Tierarztl Prax Ausg G Grosstiere Nutztiere 2021; 49(01): 51-58
DOI: 10.1055/a-1309-7831
Kasuistik

Versehentliche Fütterung von Legehennen-Elterntier-Herden mit dem Kokzidiostatikum Nicarbazin

Ein FallberichtAccidental feeding of the coccidiostat nicarbazin in layer breeder flocksA case report
Friedrich Rosenthal
1  Fachbereich Veterinärmedizin, Freie Universität Berlin
,
Felicitas Koch
2  Fachgruppe Futtermittel und Futtermittelzusatzstoffe, Abteilung Sicherheit in der Nahrungskette, Bundesinstitut für Risikobewertung
,
Markus Spolders
2  Fachgruppe Futtermittel und Futtermittelzusatzstoffe, Abteilung Sicherheit in der Nahrungskette, Bundesinstitut für Risikobewertung
,
Robert Pieper
1  Fachbereich Veterinärmedizin, Freie Universität Berlin
2  Fachgruppe Futtermittel und Futtermittelzusatzstoffe, Abteilung Sicherheit in der Nahrungskette, Bundesinstitut für Risikobewertung
› Author Affiliations

Zusammenfassung

Nach versehentlicher Verfütterung eines mit dem Kokzidiostatikum Nicarbazin kontaminierten Mischfutters in einem Legehennen-Elterntier-Betrieb (Lohmann Brown Classic) zeigten die Tiere wenige Stunden später ausgeprägte klinische Symptome. Die Mortalitätsrate stieg innerhalb von 5 Tagen an, während im gleichen Zeitraum die Legeleistung und Schlupfrate der in diesem Zeitraum gelegten Eier deutlich abnahm. Eine Entfärbung der Eierschalen war bereits ab dem ersten Tag zu beobachten. Es wurde ein Zusammenhang zwischen der Verfütterung von Nicarbazin und den beobachteten Symptomen vermutet. Studien deuten darauf hin, dass Nicarbazin die Aktivität des Enzyms Aminolävulinsäuresynthase Typ 1 (ALAS 1) vermindert. In der Schalendrüse des Huhns ist es für die Synthese von Protoporphyrin IX, dem Hauptbestandteil der Schalenfarbe brauner Eier zuständig. Eine erhöhte Körpertemperatur, induziert durch die Wirkung von Nicarbazin, und ein damit einsetzendes Ungleichgewicht im Säure-Basen-Haushalt erklärt möglicherweise die festgestellten Leistungseinbußen und erhöhte Mortalität. Der Fall verdeutlicht, dass bei einer versehentlichen Verfütterung von Nicarbazin an Nicht-Zieltierarten Legehennen bzw. deren Elterntiere akut schwere klinische Symptome auftreten können. Die Fallbeschreibung betont die notwendige Sorgfalt in der Verwendung von Futtermittelzusatzstoffen bzw. Vormischungen für bestimmte (Nicht-)Zieltierarten. Die Beschreibung der klinischen Symptome kann helfen, betreuende Tierärzte hierfür zu sensibilisieren.

Abstract

Following the accidental feeding of a compound feed containing the coccidiostat nicarbacin in layer breeder flocks (Lohmann Brown Classic), the birds displayed distinct clinical signs within a few hours. Mortality increased during the following 5 days, whereas laying performance and hatching rate of eggs during this period decreased markedly. Egg shell discoloration was observed as early as during the first day. As a consequence, an association between feeding of the coccidiostat nicarbacin and the observed symptoms was assumed. Recent studies indicate that Nicarbacin reduces the activity of aminolevulinic acid synthase type 1 (ALAS 1), which is responsible for the synthesis of protoporphyrin IX in the shell gland as main compound of brown egg shells. Reduced laying performance and increased mortality was likely due to nicarbacin-induced deregulated body temperature homeostasis and concomitant imbalances in acid-base status of the animals. The case reveals that the accidental feeding of nicarbacin to non-target animals such as laying hens and their parents may result in acute clinical symptoms. This highlights the necessity of appropriate care in handling feed additives and their premixes for specific non-target animals and should sensitize farmers and veterinarians.



Publication History

Received: 06 February 2020

Accepted: 10 July 2020

Publication Date:
15 February 2021 (online)

© 2021. Thieme. All rights reserved.

Georg Thieme Verlag KG
Rüdigerstraße 14, 70469 Stuttgart, Germany