Phlebologie 2023; 52(04): 162
DOI: 10.1055/a-2096-9824
Literatur weltweit

Kommentar zu „Risiko für venöse Thromboembolien bei ambulanten COVID-19-Patienten erhöht“

Rezensent(en):
Meinrad Gawaz

Seit Beginn der COVID-19-Epidemie wurden weltweit erhebliche wissenschaftliche Anstrengungen unternommen, das Krankheitsbild und dessen Folgen für unsere Gesundheit zu verstehen. Bis dato wurden innerhalb von nur 3 Jahren über 300000 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, was einen immensen Erkenntnisgewinn in zuvor ungekannter Geschwindigkeit ergab. Schnell wurde klar, dass neben einer pulmonalen Infektion und einem akuten respiratorischen Versagen insbesondere eine systemische und lokale Thromboinflammation eine Bedrohung für die Betroffenen darstellt. Anfängliche Einzelfallberichte in der frühen Pandemiephase beschrieben einen Zusammenhang zwischen einer SARS-CoV-2 Infektion mit thromboembolischen Krankheitsbildern wie der tiefen Beinvenenthrombose und Lungenembolie oder auch zerebralen Sinusvenenthrombosen, welche häufig nicht in Zusammenhang gebracht werden konnten mit bisher bekannten Risikofaktoren (z.B. Immobilität, Herzinsuffizienz) für venöse Thrombosen [1] [2] [3]. Bekannt ist, dass schwere Infektionen mit einer gesteigerten Thrombose oder Thrombosegefahr einhergehen [4]. Die jüngst im JAMA Internal Medicine veröffentlichte Studie belegt, dass auch milde SARS-CoV-2-Infektionen bei Patienten, die ambulant vorstellig wurden, ein erhöhtes Risiko für venöse Thrombosen aufweisen. An einer sehr großen bevölkerungsbasierten Kohortenstudie von über 18000 SARS-Cov-2-positiven Betroffenen zeigte sich im Vergleich mit nicht infizierten Patienten ein eindeutig erhöhtes Auftreten einer venösen Thrombose innerhalb von 30 Tagen nach initialer ambulanter Vorstellung. Interessanterweise war das Risiko, an einer venösen Thrombose zu erkranken, bei Patienten mit einem vollständigen Immunisierungsschutz deutlich geringer. Ebenso zeigte sich eine erhöhte Thromboserate bei genetisch prädestinierten Patienten mit einer Faktor-V-Leiden-Mutation (F5LMT). Die Ergebnisse der klinischen Kohortenstudie aus Oxford belegt, dass eine milde COVID-19-Infektion mit einem erhöhten Thromboserisiko, insbesondere bei Vorhandensein eines genetischen Thrombophiliemarkers, einhergeht. Ein Immunisierungsschutz – zumindest für die Delta-Variante – scheint das Thromboserisiko zu senken. Die Ergebnisse der Kohortenstudie berechtigen zu der Hypothese, dass auch bei ambulanten COVID-19-Patienten eine zumindest vorübergehende Thromboseprophylaxe sinnvoll sein kann, was jedoch durch klinische Studien erhärtet werden sollte. Fraglich bleibt jedoch, ob die mildere Omikron-Variante oder eine Immunisierung gegen diese SARS-Cov-2-Virusmutante sich ähnlich auf das Risiko für venöse Thrombosen auswirken. Dies ist sicherlich derzeit nicht eindeutig zu beurteilen.



Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
14. August 2023

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