Adipositas - Ursachen, Folgeerkrankungen, Therapie 2020; 14(04): 186-187
DOI: 10.1055/a-1208-3911
Editorial

Adipositas

Ursachen, Folgeerkrankungen, Therapie
A. Dietrich
,
W. Kiess

Adipositas: Sind wir Deutschen einfach nur schlauer und operieren weniger?

Sowohl die Adipositas in ihrer Anerkennung als Erkrankung an sich als auch die Adipositas- bzw. metabolische Chirurgie ringen in Deutschland weiter um Akzeptanz.

Wie Prof. Birk in seinem Artikel ausführt, steigen zwar auch in Deutschland die Fallzahlen adipositaschirurgischer Eingriffe, jedoch gibt es hier erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern, die unter anderem mit der Akzeptanz bei Kostenträgern und MDK zusammenhängen.

Konservative Therapieprogramme oder die Nachsorge sind schlecht, zum Teil gar nicht vergütet. Dies führt dazu, dass adipöse Patienten in bestimmten Regionen keinen oder nur einen schwierigen Zugang zu einer konservativen oder operativen Therapie haben.

Die meisten westlichen Industrieländer weisen höhere Operationsraten als wir in Deutschland auf. Sind diese in der Entwicklung uns voraus, oder wird dort unkritisch zu viel operiert? Die Anzahl der vorgenommenen Eingriffe pro 100.000 Einwohner ist dort zum Teil um ein Vielfaches höher. Unter Experten ist der Nutzen adipositaschirurgischer oder metabolischer Eingriffe unumstritten, belegt auch durch zahlreiche Langzeitdaten mit hoher Evidenz, insbesondere bei Erwachsenen. Nach dem letzten IFSO-Bericht [[1]] wird in Deutschland vergleichsweise spät operiert, das Durchschnittsalter liegt bei ca. 48 Jahren (weltweiter Durchschnitt: 42 Jahre). Auch bezüglich des BMI wird in Deutschland erst sehr spät die Indikation gestellt, während hier durchschnittlich (median) ein BMI von fast 50 kg / m2 operiert wird, liegt der weltweite Durchschnitt bei 41,7 kg/m2: Im Vergleich mit anderen westlichen Industrieländern liegt Deutschland in diesen beiden Kategorien auf dem letzten Platz in der Auswertung.

Adipositaschirurgie ist ein Schwerpunkt dieser Ausgabe. Die Komplexität der Indikationsstellung und Verfahrenswahl kann hier natürlich nicht allumfassend dargestellt werden, insbesondere nicht bei Kindern und Jugendlichen.

Unabhängig vom Alter, wichtig ist immer die Interdisziplinarität bei der Behandlung und bei der Indikationsstellung für einen operativen Eingriff. Nur so kann gewährleistet werden, nicht den falschen Patienten zu operieren. Die Indikationsstellung sollte immer in einem Board erfolgen, wo Pros und Cons abgewogen und Kontraindikationen ausgeschlossen werden.

Zunehmend Einigkeit und Akzeptanz besteht bezüglich der Indikationsstellung bei Erwachsenen. Darüber hinaus werden in den USA inzwischen jährlich weit über 1000 Kinder und Jugendliche operiert, in Deutschland ca. 50. Aber auch wir werden diesen jüngeren Patienten konservativ und operativ mehr Therapieangebote machen müssen, weshalb wir hier auch dieses Thema fokussieren.

Prof. A. Dietrich und Prof. W. Kiess

Universitätsmedizin Leipzig



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Publication Date:
30 November 2020 (online)

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