intensiv 2020; 28(03): 118-119
DOI: 10.1055/a-1120-7652
Kolumne
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

… oder doch nur Schall und Rauch?

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Publication Date:
11 May 2020 (online)

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Quelle: Paavo Blåfield

„Ein Name ist nichts Geringes.“

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), deutscher Dichter und Naturforscher

Als ich Anfang der 1980er-Jahre meinen Sohn zur Welt gebracht habe und den Hebammen den Namen für das Kind mitteilen sollte, wurde blankes Entsetzen sichtbar. Friedrich! Eine Zeit, in der kleine Jungen gern Benjamin, Maik, Sven oder Philipp genannt wurden. Aber Friedrich, und dann noch vielleicht Fritz gerufen?! Das ging ja fast gar nicht. Dabei steht Friedrich nicht nur für „Frieden“, sondern ist auch Tradition in unserer Familie. Mein Großvater, Vater und mein Bruder heißen so. Außerdem gehört dieser Name schon seit dem 18. Jahrhundert zu den häufigsten Jungennamen, und keine Geringeren als Schiller, Nietzsche oder „… der Große“ trugen diesen Namen. Ach ja, und ganz aktuell hätten wir noch den Friedrich Merz. Aber damals taten alle so, als hätte ich meinen neugeborenen Sohn in irgendeinem seiner Menschenrechte beschnitten, und auch Freunde und Kollegen taten sich schwer mit diesem Namen. Aber im Lauf der Jahre hat sich dieses Misstrauen gewissermaßen „verwachsen“. Er ist ein selbstbewusster erwachsener Mann geworden, der unter der „Last“ des Namens nicht gelitten hat – und im Übrigen seinen erstgeborenen Sohn auch so nennen würde. Außerdem hat der Zeitgeist in Sachen Namensgebung für Kinder doch wieder einen Wandel erlebt und sogenannte alte Namen oder Familientraditionen sind wieder voll im Trend. So heißen Kinder heute gern, mindestens im Zweitnamen, wie die Großeltern, und es ist kein Erstaunen zu bemerken, wenn eine Mutter nach ihrem Emil oder Paul oder ihrer Martha oder Elisabeth ruft. Also, zumindest an diesem Punkt habe ich alles richtig gemacht. Unser Familienname Günther ist auch nicht so schlecht. Da haben es der Kabarettist Pufpaff und der neue Ostbeauftragte der Bundesregierung Wanderwitz deutlich schwerer als wir. Letzterer wohl am schwierigsten wegen der Kombination aus seinem Namen und seiner Funktion.

Mit der Namensgebung ist es ja so eine Sache. Wer verpasst eigentlich welcher Sache – ob Firma, irgendeinem Produkt oder Gesetz – einen möglichst griffigen, hippen, noch nicht vorhandenen, aussagekräftigen Namen? Ich glaube, da werden ganze Heerscharen von studierten Marketingmenschen bemüht. Bei Firmen ist es manchmal nicht so schwer. Oft bieten diese Namen eine Assoziation zum Produkt, zum Unternehmen, seinem Begründer und dessen Herkunft oder Interessen. Oder es ergibt sich einfach nur eine Abkürzung aus den Initialen. Wenn es ganz schlimm kommt, ergeben sich Firmennamen aus schmissigen Werbeslogans. Der Discounter PLUS ergibt sich übrigens aus dem Spruch „Prima leben und sparen“ und KiK, weil angeblich der Kunde König ist. Na, das wusste ich bisher auch nicht.

Meist werden Firmen ja nach dem Namen der Begründer genannt. Jeder kennt ALDI (von den Gebrüdern Albrecht) oder ADIDAS (nach Firmengründer Adolf „Adi“ Dassler). Auch HAKLE (nach Gründer Hans Klenk) und HARIBO (da hat Gründer Hans Riegel noch die beiden Anfangsbuchstaben des Firmenstandorts Bonn drangehängt), selbst MAGGI (Maggi), MASERATI (Alfieri Maserati) und NESTLE (Heinrich Nestle) tragen einfach die Namen ihrer Begründer. Um die Entstehung des Firmennamens „Apple“ ranken sich indes diverse unterhaltsame Geschichten.

Ich arbeite ja in der „Schön Klinik“ München Harlaching. Ein Unternehmen mit 18 Kliniken in Deutschland und England, das seinen Namen dem Begründer Franz-Josef Schön zu verdanken hat. Was den Namen betrifft, hätte es für eine Klinik schlimmer kommen können. Ob die aktuellen Veränderungen und Umstrukturierungen im Unternehmen für uns alle auch dem Klinik-Namen gerecht werden, wird sich zeigen.

Ganz aktuell ist ja das Coronavirus in den Schlagzeilen. Dabei ist das Virus gar nicht so neu. Bekannt ist es schon seit den 1960er-Jahren und ist durch den Ausbruch der von ihm verursachten Lungenerkrankungen im vergangenen Jahr erst richtig in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Also benannte es die WHO „Covid19“ (Corona Virus Disease 2019). Hergeleitet ist dieser Name von seinem kranz- oder kronenförmigen Aussehen. Übrigens das SARS- Virus Anfang der 2000er-Jahre kam auch aus der Familie der Corona-Viren.

Im alltäglichen Leben habe ich es nicht so mit Namen. Ich merke sie mir nur sehr schwer, wenn sie nicht gerade täglich in den Nachrichten oder permanent in meinem Leben vorkommen. Dabei musste ich gerade in den letzten etwa zehn Jahren sehr an mir arbeiten. Internationale Kollegen und Patienten, deren Namen eine echte Herausforderung für mich sind. Erst in den vergangenen Tagen hatten wir einen Patienten mit indischen Wurzeln, dessen Name aus sage und schreibe 39 Buchstaben bestand. Da hätte auch die alleroberste Verweildauer nicht ausgereicht, dass ich mir auch nur annähernd diesen Namen hätte merken können. So lange Worte können wir Deutschen aber auch. Wenn auch nicht unbedingt mit Personennamen. Das Gesetz mit den meisten Buchstaben kam nämlich aus Deutschland. Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz. Glück nur, dass es bereits wieder aufgehoben worden ist. Bei Namen, in denen Vokale sehr spärlich oder gar nicht vorhanden sind oder die mit c oder z ersetzt zu werden scheinen, bin ich ganz raus. Erstaunlich finde ich dann immer, dass der Umlaut Ü in meinem Namen wiederum eine Hürde für andere zu sein scheint. Oft schier unaussprechlich.

Am Ende des Tages müssen wir uns ohnehin damit abfinden, wie wer oder was heißt. Wichtig ist doch nur, wer oder was dahintersteckt.

In diesem Sinne, Ihre

Heidi Günther

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