Dialyse aktuell 2020; 24(07): 256
DOI: 10.1055/a-1153-6376
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© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Digitalisierung in der Nephrologie

Martin K. Kuhlmann
1  Berlin
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Publication Date:
07 September 2020 (online)

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Mit der Einleitung der Pandemie-Maßnahmen im März 2020 hat sich der Umgang mit digitalen Medien nicht nur im Gesellschaftsleben, sondern gerade auch in der Medizin rapide verändert. Ohne langwierige Diskussionen wurden digitale Netzwerke geschaffen und quasi über Nacht Telefon- und Videosprechstunden implementiert. Viele dieser Veränderungen stießen auf eine breite Akzeptanz und werden auch nach Beendigung der Pandemie-Maßnahmen weiterentwickelt.

Auch in der Nephrologie wurde die Digitalisierung durch Corona beschleunigt, als Beispiel seien Online-Visiten in der Peritonealdialyse (PD) angeführt, die es den Patienten/-innen erlauben, zum eigenen Schutz das Distanzgebot einzuhalten und den direkten Kontakt mit medizinischem Personal zu reduzieren. So wurde uns ein Vorteil der Heimdialyse vor Augen geführt, der uns gar nicht so bewusst war, nämlich das deutlich geringere Infektionsrisiko.

Das vorliegende Schwerpunktheft der „Dialyse aktuell“ setzt sich mit aktuellen Projekten zur Digitalisierung in der Nephrologie auseinander, die vor der Corona-Krise begonnen wurden, jedoch seither noch an Dynamik gewonnen haben. Die Autorengruppe um PD Dr. Stefan Becker vom Universitätsklinikum Essen beschreibt den aktuellen Stand der Telemedizin in der Heimdialyse, die neben der PD auch die Heimhämodialyse (HHD) umfasst. Neben einem Ausblick auf weitere technische Entwicklungen aus dem digitalen Bereich, wie Apps für Heimdialysepatienten/-innen, gehen sie in ihrem Artikel auch auf wichtige technische und rechtliche Voraussetzungen ein.

Der moderne Begriff des Social Distancing hat natürlich auch Implikationen für das Methodentraining in der Heimdialyse. Dr. Panagiota Zgoura und ihr Team aus dem Universitätsklinikum Marien Hospital Herne beschreiben einen innovativen VR-Ansatz (VR: Virtual Reality) für ein PD-Training, welches sowohl von Patienten als auch von medizinischem Personal genutzt werden kann. Wie auch im themenbegleitenden Journal-Club diskutiert, wird digitalen Hilfsmitteln zukünftig eine bedeutende Rolle bei der Motivation von Patienten/-innen für Heimdialyseverfahren zukommen. Die VR-Technologie kann dabei ein wichtiger Baustein sein.

Natürlich macht die Digitalisierung nicht vor Krankenhäusern halt, sondern wird ein zunehmender Bestandteil der täglichen Patientenversorgung. Dr. Dmytro Khadzhynov und Mitarbeiter aus der Charité – Universitätsmedizin Berlin berichten über erste Erfahrungen mit einem Alarm-System für die Früherkennung einer akuten Nierenschädigung bei stationären Patienten/-innen im gesamten Krankenhaussystem der Charité. Neben der Früherkennung akuter Veränderungen der Nierenfunktion erlauben solche Alert-Systeme ein rasches Handeln nach vorgegebenen Algorithmen zum Wohle der Nierenfunktion und der Patienten/-innen.

Digitalisierung wird einen großen Einfluss auf die Arzt-Patienten-Interaktion der Zukunft haben, ob mit oder ohne Corona. Dabei sollten wir (die Ärzteschaft) darauf achten, dass der Patientenkontakt durch digitale Medien nicht nur reduziert und ökonomisiert wird, sondern dass wir aus den Entwicklungen Freiräume schaffen für eine intensive und persönliche Auseinandersetzung mit unseren Patienten/-innen. Erst dann ist die zunehmende Digitalisierung eine Weiterentwicklung zum Wohle aller.