intensiv 2021; 29(01): 6-7
DOI: 10.1055/a-1254-3753
Kolumne

Ein Jahresrückblick

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Quelle: Paavo Blafield/Thieme Gruppe

„Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.“

Oscar Wilde (1854–1900), irischer Schriftsteller

Es ist Ende Oktober. Der Herbst hat in der vergangenen Woche so richtig zugeschlagen. Somit entsprechen Datum und Wetter dem, was man eigentlich erwarten könnte. Das war in diesem Jahr nicht immer so. Der Winter am Jahresanfang war schlichtweg kein Winter. Wir hatten, glaube ich, zwei oder drei Tage Schnee, und als es so war, bin ich mit der Hündin losgezogen und habe ihre Freude fotografisch festgehalten. Ein Glück auch, denn das sind die einzigen „Winter 2020“-Bilder. Ich hatte mir wochenlang vorgenommen, endlich in eine neue Winterjacke zu investieren, und habe dies erfolgreich ausgesessen. Aus derselben Zeit sind mir dann noch die unglaublichen Brände in Australien, aber auch das brennende Affenhaus in einem Zoo in Deutschland und die skandalöse Wahl des Ministerpräsidenten in Thüringen in Erinnerung, ebenso wie endlose Diskussionen in diversen Leitungssitzungen über das nun in Kraft getretene „Pflegeberufegesetz“, sprich die generalistische Ausbildung zur/m Pflegefachfrau/Pflegefachmann und die sich für uns ergebenden Änderungen. Immer wieder wurde in dieser Zeit über Wuhan (eine Stadt in China, die jetzt wohl jeder kennt) und die „mysteriöse“ Lungenkrankheit – ausgelöst durch ein neuartiges Virus, an dem die Menschen sich zu Hunderten infizierten und später zuhauf starben – berichtet. Ende Januar, Anfang Februar wurde die Gefahr für Deutschland noch als gering eingeschätzt und gern mit irgendeiner grippeähnlichen Erkrankung gleichgesetzt. Dann ging Anfang März alles Schlag auf Schlag.

Am 7. März haben wir als Familie den Geburtstag meines Sohnes gefeiert, nur eine Woche später war die Aufregung groß und das Chaos schien perfekt. Vom 20. März an war Bayern bis Ende April im Lockdown. Bei uns jagte eine Krisensitzung die nächste. Es wurden Szenarien durchgesprochen und Verantwortlichkeiten festgelegt. Es wurde eine Corona-Station eingerichtet, die Intensivstation aufgestockt, ein Mitarbeiterhotel eingerichtet. Dienstpläne wurden umgeschrieben, Bereitschaftsdienste festgelegt und Schutzkittel, Masken und Desinfektionsmittel beschafft. Sicherheitsdienste saßen ab sofort an den Eingängen der Klinik. Prompt musste die erste Station geschlossen werden. Mitarbeiter waren positiv getestet. Eine der ersten Mails aus der Etage der Geschäftsführung war, dass ab sofort die Personaluntergrenze aufgehoben ist und dass arbeitsrechtliche Konsequenzen in Aussicht gestellt wurden, wenn wir Masken und/oder Desinfektionsmittel entwenden würden. Und wie aus dem Nichts stand schon das Thema „Kurzarbeit“ im Raum und fand auch seine traurige Erwähnung auf tagesschau.de.

Man könnte ja jetzt meinen, dass so eine Pandemie die Sternstunde von Hygienefachkräften ist. Nicht so bei uns. Wir sahen die Kollegin ganz zu Anfang der Geschehnisse einmal. Da brachte sie uns eine FFP2-Maske auf Station. Wir sollten mit dieser üben, wie wir sie fachgerecht aufsetzen. Dann war sie nicht mehr zu sehen. Ich vermute ganz stark Homeoffice oder etwas in der Art. Unsere Station war eine der Stationen im Haus, die den Betrieb aufrechterhalten hat. Für eine kurze Zeit gab es immer irgendwelche Aufgeregtheiten. Mal hatten wir Patienten, mal nicht. Mal musste ich Kollegen zur Arbeit rufen oder eben auch nicht. Größte Flexibilität war gefragt, und alle Kollegen haben klaglos mitgemacht. Diese Phase ging aber sehr schnell vorüber und das nächste Extrem war nicht nur eine übervolle Station, sondern auch die große Anzahl an ehemaligen Patienten, die in der Stadt niemanden gefunden haben, um nötige Verbandswechsel durchführen zu lassen. Unser oberster Geschäftsführer hatte in einer wenig empathischen Videobotschaft unter anderem dunkelste wirtschaftliche Zeiten für die Unternehmensgruppe prognostiziert. Daher ist es nun seit Ende April so, dass wir die Defizite wieder reinarbeiten und dabei an unsere Grenzen kommen. Waren während der ersten Welle alle Kollegen gesund, flexibel und einsatzbereit, haben wir jetzt nicht nur einen relativ hohen Krankenstand, sondern auch die eine oder andere Kündigung zu verzeichnen. Wenn ich nun daran denke, dass mutmaßlich die zweite Welle kommen könnte, glaube ich, dass es – vorsichtig ausgedrückt – ein bisschen eng werden könnte.

So kam es, dass dieses Jahr an mir irgendwie vorübergerauscht ist und – wie wahrscheinlich für alle – nur von diesem einen Thema bestimmt wurde. Kein Urlaub, keine Kurzreisen über das Wochenende, keine Feiern, kein Biergarten, kein Kino oder Konzert. Ich war in diesem Jahr noch nicht einmal richtig shoppen. Hart war es offensichtlich noch mehr für meine ausländischen Kollegen, die ja nun ein ganzes Jahr nicht zu ihren Familien konnten.

Ich bin aber sehr froh, dass meine Familie, besonders meine Mutter, gesund geblieben ist und dass wir über diverse soziale Kanäle mehr Kontakt miteinander haben als je zuvor. Und offensichtlich hat es unsere Familie geschafft, immer und zu jeder Zeit ausreichend Toilettenpapier und Nudeln im Haus zu haben. Das ist doch schon mal was!

Freunde und Bekannte haben ganz neue Fähigkeiten bei sich entdeckt. Sie haben angefangen, irgendwelche Lebensmittel einzuwecken, Marmeladen zu kochen, Brot zu backen. Eine Freundin hat sogar Hefe selbst angesetzt – ich wüsste gar nicht, wie das geht. Eine andere fängt gerade an zu stricken. Ein bisschen Bange habe ich vor Weihnachten. Da ist dann unsere Familie doch sehr traditionell, und ich sehe mich schon allein mit meiner Mutter sitzen. Dann ist es bei mir auch so weit und Alkohol muss her.

Auf jeden Fall werden wir wohl alle dieses Jahr in besonderer Erinnerung behalten. Für 2021 wünsche ich allen viel Kraft, Freude und vor allen Dingen Gesundheit!

In diesem Sinne

Ihre

Heidi Günther

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Publication Date:
28 December 2020 (online)

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