JuKiP - Ihr Fachmagazin für Gesundheits- und Kinderkrankenpflege 2020; 09(03): 130
DOI: 10.1055/a-1141-6537
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Nachruf
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Nachruf auf Prof. Dr. Wilfried Schnepp (Auszug)

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Publication Date:
08 June 2020 (online)

Im Alter von 62 Jahren ist am 14. Februar 2020 Wilfried Schnepp, langjähriger Inhaber des Lehrstuhls für familienorientierte und gemeindenahe Pflege und Leiter des international anerkannten Promotionsprogramms der Pflegewissenschaft verstorben.

Zunächst als Lehrbeauftragter, später als Lehrstuhlinhaber hat Wilfried Schnepp seit Gründung des Departments für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke (UW/H) die Entwicklung der Pflegewissenschaft vorangetrieben. Allen Studierenden des Departments hat er nicht nur die besondere Bedeutung der familien- und gemeindenahen Pflege vermittelt, sondern auch die qualitativen Forschungsmethoden zu dessen wirksamer Bearbeitung. Sein Lehrstuhl für familienorientierte und gemeindenahe Pflege, den er bis zuletzt geleitet hat, war der erste seiner Art in Deutschland. Wilfried Schnepp war ein Visionär.

Nach seiner Krankenpflegeausbildung im Jahr 1977 absolvierte er die zweijährige Fachweiterbildung Anästhesie und Intensivpflege und arbeitete auf einer operativen Intensivstation. Es folgte der Studiengang „Unterrichtsschwester/-pfleger“ und nachfolgend seine Tätigkeit als pflegerischer Leiter der Fachweiterbildung in der Intensivpflege an den katholischen sozialpflegerischen Fachschulen in Osnabrück. Dem schloss sich eine Tätigkeit als Assistent der Pflegedienstleitung an, bevor er von 1989 bis 1994 die Leitung des Referats innerbetriebliche Fortbildung an der Paracelsus Klinik Osnabrück übernahm. An der University of Wales und der Hogeschool van Utrecht studierte er von 1993 bis 1995 als Stipendiat der Robert Bosch Stiftung im Studiengang Master of Science in Nursing mit Abschluss im Jahr 1996.

Seine akademische Laufbahn startete Wilfried Schnepp zunächst als Dozent und Lehrkraft an der Katholischen Fachhochschule Norddeutschland und der Fachhochschule in Osnabrück. 1995 folgten erste Lehraufträge an der UW/H im damaligen Institut für Pflegewissenschaft. 1999 wurde er zum Professor am Lehrstuhl für Sozialarbeit an der Altai State University in Sibirien berufen. 2001 promovierte er an der Universität Utrecht in der Pflegewissenschaft zu dem Thema „Familiale Sorge in der Gruppe der russlanddeutschen Spätaussiedler – Funktion und Gestaltung“. Sein Promotionsthema enthielt zwei Kernthemen, die sowohl seine wissenschaftliche Karriere als auch sein Privatleben widerspiegeln: familiale Sorge und andere Kulturen, hier die russlanddeutschen Spätaussiedler.

Ende der 90er-Jahre übernahm Wilfried Schnepp bei EPOS Health Consultants die inhaltliche Leitung in Projekten zur pflegerischen Versorgung im Rahmen der humanitären Hilfe für die deutschen Minoritäten in Westsibirien. 2005 wurde er von der UW/H auf den Lehrstuhl für familienorientierte und gemeindenahe Pflege berufen, dessen Leitung er 2001 bereits kommissarisch übernommen hatte. Er leitete das 1997 von Prof. Ruth Schröck gegründete Postgraduiertenkolleg und überführte es 2013 in ein international anerkanntes Promotionsprogramm PhD-Pflegewissenschaft an der UW/H, das insgesamt mehr als 95 Absolventen in 23 Jahren hervorbrachte. Allein 41 von ihnen übernahmen inzwischen europaweit an Hochschulen Professuren.

Seine Publikationsliste ist umfänglich, ebenso seine Forschungsprojekte. Er war Initiator vieler Forschungsprojekte seiner Doktoranden und wissenschaftlichen Mitarbeiter, gefragter Experte auf wissenschaftlichen Tagungen und Berater für politische Entscheider.

Familiale Sorge, gemeindenahe Pflege, Migration, Umgang mit chronischen Krankheiten und palliative Pflege waren seine Haupt- und Herzensthemen. Er thematisierte im deutschsprachigen Raum als Erster das Phänomen der pflegenden Kinder. Sein ethnografischer Zugang zu seiner Umwelt ermöglichte ihm, Dinge zu entdecken, die sich auf den ersten Blick nicht erschlossen. In seiner Promotion zu russlanddeutschen Spätaussiedlern nahm er Kinder und Jugendliche wahr, die selbstverständlich Pflegeaufgaben für ihre Großeltern übernahmen. Dieses Erkenntnisinteresse führte zu einer intensiven Forschungsarbeit an seinem Lehrstuhl, aus der später eine Professur Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Kinder und Jugendliche hervorging.

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(Quelle: Universität Witten/Herdecke)

Wilfried Schnepp besaß eine besondere Gabe, Menschen um sich zu versammeln. Als überzeugter Familienmensch und Menschenfreund war er Berater in allen Lebenslagen, der sein Leben intensiv zu leben wusste, viel gegeben hat, sich schnell in andere hineinversetzen und einfühlen konnte. Durch seine außerordentliche Sprachbegabung konnte er in den verschiedenen Kulturen auf Menschen zugehen und ihnen offen begegnen. So lernte er auch kürzlich noch Hebräisch in der Absicht, viel Zeit seines Ruhestands in Israel zu verbringen.

In Zeiten der Flüchtlingskrise kümmerte er sich bis zuletzt insbesondere um minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge. Wilfried Schnepp liebte auch das Dramatische und Emotionale, das er auf seinen vielen Reisen, aber auch in Begegnungen in den Eckkneipen dieser Welt sowie beim Opernhören erleben durfte. Er war „Alltagsethnograf“ – die Begegnungen mit Menschen waren eine unerschöpfliche Quelle skurriler Geschichten, die für Heiterkeit sorgten.

Der frühe Tod von Wilfried Schnepp hinterlässt tiefe Trauer. Wir sind dankbar für einen enormen Nachlass an Wissen und Erkenntnis. Seine Pionierarbeit wird auch in Zukunft durch seine Grundsatz-Publikationen, durch seine vielen Studierenden, Doktoranden sowie Kollegen wichtige Wirkung entfalten. Mit Wilfried Schnepp verlieren wir einen Visionär, Mentor, Wissenschaftler, Kollegen und lieben Freund. Er wird uns sehr fehlen.

Das Kollegium des Departments für Pflegewissenschaft im Namen der Universitätsgemeinschaft