Zeitschrift für Sexualforschung 2020; 33(02): 108-111
DOI: 10.1055/a-1161-3947
Bericht

Verborgene Sexualitäten 2

Bericht über die Jahrestagung 2019 der Gesellschaft für Sexualwissenschaft
Alexander Naß
Institut für Soziologie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
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Am 2. November 2019 setzte die Gesellschaft für Sexualwissenschaft e. V. (GSW) ihre bereits 2018 mit sehr großem Zuspruch begonnene Tagungsreihe „Verborgene Sexualitäten“ mit Teil 2 fort. Auf vielfachen Wunsch wurde die Nachfolgeveranstaltung um ein Jahr vorverlegt – und die verkürzte Wartezeit hat sich auf jeden Fall gelohnt. In Zusammenarbeit mit der Medizinischen Fakultät und der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig wurde für einschlägiges Fachpublikum auch in diesem Jahr wieder eine sehr abwechslungsreiche Tagung geboten, die mit den vier sehr verschiedenartigen Themenblöcken Intergeschlechtlichkeit, Trans*, sexuelle Aspekte in medizinischen Behandlungskontexten und sexualisierte Gewalt aufwarten konnte.

Nach einführenden und willkommen heißenden Worten von den GSW-Vorständen Univ.-Prof. Dr. phil. habil. Barbara Drinck (Universität Leipzig) und Dr. med. Thomas M. Goerlich (Universitätsmedizin Leipzig) machte Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß (Hochschule Merseburg) mit einem Vortrag zu biologischer Vielfalt von Geschlecht und Fragen geschlechtlicher Selbstbestimmung den Auftakt. Der Fokus des Vortrags lag hierbei auf der Thematik Intergeschlechtlichkeit. Mithilfe eines prägnanten Videos veranschaulichte Heinz-Jürgen Voß zu Beginn des Vortrags den pränatalen Entwicklungsablauf und die verschiedenen Einflussfaktoren auf die geschlechtliche Entwicklung. Auf diese Weise wurde eindrücklich deutlich, dass es sich bei Intergeschlechtlichkeit um eine grundständige Entwicklungsmöglichkeit neben anderen handelt. Dieser sehr natürlich erscheinenden Normvariante wurde die gesellschaftlich produzierte und gelebte Realität gegenübergestellt: Trotz Bemühungen von Aktivist*innen seit den 1990er-Jahren, die Deutungsmacht der Medizin zu brechen und ein Ende der geschlechtszuweisenden Eingriffe herbeizuführen, werden auch heute noch – trotz der nun gegebenen Option, „divers“ als positiven Geschlechtseintrag zu wählen – Kinder medizinisch unnötig operiert. Dieses Vorgehen ist auch 2019 noch nicht verboten! Dabei hat sich gesellschaftlich schon einiges bewegt: Das Bundesverfassungsgericht hat den oben erwähnten Geschlechtseintrag angestoßen, christliche Vertreter*innen haben die Entwicklung zur Selbstzuordnung von intergeschlechtlichen Menschen als einen wichtigen Schritt gewürdigt und der Deutsche Ethikrat hat auf die mitunter schwerwiegenden körperlichen Behinderungen hingewiesen, die häufige Folgen geschlechtszuweisender Operationen sind. Der Vortrag von Heinz-Jürgen Voß nahm das Auditorium mit und machte deutlich, dass die wissenschaftliche und gesellschaftliche Beschäftigung mit dem Thema Intergeschlechtlichkeit aus Menschenrechtsperspektive noch viel intensiver sein könnte und müsste, vergegenwärtigt man sich das Leiden dieser Menschen anhand der vorhandenen Statistiken zu Suizidversuchen und Drogenmissbrauch von intergeschlechtlichen Personen. Abschließend wurden umfangreiche Literaturempfehlungen und Arbeitsmaterialien für die Arbeit mit verschiedenen Altersgruppen vorgestellt, die auf der Website der GSW oder bei Heinz-Jürgen Voß sehr gern eingesehen werden können.

Die FÄ f. Urologie Michaela Katzer (Hochschule Merseburg) stellte den bisherigen „Kenntnisstand zur Sexualität intersexueller Menschen“ vor. Dieses Vorhaben setzte sie in Form einer Literaturbesprechung um, bei der sie die schriftlich vorliegenden Wissensbestände in einer Zusammenschau präsentierte. Hierzu zählten sowohl Beiträge aus Nachschlagewerken als auch Fachartikel, Studien und Autobiografien. Einprägsam waren für den Autor dieses Beitrags dabei insbesondere zwei Aspekte: Zum einen trug die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Sexualität intersexueller Menschen als Nebeneffekt zur Entpathologisierung homosexueller Menschen bei, zum anderen zeigten die unterschiedlichen Quellen gleichsam, dass operierte intersexuelle Menschen deutlich weniger Sexualkontakte in ihrem Leben haben und auch weniger Freude an Selbstbefriedigung erleben dürfen.

Den Themenblock Trans* leitete Dr. med. Thomas M. Goerlich (Universitätsmedizin Leipzig) mit einem historischen Abriss zur Behandlung von trans* Menschen in Leipzig seit der DDR-Zeit ein. Neben Erläuterungen zum Ablauf der Behandlung in dieser Zeitebene berichtete er als Mitinitiator von dem 1983 beginnenden Aufbau eines regionalen Betreuungsnetzwerkes, bestehend aus den Fachgebieten Urologie, Sexualmedizin, Andrologie, Psychologie, Dermatologie, HNO, Endokrinologie und Gynäkologie – ein Projekt, das mit der politischen Wende wegbrach. In anschaulichem Bild- und Textmaterial schilderte er anekdotenhaft ebenso die in den Anfangsjahren des Netzwerks auftretenden Feindseligkeiten aus dem medizinischen Kolleg*innenkreis wie die Startschwierigkeiten mit den neuen Richter*innen nach der Wiedervereinigung. In einem zweiten Schwerpunkt veranschaulichte er die Arbeit jener Kommission, die die „Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen“ aus dem Jahr 1997 erarbeitete, in der er selbst als Experte Mitglied war. Wichtig war ihm, hierbei zu betonen, dass man damals ein stufenloses Verfahren vor Augen hatte, das Wert auf eine flexible und offene Behandlung legte. In einem abschließenden Appell forderte Thomas M. Goerlich dazu auf, die Bedarfe posttransitionierter, aber nicht vollständig operierter trans* Personen zukünftig im Gesundheitssystem sichtbarer zu machen. Hierzu zählten urologische Behandlungen bei trans* Frauen und gynäkologische Untersuchungen bei trans* Männern, deren medizinische Notwendigkeit sonst zu schnell übersehen werde.

Mit Verstreichen der nachfolgenden Jahrzehnte wandelte sich jedoch in vielerlei Hinsicht auch die Perspektive auf das Thema Trans* und es war eine Neuauflage der Behandlungsleitlinie geboten. Diesen Entwicklungsschritt stellte Herr Priv.-Doz. Dr. rer. nat. habil. Kurt Seikowski (Universitätsmedizin Leipzig) vor. Nach einer knappen Begriffsgeschichte erörterte er schlaglichtartig den Werdegang der neuen S3-Leitlinie „Geschlechtsdysphorie, Geschlechtsinkongruenz und Trans-Gesundheit“ (AWMF 138/001), welche ebenso wie die Standards aus dem Jahr 1997 durch die Initiative der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung angestoßen wurde. Das nach einem Jahr seit ihrem Inkrafttreten gezogene Resümee fiel eindeutig aus: Es müsse festgestellt werden, dass sich der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) seit Veröffentlichung der Leitlinie am 9. Oktober 2018 bislang völlig unbeeindruckt zeige und augenscheinlich bis zur Neuauflage der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD) mit jeglicher Neuausrichtung der Behandlung gewartet werde. Schon jetzt ist aber klar: Mit der von Kurt Seikowski vorgestellten S3-Leitlinie wurde Neuland betreten. Erstmals gab es Anhörungen von Betroffenengruppen auf Länderebene, Beteiligungen von trans* Personen im Expert*innengremium und eine öffentliche Kommentierung vor dem Inkrafttreten. Darüber hinaus stellen neben der generellen Individualisierung der Behandlung insbesondere die Streichung des sogenannten Alltagstests und der Wegfall der Verpflichtung zu einer 18-monatigen Psychotherapie bedeutende Neuerungen dar. Insgesamt ist eine Entwicklung zu verzeichnen, die stärker auf die Behandlung individueller Körperdysphorien abzielt und damit für nicht-binäre Menschen größere Freiräume der Authentizität herausarbeitet. Interessierte können sich das Dokument unkompliziert im Internet herunterladen.

Den Themenbereich Trans* abrundend, stellte anschließend Dipl.-Soz. Alexander Naß (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) die Ergebnisse seiner qualitativen Studie „Wege von Kindern und jungen Erwachsenen ihr Trans*Sein zu kommunizieren“ vor. Anhand von 270 schriftlichen Lebensberichten analysierte er, welche Strategien der Sensibilisierung von den trans* Kindern und Jugendlichen gewählt werden, um ihr soziales Umfeld auf ihre andersgeschlechtliche Identifikation aufmerksam zu machen. Der auffälligste Befund war, dass es große biografische Unterschiede zwischen den Transitionsrichtungen gibt. Die trans* Mädchen (MzF) zeigten seit frühestem Kindesalter ein starkes und (leider) gut funktionierendes Verbergungsmanagement, sodass zumeist nichts von ihrem eigentlichen Sein und Fühlen nach außen dringt. Trans* Jungen (FzM) kommunizieren ihre männliche Identifikation hingegen sehr klar gegenüber ihrem Umfeld. In den meisten Fällen erfolgt dies über die vehemente Ablehnung mädchenhafter Kleidung und den Wunsch nach Jungenkleidung oder auch über ein offenkundig gezeigtes Interesse an gesellschaftlich als jungentypisch angesehenen Spielsachen und Freizeitaktivitäten. Dem sozialen Umfeld kann entsprechend kein Vorwurf gemacht werden, es bekommt bei den trans* Mädchen zumeist einfach gar nichts mit. In dieser Folge reagiert es auch nicht – wie oft angenommen wird – negativer als gegenüber trans* Jungen. Im Rahmen seines mit vielen Originaltexten unterlegten Vortrags konnte Alexander Naß aufzeigen, dass sich dieser Unterschied als einmal erlernte Struktur festsetzt und Folgen bis in das Erwachsenenalter hat. Nicht nur führen trans* Frauen deutlich häufiger als trans* Männer ein komplettes Doppelleben mit Ehe, Familiengründung und Hausbau, sie berichten auch viel häufiger von großen Ängsten vor einem Outing. Der aufgedeckte Grund: Durch ihre gekonnte Verbergung seit dem Kindesalter haben die meisten trans* Frauen überhaupt keine realen Anhaltspunkte, wie ihr Umfeld auf ihre Offenbarung reagieren könnte und ob das Frausein wirklich lebbar ist. Die trans* Männer eröffnen sich hingegen durch ihre frühzeitige Offensivität vielfältige „Praxiserfahrungen“ bezüglich ihrer Männlichkeit. Die Ergebnisse der Studie sind im Psychosozial-Verlag publiziert.

Nach dem Mittagessen wurde mit dem Vortrag „Mund auf! – Verborgene Sexualität in der HNO-Heilkunde“ von OÄ Dr. med. Maren Just (Universitätsmedizin Leipzig) der medizinische Block eingeleitet. Sie stellte vor, mit welchen Schwierigkeiten die Diagnostizierung von sexuell übertragbaren Erkrankungen (STI) im Arbeitsfeld der HNO-Heilkunde mitunter behaftet sein kann. Es komme zwar seltener vor, dass solche Erkrankungen oral lokalisiert werden, aber das größte Problem stelle laut ihrer Erfahrung die Abfrage sexueller Gewohnheiten und die Antwortbereitschaft der Patient*innen dar. Zur Veranschaulichung zeigte sie dem Auditorium mehrere Bilder oraler Befunde, um zu verdeutlichen, dass manchmal gerade im Anfangsstadium harmlos erscheinende Veränderungen der Mundschleimhaut bedeutsame Ursachen haben können. Zwei Erkrankungen stellte sie detaillierter vor: die Syphilis und die Infektion mit HPV. Die Infektionsraten an Syphilis nähmen – seit 2010 auch weltweit – gerade in Ballungsgebieten deutlich zu. Es seien hauptsächlich Männer betroffen, unter denen wiederum der Großteil sexuell mit anderen Männern verkehre (MSM). Gemäß ihren Auswertungen der 2017 durch das Robert-Koch-Institut veröffentlichten einschlägigen Studie sind selektiver Kondomgebrauch und kondomloser Analverkehr ein wichtiger Grund für diesen Anstieg. Ebenso betrifft die Infektion mit HPV – welche zu vielfältigen Krebserkrankungen führen kann – vorwiegend Männer, welche häufig Oralverkehr ausüben. Obwohl hauptsächlich Männer betroffen sind, übernehmen die deutschen Krankenkassen die Kosten für eine Impfung bei Jungen erst seit Januar 2019. Zuvor wurde die seit einigen Jahren mögliche Vorbeugung gegen HPV im Zusammenhang mit der frühzeitigen Impfung von Mädchen gegen Gebärmutterhalskrebs bekannt. Die Impfung sollte Empfehlungen zufolge möglichst vor dem 15. Lebensjahr durchgeführt werden, da bis zu diesem Zeitpunkt die Gefahr, schon einmal eine Infektion gehabt zu haben, deutlich geringer ist. Trotz der sehr guten präventiven Wirkung gegen vielfältige Krebserkrankungen blieb die tatsächliche Impfrate in den vergangenen Jahren auf einem niedrigen Niveau. Andere Länder reagierten bereits mit einer Aufnahme der Impfung in das Schulimpfprogramm und verzeichneten durch die geschlechtsunabhängige Anwendung eine deutlich höhere Akzeptanz der Impfung. In der abschließenden Diskussion meldete sich eine Teilnehmerin mit der wichtigen Anmerkung, dass die Krankenkassen nach Prüfung einer Infektionsfreiheit auch noch im Erwachsenenalter die Impfung bezahlten. Nach den nachträglichen Recherchen des Autors hierzu kann jedoch nur bestätigt werden, dass viele Krankenkassen im Rahmen einer Zusatzleistung alleinig für Frauen eine solche erweiterte Leistung anbieten.

Der Vortrag „VERBORGENE Sexualität – aus Sicht der Urologie“ vom FA f. Urologie Tim Häfner (Universitätsmedizin Leipzig) ging auf die Spurensuche wahrlich verborgener Sexualität. Neben der Behandlung erektiler Dysfunktionen treffe er in seinem Berufsalltrag sehr häufig auf rektal oder urethral verborgene Gegenstände, die die zumeist männlichen Patienten wegen der aufkommenden Beschwerden zum Urologen führten. Sehr anschaulich und mit viel Unterhaltungswert präsentierte er in Form von zahlreichem Bildmaterial seine mitunter skurril anmutenden Fundstücke. Zu diesen zählten neben Kugelschreiberminen, Stecknadeln, Schrauben, Dübeln und chinesischen Haarnadeln auch Glasflaschen und überdimensioniert ausgewählte Gegenstände aller Art. Wenngleich die Bilder für nicht-medizinische Gäste gewöhnungsbedürftig gewesen sein mögen, so bilden sie doch die Arbeitsrealität in der Urologie ab. Aber auch sichtbar gelebte Sexualität kann urologische Probleme nach sich ziehen. So berichtete er darüber hinaus von nicht fachgerecht durchgeführten Injektionen mit volumenvergrößernden Substanzen, bei denen es sich zum Schaden der Patienten jedoch nicht um medizinisches Silikon, sondern um Vaseline oder Mineralöl gehandelt habe. Daneben treffe er in seiner Berufspraxis auch immer wieder auf selbstgebastelte und zu kleine penile oder penoskrotale Ringe, die die Patienten auf Grund der eingetretenen Schwellungen nicht mehr selbst entfernen könnten. Sollten sie es doch versucht haben, werde die fachgerechte Entfernung mitunter noch schwieriger. So oder so sei häufig schweres Werkzeug von Nöten, deren alleiniger Anblick den Betreffenden wohl schon den Angstschweiß auf die Stirn treiben dürfte. Den Abschluss bildeten manuell oder körperlich bedingte Phänomene wie ein Einriss des Frenulums beim Geschlechtsverkehr, Penisfrakturen, Induratio penis plastica (eine Bindegewebserkrankung des Penis), Genital- und Beinlymphödeme und Paraphimosen. Eines wurde im Rahmen des Vortrages von Tim Häfner sehr deutlich: Es scheint noch immer eine sehr hohe Schamgrenze beim Sprechen über Sexualität zu bestehen – und das selbst dann, wenn es medizinisch unbedingt erforderlich ist bzw. bei erfolgreicher Entfernung des eingeführten Gegenstands sowieso zutage tritt, was für den sexuellen Lustgewinn herangezogen wurde. Diese Scham kann unter Umständen für den Betreffenden lebensbedrohlich sein.

Simon C. (Sozialarbeiter) bereicherte den Tag mit etwas Flausch. In seinem Vortrag „Furry – Erotik anthropomorpher und theriomorpher Wesen“ eröffnete er dem zumeist völlig ahnungslosen Auditorium eine (erotische) Fantasiewelt. Furry steht für „mit Pelz bekleidet“ und gibt einer Community ihren Namen, deren Interesse sich rund um das Leben tierischer Fantasiewesen dreht. Dabei kann es sich um anthropomorphe Wesen mit menschlichen Charaktereigenschaften wie beispielsweise Garfield, Bugs Bunny oder Micky Maus und auch um theriomorphe, also verwandlungsfähige Wesen wie den Werwolf handeln. Für den festen Kreis dieses Fandoms geht dieses Interesse jedoch weit über profane Grenzen hinaus, sie wollen in diese Tiere eintauchen, zeitweilig in ihre Rolle schlüpfen. Hierfür werden, angefangen von einfachen Masken oder falschen Schwänzen bis hin zu in aufwändiger Handarbeit gefertigten Ganzkörperkostümen – den sogenannten Fursuits –, verschiedene Requisiten angelegt, um so ein ganz bestimmtes Alter Ego – intern als Fursona bezeichnet – zu werden. Gemeinsam wird auf Conventions und anderen regelmäßigen Treffen vielen gemeinsamen Aktivitäten gefrönt. Simon C. war es wichtig zu betonen, dass Sexualität bei diesem Fandom absolut nicht im Vordergrund stehe. Zugleich sei sie auch stets mitschwingender Teil des Lebens und erhalte somit auch im Furry ihren Platz. Dies könne virtuell über sehr fantasievolle Chats erfolgen oder auch physisch in sogenannten Murrsuits. Diese speziell umgearbeiteten Fursuits verfügten über zusätzliche Reißverschlüsse oder Druckknöpfe im Genitalbereich und ggf. über Köpfe, deren Mundbereich für Oralverkehr mit Latex ausgekleidet sei. Laut Simon C. gilt es, das ungerechtfertigte Vorurteil der Zoophilie zu überwinden, da es sich in Abgrenzung zu dieser Sexualpräferenz um beiderseitig einwilligungsfähige Menschen handle. Auch sei pädophile Pornografie mit fiktiven Figuren deutlich von der Furry-Szene zu differenzieren.

Der vierte und letzte Themenblock war der Betrachtung sexuell motivierter Straftaten gewidmet. OA Dr. med. Christian König (Universitätsmedizin Leipzig) eröffnete diesen Block mit einem Bericht über seine Arbeit in der Gewaltopferambulanz am Rechtsmedizinischen Institut. Nach einführender Abgrenzung des Gewaltbegriffes wurden die Inzidenz der verschiedenen Gewaltdelikte und die unterschiedlichen Deliktfelder sowie das Aufgabengebiet der klinischen Rechtsmedizin erläutert. Im Zentrum der vorgestellten Arbeit stehe die nachträgliche Objektivierung der Geschehnisse. Hierfür bedürfe es einer eingehenden ganzkörperlichen Begutachtung der geschädigten (lebenden) Person, um die Entstehungsweise von Verletzungen und den Verletzungshergang nachvollziehen, sowie das möglicherweise genutzte Werkzeug identifizieren zu können. Mit diesem Auftrag nehme die klinische Rechtsmedizin eine Sonderstellung zwischen der Justiz und Gesundheitsversorgung ein, da nicht die Behandlung, sondern die Spurensicherung im Fokus stehe. Um die typischerweise bei Sexualstraftaten vorgefundenen Verletzungsmuster und deren Ursprung plastisch zu verdeutlichen, schloss Christian König seinen Vortrag mit der Präsentation anschaulichen Bildmaterials ab.

Dipl.-Psych. Lydia Benecke (Die Brücke Dortmund e. V.) rundete den Tag mit der Vorstellung ihres multidimensionalen psychologischen Modells zur Unterscheidung von inklinierendem und periculärem sexuellen Sadismus ab. Sehr eindrucksvoll charakterisierte sie die beiden Sadismustypen. Der periculäre – gefährliche – Typus des sexuellen Sadismus zeichne sich durch eine schlechte Realitätseinschätzung, eine schwache Verhaltenskontrolle, eine durch Macht und Kontrolle ersetzte zwischenmenschliche Intimität und das Leitmotiv der Gewalttätigkeit aus – eine paraphile Störung (DSM-5), die bei Frauen bislang noch sehr wenig erforscht sei. Entlang ihrer Recherchen zeige sich, dass ein Geflecht aus Persönlichkeit und Neigung statt des häufig vermuteten Einflusses des Internets für die Entwicklung zum periculären sexuellen Sadisten maßgeblich sei. Dieser Typus müsse laut Lydia Benecke deutlich von dem inklinierenden – also dem einvernehmlichen – Sadisten unterschieden werden. Für diesen in BDSM-Kreisen häufig anzutreffenden Typus stehe die zwischenmenschliche Intimität im Vordergrund seines Begehrens, da das Spiel von Dominanz und Hingabe zugleich ein Geben und Nehmen von Vertrauen beinhalte. Dies sei auch das wichtigste Kriterium bei der unbedingt notwendigen Differenzierung von BDSM zu sadistisch motivierten Sexualstraftaten. Lydia Benecke merkte an, dass die wenigsten Sexualstraftaten sexuell-sadistisch motiviert seien.

Mit diesem sehr spannenden Vortrag, bei dem das Auditorium so gebannt war, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können, endete die abermals sehr vielseitige Tagung, die wiederum Lust auf eine Fortsetzung gemacht hat.



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Publication Date:
15 June 2020 (online)

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