Onkologische Welt 2025; 16(08): 423
DOI: 10.1055/a-2526-4099
Editorial

Alzheimer und Tumoren – eine komplexe Beziehung

Autoren

  • Alexander Kretzschmar

    München

Die seit 1949 laufende Framingham Heart Study ist wohl eine der bekanntesten medizinischen Studien. Sie sollte die Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erforschen, bereicherte aber die gesamte medizinische Forschung um neue Hypothesen-generierende Impulse wie nur wenige Studien. Driver et al. zeigten in 2012, dass Tumorpatient*innen während des Follow-ups von 10 Jahren ein geringeres Risiko für eine wahrscheinliche Alzheimer-Demenz (AD) hatten (Hazard Ratio [HR] 0,67), adjustiert für Alter, Geschlecht und Nikotinkonsum. Das galt mehr für Überlebende rauchassoziierter Tumoren als bei nicht rauchassoziierter Tumoren. Teilnehmende mit wahrscheinlicher Alzheimer-Demenz hatten auch ein geringeres Risiko einer Tumorerkrankung (HR 0,39) als die Referenzpopulation. Dies galt für jegliche Form von Alzheimer-Demenz (HR 0,38) sowie jegliche Form von Demenz (HR 0,44) [1]. Eine aktuelle große britische populationsbasierte Fall-Kontroll-Studie (n = 3021508) bestätigt diese Daten im Wesentlichen [2].

Tumoren und Alzheimer-Demenz teilen mehrere gemeinsame Risikofaktoren, darunter Alter, Adipositas und Typ-2-Diabetes. Ein weiterer Ko-Faktor könnte die hormonelle Signalübertragung sein. Hormone sind wichtige Wachstumstreiber in hormonabhängigen Tumoren, während sie bei der AD potenziell protektive Wirkungen entfalten können. Einige Effekte könnten durch Apolipoprotein E (APOE) vermittelt werden [3]. Das APOE-ε4-Allel ist stärker mit einem erhöhten Alzheimer-Demenz-Risiko und kognitiven Defiziten bei Frauen als bei Männern assoziiert. Bei Frauen wurde auch eine Interaktion zwischen APOE ε4 und dem ESR1-Gen (Estrogen Receptor 1) nachgewiesen, wobei der APOE-Genotyp die Expression von Östrogenrezeptoren beeinflusst. Bei Männern wird ein niedriges zirkulierendes freies Testosteron mit einem erhöhten Alzheimer-Demenz-Risiko und einem APOE-ε4-Trägerstatus assoziiert. Die molekularen Grundlagen dieser inversen Beziehungen sind aber noch unzureichend verstanden [3].

Die Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1RA) eröffnet neue Perspektiven auch für die Onkologie. Neben ihrer Wirkung auf Gewichtskontrolle und kardiometabolische Parameter könnten GLP-1RA auch die endokrine Funktion von Adipozyten sowie die chronische Inflammation bei der Adipositas und damit die Entstehung adipositasassoziierter Tumoren modulieren. Um zu erfahren, wo die Grenze zwischen Fact und Fiction liegt, benötigen wir prospektive Studien zur onkologischen Bedeutung von GLP-1RA und ihren genetischen, metabolischen und inflammatorischen Mechanismen. Sie könnten ein besseres Verständnis zur Pathogenese beider Erkrankungen und neue therapeutische Ansätze eröffnen.

Dr. Alexander Kretzschmar, München



Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
27. November 2025

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