Nervenheilkunde 2021; 40(01/02): 69
DOI: 10.1055/a-1246-0418
Gesellschaftsnachrichten

Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie e. V.

Tom Bschor

Im Interview: Prof. Dr. med. Matthias Endres

Prof. Matthias Endres ist Direktor der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité Berlin. Seine Arbeitsgruppe forscht vor allem im Bereich Schlaganfall mit besonderem Augenmerk auf präventive Faktoren und die neurologische Regeneration. Wir führten ein Telefoninterview mit dem BGPN-Mitglied.

Was beunruhigt Sie am SARS-CoV-2-Virus am meisten in Hinblick auf das Nervensystem?

Endres: Es gibt ja diese Long-COVID-Fälle und im Moment ist nicht ganz verstanden, warum Patienten teilweise noch Monate nach überstandener Erkrankung Einschränkungen haben, z. B. Gedächtnisstörungen, Antriebsstörungen, Fatigue usw. Eine mögliche Erklärung dafür, wo man aber noch vorsichtig sein muss, stützt sich auf Befunde von Prof. Harald Prüß in unserer Klinik. Hier konnte gezeigt werden, dass eine ganze Reihe von gegen das Virus gerichteter Antikörper, die wir bilden – z. B. gegen das Spike-Protein – Kreuzreaktivitäten aufweisen. Das heißt, sie reagieren mit anderen Geweben, z. B. dem Herzen, Gefäßen und dem ZNS. Somit ist es denkbar, dass ein Teil dieser Komplikationen auch durch eine Autoimmunreaktion die eigentlich gegen das Virus gebildet sind, vermittelt werden.

Als Ordinarius haben Sie eine fast unüberschaubare Zahl von Anforderungen zu erfüllen. Welche der vielfältigen Aufgaben machen Sie am liebsten?

Endres: Personalentwicklung, bzw. Mitarbeiterförderung. Was mir am meisten Freude macht ist, wenn man sieht, wie Mitarbeiter sich entwickeln und erfolgreich werden im Beruf.

Haben Sie ein Geheimrezept oder einen Grundsatz, den Sie dabei verfolgen?

Endres: Mit allem, was man tut, ist es ja so, dass es – je mehr man sich darum kümmert und je mehr Zeit man investiert – umso besser wird – und leider eben auch umgekehrt. Das gilt für die Klinik genauso wie für Lehre und Forschung, aber auch die Personalentwicklung. Das ist natürlich etwas, das man pflegen muss, wo man Gespräche führen, Gedanken machen und entsprechende Strukturen schaffen muss. Zudem gibt es an der Charité das tolle Clinician Scientist Programm. Am Ende ist es dann aber die Leistung und Erfolg der Mitarbeiter und der Anteil des Chefs recht klein.

Ist es nach Ihrer Ansicht noch zeitgemäß, dass in der BGPN Psychiater und Neurologen gemeinsam organisiert sind?

Endres: Wir müssen das unbedingt pflegen. In unserem Alltag haben wir ja Schnittstellen, aber auch viele Dinge, wo wir einfach nebeneinander arbeiten. Ich denke, es gibt unter anderem historische Gründe; auch wir in der Charité sind ja mit Psychiatern, Neurochirurgen und Neuropathologen in einem Zentrum und sind der Meinung, dass diese Nähe uns guttut und wir sie auch gern beibehalten wollen. Auch neben der BGPN gibt es andere Formate, wie die gemeinsame Facharztausbildung oder klinische Themen, die uns gemeinsam betreffen.

Wie ist es für Sie, Personen des öffentlichen Lebens zu behandeln?

Endres: Das kommt ein darauf an, wie groß die Aufmerksamkeit von außen ist. Das verändert natürlich etwas, aber ansonsten ist man eigentlich gut beraten, allen Patienten die gleiche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und das auch bei Patienten des öffentlichen Lebens oder vermeintlichen Prominenten immer ganz genauso zu machen, wie man die Medizin sonst auch machen würde. Meistens wird es dann am besten.

Wie und auf welche Weise anders war 2020 für Sie?

Endres: Das wird ja allen auf irgendeine Art und Weise so gegangen sein, dass die Pandemie massive Veränderungen für unser privates und für das Berufsleben hatte. Die für mich offensichtlichste Veränderung war gar nicht so sehr die Tätigkeit im Krankenhaus, weil wir ja gebraucht wurden, täglich da waren und viele der Routinen, die wir hier um Krankenhaus hatten, aufrechterhalten konnten, wenn auch in etwas anderer Form, z. B. geteilten Teams. Der offensichtlichste Unterschied ist, dass wir keine Reiseaktivitäten hatten, dass also alles, wo es um Austausch ging, wie wissenschaftliche Kongresse, Symposien oder Forschungstreffen, in die virtuelle Welt verschoben wurde.

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Prof. Dr. med. Matthias Endres, Berlin. Quelle: ©privat

Worauf in 2021 freuen Sie sich besonders?

Endres: Ja klar, die Impfung.

Das Interview führte Dr. Anja Bauer, Berlin



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Publication Date:
04 February 2021 (online)

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