Aktuelle Kardiologie 2020; 9(05): 453-459
DOI: 10.1055/a-1238-2576
Kurzübersicht

Domain-Management der Herzinsuffizienz beim geriatrischen Patienten

Domain Management of Chronic Heart Failure in Geriatric Patients
Stephan Gielen
1   Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin, Klinikum Lippe GmbH, Detmold, Deutschland
2   Medizinische Fakultät, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle, Deutschland
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Zusammenfassung

Geriatrische Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz (CHI) sind aufgrund von Multimorbität, Einschränkungen der Mobilität und Kognition sowie reduzierter sozialer Netzwerke Hochrisikopatienten. Eine einfache kardiologisch fokussierte medikamentöse/interventionelle Behandlung führt daher oftmals nicht allein zum Ziel. Das vom American College of Cardiology vorgeschlagene System des Domain-Managements bei geriatrischen Patienten mit CHI ergänzt daher sinnvoll die strukturellen Versorgungskonzepte und gliedert die Problembereiche der Patienten in 4 große Blöcke:

  1. medizinische Behandlung,

  2. Mobilität/körperliche Belastbarkeit,

  3. Kognition und Emotion und

  4. soziales Umfeld.

Durch systematische Bearbeitung der 4 Blöcke reduziert sich das Risiko, prognoserelevante Probleme zu übersehen, erheblich.

  1. Medizinische Behandlung: Bei geriatrischen Patienten ist eine Priorisierung der Medikation nach prognostischem Nutzen und individueller Verträglichkeit notwendig – ggf. verbunden mit einem Absetzen unnötiger Begleitmedikationen. Eisenmangel und Malnutrition sind im Alter häufig. Daher sollten beide Begleiterkrankungen aktiv gesucht und konsequent therapiert werden.

  2. Mobilität/körperliche Belastbarkeit: Der Verlust am Muskelmasse und Muskelkraft im Alter wird bei CHI verstärkt. Daher sollte grundsätzlich auf eine kardiale Kachexie (definiert als ein Gewichtsverlust > 5% innerhalb von 12 Monaten) gescreent werden. Einfache Mobilitätstests helfen bei der Erkennung einer Frailty-Symptomatik (5-m-Gehtest, Handkraftmessung, Stuhl-Aufstehtest o. a.). Ausdauer- und Kraftausdauertraining können dem Muskelkatabolismus entgegenwirken.

  3. Kognition und Emotion: Beide Problembereiche sind prognostisch relevant und lassen sich durch einfache Tests wie den Mini Cog und den PHQ-9 diagnostizieren.

  4. Soziales Umfeld: Soziale Isolation durch Verlust von Freunden und Lebenspartnern ist ein negativer prognostischer Faktor bei CHI. Patienten ohne intaktes soziales Umfeld brauchen in besonderem Maße die Unterstützung von spezialisiertem Assistenzpersonal und ggf. Pflegediensten, um Medikation, Selbstmanagement und Organisation von ärztlichen Kontrollterminen zu organisieren.

Insgesamt bietet das Domain-Management einen Ansatz, die Komplexität prognoserelevanter Probleme des geriatrischen Patienten mit CHI zuverlässiger zu erkennen und in Therapieentscheidungen einzubeziehen.

Abstract

Geriatric patients with chronic heart failure (CHF) are high-risk patients due to the combination of multimorbidity, impaired mobility, reduced cognitive function, and lack of social networks. A simple pharmaceutical or interventional treatment with cardiological focus is, therefore, sometimes not enough.

The Domain Management approach proposed by the American College of Cardiology is a welcome addition to traditional treatment concepts and divides the patients problems in four major domains:

  1. medical domain,

  2. physical function,

  3. mind and emotion, and

  4. social environment.

By systematically addressing all four domains the risk to overlook prognostically relevant problems is significantly reduced.

  1. Medical Domain: In geriatric patients medical therapy should follow priorities of prognostic benefit with minimal side effects. Unnecessary medications should be discontinued. Iron deficiency and malnutrition are frequent in older CHF patients. Accordingly, screening for both comorbidities should be part of the routine diagnostic workup followed by guideline-oriented therapy.

  2. Physical Function: The age-related loss of muscle mass and muscle force is aggravated by CHF. Therefore, every CHF patient should be screened for cardiac cachexia as defined by weight loss greater 5% within 12 months. Simple mobility tests are helpful to identify frailty: 5 metre walking test, hand grip strength, chair rise test. A combination of endurance and strength training helps to antagonise muscle catabolism.

  3. Mind and Emotion: Both problem areas are prognostically relevant and can be diagnosed by simple tests such as the Mini Cog and the PHQ-2/-9 questionnaire.

  4. Social Environment: Social isolation by losing friends and spouses is a negative prognostic indicator in CHF. Patients without intact social environment need a higher degree of support and supervision by specialised personnel such as heart failure nurses or social care to manage medication, follow-up visits, an self-assessment of CHF related symptoms.

Taken together domain management of CHF helps to identify the complexity of prognostically relevant problems in geriatric patients and to include them in making prudent therapeutic decisions.

Was ist wichtig?

Herzinsuffizienzversorgung beim geriatrischen Patienten

Chronische Herzinsuffizienz bei geriatrischen Patienten kann nicht einfach nur als isolierte kardiologische Erkrankung betrachtet werden. Nur in der Zusammenschau mit den in dieser Altersgruppe vorhandenen Komorbiditäten, der Polypharmazie, den kognitiven und sozialen Faktoren, dem Ernährungsstatus und Trainingszustand können Hochrisikopatienten identifiziert und einer individuellen, interdisziplinären Behandlung zugeführt werden, die in der Lage ist, das Outcome dieser Patientengruppe zu verbessern.

Das vom American College of Cardiology vorgeschlagene System des Domain-Management bei geriatrischen Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz gliedert daher die Problembereiche der Patienten in 4 große Blöcke:

  • medizinische Behandlung

  • Mobilität/körperliche Belastbarkeit

  • Kognition und Emotion

  • soziales Umfeld

Durch systematische Bearbeitung der 4 Blöcke reduziert sich das Risiko, prognoserelevante Probleme zu übersehen, erheblich. Das Domain-Management bietet daher den Ansatz für eine qualitative Verbesserung der Versorgung älterer Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz.



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Article published online:
22 October 2020

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