Aktuelle Urol 2021; 52(05): 437-438
DOI: 10.1055/a-1469-0590
Editorial

Nierenzellkarzinom

Renal Cell Cancer
Inga Peters
1  Klinik für Urologie und Urologische Onkologie, Medizinische Hochschule Hannover
,
Christian Doehn
2  Urologikum Lübeck
› Author Affiliations

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Behandlung des lokal-begrenzten und auch des metastasierten Nierenzellkarzinom hat im letzten Jahrzehnt deutliche Fortschritte gemacht. Innovationen und Neuentwicklungen sowohl im operativen als auch medikamentösen Bereich erlauben uns optimistisch in Richtung geringerer perioperativer Morbiditäten und auch verbesserten Gesamtüberlebensdaten unserer Patienten blicken.

In der Behandlung des lokal-begrenzten Nierentumors hat sich die Nierenteilresektion als Goldstandard etabliert, jedoch kommen für kleine Nierentumore (definiert als < 4 cm) und ein entsprechend selektioniertes Patientenkollektiv auch perkutan lokal-ablative Therapieverfahren in Frage. In dem Artikel von Ringe werden Indikationen, technische Details und Ablauf der momentan verfügbaren thermoablativen Verfahren vorgestellt und Ergebnisse zu Überlebensdaten im Kontext der aktuellen Literatur kritisch diskutiert. Unbestritten bleibt die Tatsache, dass diese Verfahren vorrangig bei älteren Patienten mit hoher Komorbidität oder bei Patienten mit Einzelniere zum Einsatz kommen können – jungen und gesunden Patienten ist weiterhin die organerhaltende Nierentumorresektion anzuraten.

Doch wie sollte eine organerhaltende Tumorresektion im Idealfall durchgeführt werden: offen oder laparoskopisch oder roboterassistiert? Die Kollegen Zeuschner und Siemer widmen sich in ihrem Artikel der Fragestellung, ob die roboterassistierte Nierenchirurgie heutzutage als Standard angesehen werden kann. Prospektiv randomisierte Studien zur Vergleichbarkeit der offenen vs. der minimal-invasiven (laparoskopisch oder roboter-assistiert) Nephrektomie fehlen weiterhin. Die Mehrzahl der wissenschaftlichen Arbeiten deuten jedoch auf einen Vorteil der minimal-invasiven Techniken mit insgesamt besseren perioperativen Ergebnissen bei vergleichbarem onkologischen Outcome.

Zahlreiche retrospektive „matched-paired“ Analysen lassen ebenso einen Vorteil der roboterassistierten Nierenchirurgie insbesondere bei komplexen, endophytischen Tumoren vermuten, jedoch werden häufig noch die erheblichen Anschaffungskosten als Gegenargument aufgeführt. Die Autoren lassen vermuten, dass im Zuge der Entwicklung neuer Technologien und das Auslaufen des Patentschutzes in Zukunft die Kosten einer roboterassistierten Operation deutlich sinken werden.

Nierentumore werden aufgrund verbesserter Bildgebung häufig im Frühstadium detektiert. Bei ca. 5–15 % der Patienten ist jedoch im Langzeitverlauf mit einer rezidivierenden oder metastasierenden Erkrankung zu rechnen – bei Patienten mit initial hohem Risiko sogar in 35–40 % der Fälle. Somit spielt die medikamentöse Therapie des lokal-fortgeschrittenen oder metastasierten Nierenzellkarzinoms eine wichtige Rolle in der Behandlung des Nierenzellkarzinoms. Einen Überblick zur aktuellen medikamentösen Therapie des rezidivierten/metastasierten Nierenzellkarzinoms geben uns Virchow und Grünwald. Mit der Einführung der Checkpointinhibition (CPI) und der Kombination von CPI und anti-VEGFR-gerichteter Therapie ist es in den letzten 2 Jahren zu einem Paradigmenwechsel gekommen. Insbesondere die niedrige primäre Progressionsrate von etwa 10 % bei Einsatz einer einer Axitinib-basierten Kombinationstherapie wirkt sich positiv auf das progressionsfreie Überleben aus und bietet zusammen mit hohen Ansprechraten Vorteile bei der Behandlung von Patienten mit hohem Remissionsdruck. Mittlerweile kann der uro-onkologische Behandler aus einem vielfältigen Portfolio an Erstlinientherapeutika wählen – die Auswahl kann jedoch nur anhand klinischer Risikoklassifizierung und unter Kenntnis individueller Parameter (Begleiterkrankungen –medikationen, etc.) erfolgen. Biomarker, welche eine individualisierte Therapie ermöglichen könnten fehlen leider bislang.

Im Zuge der eingeführten CPI-Therapie hat sich auch das radiologische Monitoring geändert. Zu erwähnen ist beispielsweise die adaptierten Versionen der herkömmlichen RECIST 1.1 in immune-related RECIST 1.1 (irRECIST 1.1 entwickelt in 2014) und der Response Kriterien in immune-related Response Criteria (irRC entwickelt in 2009). Aufschluss über Besonderheiten des radiologischen Monitorings, wie zum Beispiel das Auftreten atypischer Ansprechmuster oder Pseudoprogressionen unter Immuntherapie gibt der Artikel von Lennartz et al.

Trotz mittlerweile großem Armamentariums zur Behandlung des Nierenzellkarzinoms ist aktuell eine individualisierte Therapie bei fehlenden adäquaten Biomarkern nicht möglich. Zeuschner und Kollegen geben in ihrem Artikel einen Überblick über den Stand der Erkenntnisse hinsichtlich molekular-pathologischer Differenzierungen von Nierentumoren als auch einen Ein- und Ausblick potentieller Biomarker welche zur verbesserten Diagnose, Prognosebewertung und Therapieentscheidung in Zukunft genutzt werden könnten. Vielversprechend sind molekulare Signaturen, welche teils mehrfach validiert worden sind, jedoch vor einem klinischen Einsatz in prospektiv-randomisierten Studien geprüft werden müssen. Damit dies gelingen kann ist ein Schulterschluss von Uro-Onkologen und experimentell/klinischen Forschern sowie externen Unterstützern unabdingbar.

Nun wünschen wir Ihnen viel Spaß bei der Lektüre!



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Publication Date:
24 August 2021 (online)

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