Z Sex Forsch 2020; 33(02): 93-94
DOI: 10.1055/a-1140-8693
Debatte

In guter Tradition: Beiträge zur S3-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit“

Timo O. Nieder
1  Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
,
Bernhard Strauß
2  Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie, Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Im Zuge der Veröffentlichung der S3-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit“, zunächst online im Oktober 2018 im Leitlinienregister der AWMF (Registernummer 138–001), wenig später als Kurzversion in Heft 02/2019 in der „Zeitschrift für Sexualforschung“ ([Nieder und Strauß 2019b]), haben wir einen Call for Papers veröffentlicht ([Nieder und Strauß 2019a]). Wir haben zu Beiträgen eingeladen, „die aus verschiedenen Perspektiven einen kritischen Blick werfen sollen“ ([Nieder und Strauß 2019a]: 69), und das in guter Tradition.

Inspiriert zu diesem Vorgehen hat uns die Debatte, die im Anschluss an die Veröffentlichung der „Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen“ der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung im Jahr 1997 ausgetragen wurde, ebenfalls in der „Zeitschrift für Sexualforschung“ ([Becker et al. 1997]). Die jüngst verstorbene Sophinette Becker, auf die im letzten Heft ein Nachruf erschienen ist ([Hauch und Cassel-Bähr 2020]), hatte sich maßgeblich für die früheren Standards engagiert. Mit einer lesenswerten Replik ([Becker 1998]) antwortete sie auf Beiträge, in denen [Stefan Hirschauer (1997)], [Gesa Lindemann (1997)], [Waltraud Schiffels (1997)], [Kurt Seikowski (1997)] und die Gruppe [ Transidentitas (1997)] die zuvor veröffentlichten Standards kritisierten.

Im Geiste der Debatte zu den Standards aus den Jahren 1997 und 1998 eröffnen wir nun in dem vorliegenden Heft der „Zeitschrift für Sexualforschung“ die Debatte zur S3-Leitlinie und beginnen mit zwei Beiträgen. Zunächst berichtet [Klaus-Dieter Neander (2020], in diesem Heft) mit einem Schwerpunkt auf der rechtlichen Bedeutung der S3-Leitlinie von den Erfahrungen aus der Praxis einer Beratungsstelle für trans Menschen. Er beleuchtet das Spannungsfeld zwischen der S3-Leitlinie auf der einen Seite und der für die sozialmedizinischen Gutachter_innen der Medizinischen Dienste der Krankenversicherungen verbindlichen Begutachtungsrichtlinie ([MDS 2009]) auf der anderen Seite. Ein Spannungsfeld, das behandlungssuchende trans Menschen und involvierte Fachkräfte bis heute gleichermaßen verunsichert. Eine Revision der MDS-Begutachtungsrichtlinie ist angekündigt, lag aber bei Redaktionsschluss noch nicht vor.

Im Anschluss kommentiert [Hagen Löwenberg (2020], in diesem Heft) die S3-Leitlinie und stellt dabei das Thema Non-Binarität in den Mittelpunkt. Aus psychotherapeutischer Perspektive berichtet er von seinen Behandlungserfahrungen und davon, wie wirkmächtig die Folie der Zweigeschlechtlichkeit es erschwert, non-binäre (trans) Menschen überhaupt wahrzunehmen. Er plädiert für eine heteronormativitätskritische Offenheit gegenüber den Bedarfen und Behandlungsanliegen non-binärer (trans) Menschen.

Die Beiträge markieren den Beginn der Debatte zur S3-Leitlinie in der „Zeitschrift für Sexualforschung“.Weitere Kommentare sind vorgesehen. Die Frage, ob sie den Anspruch erfüllen, die S3-Leitlinie und ihre Auswirkungen einem kritischen Blick zu unterziehen, möchten wir in die Beantwortung der Leserschaft geben. Teilen Sie uns Ihre Einschätzung gerne mit. Sei es persönlich an die Autor_innen, als Brief an die Redaktion ([email protected]) oder Herausgeberschaft, oder auch öffentlich, indem Sie selbst einen Beitrag zur kritischen Debatte der S3-Leitlinie beisteuern. In guter Tradition!



Publication History

Publication Date:
15 June 2020 (online)

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