieb bekämpfte, der die Lust zur Vernunft bringen wollte, ob es nun die Arterhaltung oder die ‚Kultur‘ war, in deren Dienst sie zu treten hatte. Er dachte den Trieb nicht als ‚Zweckmäßigkeit ohne Zweck‘ (Kant), als Nützlichkeit ohne Nutzen; er kalkulierte und versachlichte, indem er ihn aus ominös fixierten Quellen entspringen ließ und an Objekte und Ziele lötete, die als anständig und vernünftig imponierten. Freud konnte sich nicht entscheiden, ob er den Trieb loben oder tadeln sollte. […] Offen bleibt bei ihm, was den Ausschlag geben sollte: der Triebverzicht oder die Triebbefriedigung. Diese Offenheit aber, diese Widersprüchlichkeiten in seiner Theorie sind keine persönliche Inkonsequenz. Sie haben in der Doppelbödigkeit des Ganzen ihr Fundamentum in re“ ([Sigusch 2013]: 173).

Und erlauben Sie mir an dieser Stelle noch ein vorläufig letztes Zitat, weil es auf einer Tagung über den Körper darauf hinweist,

„dass der Leib nicht nur eine Stätte des Schmerzes und der Verrottung ist, sondern auch ein Organon der Lust, dass er selbst als zum Arbeitsinstrument umgebildeter noch eigene, noch Körperlüste birgt, wenngleich historisch genital zentriert“ ([Sigusch 2013]: 173).

Lieber Herr Sigusch, sehr geehrte Frau Johne, lieber Herr Grabska, liebe Bettina Brodt, sehr geehrte Damen und Herren,

Volkmar Sigusch wird heute Abend der Sigmund-Freud-Kulturpreis verliehen. Ein Preis, der alle zwei Jahre von der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung und der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft an Nicht-PsychoanalytikerInnen vergeben wird, die die Psychoanalyse in kreativ-kritischer Weise aufnehmen und verwenden. Volkmar Sigusch stellt sich damit in die stolze Reihe der vorangegangenen Preisträger: Christoph Türcke, Dieter Schnebel, Christina von Braun, Georges-Arthur Goldschmidt und Bernhard Waldenfels.

Lassen Sie mich ein paar Worte zu seiner Biografie sagen. Volkmar Sigusch wuchs in der ehemaligen DDR auf. Seine Herkunft aus einem autoritären Staat dürfte an der Entwicklung seines unangepassten, provokativen Geistes nicht unbeteiligt gewesen sein. Schon das Elternhaus war dem politischen Apparat suspekt. Sigusch selbst geriet in Verdacht, weil er in der Zeit seines Medizinstudiums in einer Gruppe von Kommilitonen Marx gelesen hatte. Nun, das allein ist schon eine Kunst: die Lektüre von Marx so auszuwählen, dass sie kommunistischen Häschern verdächtig wird. Sigusch hatte die in der DDR verbotenen philosophischen Frühschriften von Marx aus dem Westen geholt und in einer Gruppe in einem Ostberliner Keller heimlich studiert. Schon vorher einmal verhaftet, floh er im Jahr des Mauerbaus in den Westen. In Frankfurt am Main setzte er sein Medizinstudium fort und besuchte parallel Vorlesungen von Horkheimer und Adorno. 1972, mittlerweile in Hamburg, habilitierte er sich als weltweit erster Wissenschaftler im Fach Sexualwissenschaft. Gleich darauf erfolgte die Berufung durch die Uni Frankfurt – und zwar als bis dahin jüngster Medizinprofessor. 1972 herrschte in der Folge der 68er ein gesellschaftlicher Geist, der einen fortschrittlichen und offen denkenden medizinischen Fachbereich – (so etwas gab es damals noch) – ein sexualwissenschaftliches Institut gründen ließ – und zwar an einem „Zentrum für psychosoziale Grundlagen der Medizin“. Dieser so besondere Ort, lieber Herr Sigusch, ist dann auch der Ort gewesen, an dem sich unsere Lebenslinien für eine Weile gekreuzt haben. Ich erinnere mich gerne daran. Tempora mutantur. 2006, also 34 Jahre oder eine Generation später, wurde mit der Emeritierung von Volkmar Sigusch zuerst das Institut für Sexualwissenschaft und wenig später das Zentrum für Psychosoziale Grundlagen der Medizin durch den medizinischen Fachbereich der Johann Wolfgang Goethe-Universität abgewickelt und die verbliebenen personellen und finanziellen Mittel einer biologistisch ausgerichteten Psychiatrie zugeschlagen. Sigusch spricht scharf von der gegenwärtigen Medizin als der „Hure“, die alles abschaffe, was sich nicht sofort bezahlbar mache, vor allem das Nachdenken über ihre Praxis und die eigene Geschichte ([Sigusch 2013]: 23).

Ich möchte gerne, in der gebotenen Kürze, ein wenig in das Werk von Volkmar Sigusch eintauchen. Vorher aber scheint es mir unabdingbar, eine Idee davon zu geben, wie ungeheuer produktiv und wichtig sein Wirken bis heute gewesen ist. Ich erlaube mir, das in ein paar Stichworten darzustellen:

Volkmar Sigusch hat – Stand jetzt – ungefähr 850 Aufsätze und 46 Monografien veröffentlicht. Sie müssen sich dabei sein Denken und Schreiben mycelartig vorstellen, als ein wachsendes und sich verzweigendes Geflecht. Manche Schriften sind abgeschlossen, andere erfahren Veränderungen und Überarbeitungen. Volkmar Sigusch collagiert. Darüber verbinden sich Gedanken, wachsen zusammen, aber auch wieder auseinander. Das gibt seinem Schreiben etwas Unabgeschlossenes.

Ich möchte ein paar zentrale Bücher nennen: Da ist „Sexuelle Störungen und ihre Behandlung“ (2007), ein von ihm herausgegebenes Lehrbuch, das wahrscheinlich viele von Ihnen zumindest in Händen gehalten haben. Als eine Frucht langjähriger Forschungsarbeit sind zwei großartige Enzyklopädien entstanden: 2008 „Geschichte der Sexualwissenschaft“ und 2009 „Personenlexikon der Sexualforschung“, die zweifellos für viele Generationen Standardwerke sein werden: eine einzigartige historische Arbeit, die eine ausführliche Übersicht zur Entstehung und Entwicklung dieses Fachgebietes gibt, wie sie zuvor nie existiert hat. Von den vielen allein verfassten Werken ist eine Abhandlung besonders zu nennen: „Die Mystifikation des Sexuellen“ (1984) – weil es eines der besonders gelungenen Bücher von Sigusch ist und weil es als Werk des Jahrhunderts in die „Encyclopédie philosophique universelle“ der „Presses Universitaires de France“ aufgenommen worden ist.

Sigusch war Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, Fellow der Society for the Scientific Study of Sex, Charter der Harry Benjamin Gender Dysphoria Association, Mitglied im Internationalen Wissenschaftlichen Beirat der Scuola Superiore in Rom, Mitglied im International Council of Sex Education and Parenthood der American University in Washington, Mitglied im Kuratorium der AIDS-Hilfe, Mitglied des Nobelkommittees zur Vergabe des Medizin-Nobelpreises. Er hat die „Zeitschrift für Sexualforschung“ mitbegründet und mitherausgegeben und war Co-Herausgeber der „Archives of Sexual Behavior“, außerdem im Board der „Psyche“ und weiteren Fachzeitschriften.

Dieser Ausschnitt aus einem langen, reichen Schaffen muss hier genügen. Denn es bleibt noch eine wichtige Frage offen: Wofür eigentlich bekommt Volkmar Sigusch den Sigmund-Freud-Kulturpreis? Nun, wenn die Psychoanalyse noch etwas mit Sexualität zu tun hat – und das ist ja heute in keiner Weise mehr selbstverständlich –, dann hat Volkmar Sigusch den Preis dafür verdient, dass er uns PsychoanalytikerInnen genau daran erinnert: Psychoanalyse hat unbedingt mit Sexualität zu tun, ruft er uns mahnend zu. Vergesst nicht den Trieb! Volkmar Sigusch erklärt uns das komplexe, schwierige Feld von Sexualität. Er hat nie aufgehört, uns zu erinnern, wie Sexualität von Kultur, also von gesellschaftlichen Wirkungen durchdrungen ist – so sehr wir uns auch bemühen, den Gefährten des Odysseus ganz ähnlich, unsere Ohren mit Wachs zu verschließen.

Siguschs Erzählung von Sexualität, einer europäischen Geschichte, die er, wie er sagt, als weißer Mann aus Mitteleuropa berichtet ([Sigusch 2013]: 11), beginnt mit der Französischen Revolution und mit der Aufklärung, mit dem Zerfall von epistemischer und religiöser Sphäre. „Was vordem unreflektiert als Verkündigung oder Immerschonso zusammenfiel, brach auseinander“ ([Sigusch 2019]: 69). Diese Veränderungen sind auf der einen Seite Befreiung gewesen, auf der anderen Seite haben sie zu neuen Versagungen und Repressionen geführt. Um das auszuführen, bezieht er sich auf die Erkenntnis Hegels, dass der „wilde Mogulitze“ den Herrn außer sich hat, während der vernünftige und sexuelle Repräsentant der neuen europäischen Gesellschaft den Herrn in sich trägt und zugleich sein eigener Knecht ist. Dem Bewusstsein für das eigene Triebhafte, für Neigungen, Liebe, Sinnlichkeit steht etwas gegenüber, das für Hegel das Allgemeine gewesen ist und das wir mit heutigen Worten oft die soziale Ordnung nennen, an die das „Pflichtgebot“ des Individuums bindet. „Das also meint subiectum. So also kann das Prinzip der Subjektivität als eines der Herrschaft verstanden werden“ ([Sigusch 2019]: 71).

Sigusch versteht kritische Sexualwissenschaft als eine, die Aporien im Blick hat und grenzt sie von „affirmativer“ Sexualwissenschaft ab.

„Affirmative Sexualwissenschaft hat das Bedürfnis nach Veränderung abgespeist mit Pessaren und Sexualkundeatlanten, mit Nacktkörperkultur und Gardinenpredigten und, wenn es sich nicht abspeisen ließ, bekämpft mit Medikamenten und operativen Eingriffen, mit Gutachten und Experimenten“ ([Sigusch 2019]: 73).

Über kritische Sexualwissenschaft schreibt Volkmar Sigusch im Gegenzug:

„Sich selber, auch ein Disparates, redet sie ein, […] Lebensnot und Lebenswahrheit finden zu müssen. Da sie aber vom Widerspruch aus denkt, macht sie sich über die Schwere und Unlösbarkeit ihrer Aufgabe keine Illusion: Sexualwissenschaft will zur Befreiung des Sexuellen beitragen und kommt spätestens als Praxis nicht umhin, dessen Zügelung zuzuarbeiten, weil zu sich gekommene Triebliebe keine Bleibe hat, ein ou topos ist, eine U-topie: der Mensch als Mensch und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches“ ([Sigusch 2019]: 74).

Es gibt noch viel aufzuzählen, in der Erzählung, die Volkmar Sigusch uns hinterlässt. Er spricht über sexuelle Revolutionen, insbesondere auch über die letzte, die er „neosexuelle“ Revolution genannt hat. Er spricht über die Dissoziation von Reproduktion und Sexualität, über die Dissoziation von Geschlecht und Sexualität, er spricht über Transsexuelle und Zissexuelle, natürlich über Aids, über Pornografie und über Pornophile und Pornoklasten, über Homosexualität bzw. über Schwule und Lesben, über Pädophilie und Intersexualität, auch über eine Ars erotica. Ich würde Ihnen gerne stundenlang Erzählungen Volkmar Siguschs ausbreiten. Allein mein „Pflichtgebot“ zügelt mich hier. Aber einen Punkt schulde ich Ihnen noch. Ich fand es passend, die Laudatio für Volkmar Sigusch auf dieser Tagung über den Körper mit seiner Sicht auf den Trieb zu beginnen, aber ich habe sie Ihnen noch nicht zum Abschluss gebracht.

Wie für Freud ist auch für Volkmar Sigusch der Trieb ein „Grenzbegriff“, allerdings weniger einer zwischen der Sphäre des Körperlichen und des Seelischen, sondern zwischen der des Individuums und der Gesellschaft. Im Trieb wirken Kräfte, die dem Individuellen entstammen, ebenso wie Kräfte, die vom Gesellschaftlichen her kommen. Triebe werden nach Sigusch nicht „mitgebracht wie Dickdarmzellen“. Sie sind nicht angeboren und nicht ererbt.

„Sie haben eine kollektive und eine individuelle Geschichte, durch die sie gebildet, abgebaut, verschoben verdrängt, sublimiert, gebrochen, reflektiert, codiert, symbolisiert, mit Bedeutung und Sinn versehen werden“ ([Sigusch 2013]: 181).

Im Gegensatz zu den Instinkten hängt ihnen immer auch etwas an, das symbolisch repräsentiert ist. Der Trieb hat für Volkmar Sigusch zwar auch eine körperliche Wurzel, aber das Körperliche tritt in seinen Ausführungen schnell wieder in den Hintergrund. Siguschs Trieb ist sicherlich kein somatischer und auch kaum ein psychosomatischer, aber vielleicht ein soziopsychosomatischer – hervorgegangen aus einem Zusammenfallen von „naturalen“ und gesellschaftlichen Lebensprozessen, die nicht voneinander zu trennen sind. „Das, was wir Trieb nennen, ist eine scheinbare Unmittelbarkeit, vermittelt durch das allgemein individuelle Leben“ ([Sigusch 2013]: 184).

„Triebschicksale“ sind nie angeboren, sie werden „fabriziert“, entstehen durch Interaktionen. Ihre Kerne sind Bildungen des „Sexuellen“, die sich aus wechselseitigen Verstrickungen des kleinen Kindes mit seinen Bezugspersonen ergeben. Sigusch sympathisiert dabei mit Laplanches Vorstellung, dass sich Sexuelles durch das Zusammenwirken „rätselhafter Botschaften“ mit Nachträglichkeit konstituiert. Allerdings sieht er nicht nur frühkindliche, sondern lebenslange Einflüsse, die das „Triebschicksal“ in einem ständigen Fluss halten. Die Triebhaftigkeit insgesamt, aber auch einzelne Strebungen des Sexualtriebes können zu verschiedenen Zeitpunkten verdrängt oder aber zugelassen werden.

Das Triebhafte ist nach Volkmar Sigusch eine Legierung des sexuell Triebhaften mit aggressiv Triebhaftem. Lust und Macht, Aggression und Appetenz, Sexualität und Herrschaft gehören zusammen ([Sigusch 2013]: 188). Die Angst vor einem Triebdurchbruch und vor destruktiv Triebhaftem ist so groß, eben weil sexuelle Lust auch aus Aggression entspringt: Vernichtung kann real werden. Außerdem ist der Tod immer schon nahe, was das „exzitatorische Geheimnis“ von Sexualität ausmacht. Das gilt für den Orgasmus, den „kleinen Tod“, für die körperliche und seelische Verschmelzung und auch für das Überschreiten von Verboten ([Sigusch 2013]: 188).

Damit möchte ich mit einer letzten Frage zum Ende kommen: Wie ist das Verhältnis Siguschs zur Psychoanalyse?

Nun, es ist ein äußerst intimes Verhältnis. Ein Liebesverhältnis. Aber weil bei Volkmar Sigusch alles disparat ist, ist es wohl auch ein Hassverhältnis. Volkmar Sigusch sagt, dass kritische Sexualwissenschaft durch die Psychoanalyse hindurchzugehen hat. Und das findet sich in allen seinen Schriften. Die Psychoanalyse ist der eine zentrale Referenzpunkt. Der andere ist die Kritische Theorie. Aber dabei ist seine Sicht auf die Psychoanalyse – und das gilt insbesondere für ihre organisierten und institutionalisierten Formen – vollkommen ambivalent. Manchmal habe ich das Gefühl, Volkmar Sigusch leide regelrecht an bestimmten Praktiken und Äußerungen von psychoanalytischer Seite. Kritik an der Psychoanalyse durchzieht sein gesamtes Werk. Er kritisiert sie vor allem da, wo sie sich am Aufstellen gesellschaftlicher Objektive und Dispositive beteiligt, wo sie durch Pathologisierungen und andere diskursive Formen repressive Macht aufbaut, um Individuen auszugrenzen. Dazu gehört natürlich Freuds Sicht auf die Frauen und auf weibliche Sexualität. Dazu gehört die Pathologisierung Homosexueller und der Ausschluss Homosexueller aus den psychoanalytischen Institutionen. Dazu gehört auch eine heute noch weit verbreitete Pathologisierung von Transsexualität oder von unkonventionellen Lebensformen. Volkmar Sigusch dürfte eine kritische Haltung auch gegenüber bestimmten psychoanalytischen Vorstellungen von Perversionen haben, die in seiner Sicht heute nicht mehr haltbar sind.

Und welcher Richtung von Psychoanalyse steht Volkmar Sigusch nahe? Nun, völlig klar: Es schaudert ihn gegen alle Tendenzen, die Triebtheorie aufgeben zu wollen. Er spricht von Revisionismus, und man meint, Adorno und Marcuse mitzuhören und wie sie alle gemeinsam von der „Neopsychoanalyse“ abgestoßen sind. Man könnte meinen, Volkmar Sigusch sollte der relationalen Psychoanalyse nahestehen, die tolerant in LGBT- und Gender-Fragen ist, offen für unangepasste Lebensformen, offen für kritisch-soziologische Denkräume. Aber nein, ich glaube, für ihn ist das „Weichspülerei“. Eine Psychoanalyse, die nicht auf der Triebtheorie besteht, nicht uneingeschränkt am Unbewussten festhält, ist nichts für ihn. Das Kritische bei Volkmar Sigusch hindert uns manchmal, wahrzunehmen, wie konservativ er in Wirklichkeit ist. Ich selbst habe das auch lange nicht bemerkt.

Der kritische Sexualwissenschaftler ist unser gutes schlechtes Gewissen oder ein Spiegel, ein exzentrischer Spiegel. Was wir darin sehen, ist nicht unbedingt schön. Vor allem enthüllt der Spiegel nämlich auch unsere Amaurosen. Er zeigt uns, dass wir immer in einem Verhältnis zu Kultur und Gesellschaft stehen. Und dieses Verhältnis bedeutet, dass wir ständig Kultur auch produzieren. So gerne wir uns als Befreier der „Fesseln der Liebe“ sehen, so sehr missfällt uns, dass der Sigusch’sche Spiegel uns nicht so sehr als Entfesselungskünstler zeigt, sondern als Dompteure und Zuchtmeister und wie wir daran beteiligt sind, unseren PatientInnen und uns selbst Fesseln anzulegen und sie straff zu ziehen.

Wir danken Ihnen, lieber Herr Sigusch, dass Sie diesen Spiegel trotzdem halten, so sehr wir uns auch schwer tun, hineinzuschauen. Und wenn wir Ihnen heute den Sigmund-Freud-Kulturpreis verleihen, sind wir ein bisschen auch stolz auf uns selbst, weil wir mutig genug gewesen sind, uns Ihrer Kritik zu stellen.



Publication History

Publication Date:
12 March 2020 (online)

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