Die Wirbelsäule 2025; 09(03): 117-118
DOI: 10.1055/a-2542-6979
Referiert und kommentiert

Kommentar zu: Duraverletzung und Ambulantisierung – auf dem Weg zur sicheren Entlassung am OP-Tag

Anna-Maria Mielke
,
Jörg Franke
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Inzidentelle Durotomien zählen zu den häufigsten intraoperativen Komplikationen bei spinalen Dekompressionseingriffen. Die berichtete Inzidenz liegt je nach Studie bei bis zu 16% [1], wobei die Dunkelziffer vermutlich höher ist, da kleinere Läsionen intraoperativ nicht immer erkannt oder dokumentiert werden. Diese Unsicherheit relativiert die pauschale Vorstellung, jede Durotomie sei zwingend komplikationsträchtig. In der Mehrzahl der Fälle verlaufen Duraläsionen klinisch unkompliziert und äußern sich meist mild, etwa durch Kopfschmerzen oder Serome. Im Einzelfall können jedoch schwerwiegende Folgeerscheinungen auftreten, darunter persistierende Liquorfisteln, intrakraniellen Blutungen, zerebralen Herniationen oder Infektionen des zentralen Nervensystems. Entsprechend wird meist ein stationärer Verbleib zur postoperativen Überwachung empfohlen. Die zunehmende Ambulantisierung in der Wirbelsäulenchirurgie macht es jedoch notwendig, diesen Ansatz zu hinterfragen.

In der retrospektiven Kohortenstudie von Kaidi et al. [2] wurden 66 Patient*innen mit inzidenteller Durotomie im Rahmen lumbaler Wirbelsäulenoperationen untersucht, die entweder ambulant oder stationär nachversorgt wurden. Trotz Duraläsion erfolgte bei 18 Patient*innen eine geplante Ambulantisierung am Operationstag. Im 3-Monats-Follow-up zeigte sich kein signifikanter Unterschied in der Rate an Rehospitalisierungen (p=0,67) oder Komplikationen (p=0,53) zur stationären Gruppe. Ein Hinweis auf das Potenzial sicherer Ambulantisierung unter geeigneten Bedingungen.

Auffällig ist jedoch, dass stationär behandelte Patient*innen signifikant längere Operationszeiten (131 vs. 76 Minuten) und höheren Blutverlust (112mL vs. 34mL) aufwiesen. Suggestiv für komplexere Eingriffe oder schwerer zu versorgende Duraläsionen. Vermutlich erfolgte bereits intraoperativ eine risikoadaptierte Selektion, basierend auf ärztlicher Einschätzung, die retrospektiv nicht erfasst wurden. Dadurch ist eine Vergleichbarkeit der Gruppen erheblich eingeschränkt. Auch die höhere Komplikationsrate im stationären Kollektiv (25% vs. 16,7%) dürfte auf diese vorherige Selektion zurückzuführen sein. Zudem traten dort schwerwiegendere Komplikationen auf, darunter persistierende Liquorleckagen, Arachnoiditis und intraventrikuläre Blutungen.

Nicht berichtet wird die Gesamtzahl der gescreenten Patient*innen. Die Angabe von 66 Fällen erlaubt somit keine Rückschlüsse auf Inzidenz oder Ausschlusskriterien, was die Aussagekraft zusätzlich limitiert.

Dennoch liefert die Studie einen relevanten Impuls für eine individualisierte postoperativen Betreuung. Wie Farshad et al. [3] in ihrer randomisiert-kontrollierten Arbeit zeigten, ist eine routinemäßige Bettruhe nach inzidenteller Durotomie nicht zwingend erforderlich. Ein naheliegender nächster Schritt ist daher die unmittelbare Ambulantisierung. Entscheidend ist laut Kaidi et al. [2] nicht die Art des Dura-Verschlusses (Naht, Patch und/oder Sealant), sondern die funktionelle Dichtigkeit. Auch wenn diese nicht einheitlich definiert wurde und Angaben zur Größe der Läsionen fehlen, bleibt sie ein zentrales Kriterium. Orientierung bietet das strukturierte Zehn-Schritte-Vorgehen nach Papavero et al. [4]: von Freilegung, intraduraler Sichtung, Patch, Valsalva-Test bis hin zur mehrschichtigen Naht und ggf. Liquordrainage. Ein solches strukturiertes Vorgehen kann die Sicherheit ambulanter Entlassungen deutlich erhöhen. Patient*innen mit suffizient versorgter Durotomie, stabiler Frühmobilisation und ohne neurologische Defizite sollten daher nicht pauschal von einer Ambulantisierung ausgeschlossen werden.

Für die deutschsprachige Versorgungspraxis wären standardisierte Checklisten mit Entlasskriterien, klar definierte intraoperative Beurteilungsstandards (z.B. Größe, Lokalisation und Dichtigkeit der Läsion) sowie festgelegte Nachsorgeintervalle wünschenswert. Auch eine frühzeitige, verständliche Aufklärung mit Einbindung der Patient*innen in den Entscheidungsprozess kann zur sicheren Umsetzung ambulanter Strategien beitragen. Bis dahin bleibt ein stationärer Aufenthalt im Zweifelsfall weiterhin gerechtfertigt, insbesondere bei kritischem oder unklarem Verschlussstatus, beschriebener Symptomatik, vorbekannten Liquorfisteln, Revisionsoperationen oder Infektionen im Operationsgebiet, die auf eine fragilere Dura schließen lassen könnten.

Sind diese strukturellen Kriterien jedoch erfüllt, erscheint der Trend zur Ambulantisierung nicht nur sinnvoll, sondern auch sicher umsetzbar.



Publication History

Article published online:
04 August 2025

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