Aktuelle Kardiologie 2025; 14(06): 434-444
DOI: 10.1055/a-2708-2216
Kurzübersicht

Hypertonie im Alter: eine individualisierte Herausforderung zwischen Evidenz und klinischer Realität

Hypertension in the Elderly: An Individualized Challenge Between Evidence and Clinical Reality

Autoren

  • Oliver Vonend

    1   Klinik für Innere Medizin VI: Nephrologie und Hypertensiologie, HELIOS Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden, Wiesbaden, Deutschland (Ringgold ID: RIN38696)
  • Redzep Bajmak

    1   Klinik für Innere Medizin VI: Nephrologie und Hypertensiologie, HELIOS Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden, Wiesbaden, Deutschland (Ringgold ID: RIN38696)
  • Sandra Scholz

    2   Klinik für Innere Medizin I: Kardiologie und konservative Intensivmedizin, HELIOS Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden, Wiesbaden, Deutschland (Ringgold ID: RIN38696)

Zusammenfassung

Die arterielle Hypertonie ist im Alter eine der häufigsten chronischen Erkrankungen und stellt einen wesentlichen modifizierbaren Risikofaktor für kardiovaskuläre Morbidität und Letalität, Schlaganfälle sowie kognitiven Abbau dar [1]. Die optimale Blutdruckeinstellung bei älteren Patienten, insbesondere bei Vorliegen von Gebrechlichkeit (Frailty), Multimorbidität, Polypharmazie sowie spezifischen Herausforderungen wie orthostatischer Hypotonie und resistenter Hypertonie, bleibt eine komplexe Aufgabe, die eine hoch individualisierte Herangehensweise erfordert. Große randomisierte Studien wie SPRINT [2] und HYVET [3] haben den grundsätzlichen Nutzen einer antihypertensiven Therapie auch bei älteren und hochbetagten Patienten belegt. Insbesondere die viel diskutierte SPRINT-Studie lieferte Hinweise, dass auch sorgfältig ausgewählte ältere Teilnehmer von einer intensiveren Blutdrucksenkung profitieren können, ohne ein signifikant erhöhtes Risiko für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse. Neuere Beobachtungsstudien, vor allem aus vulnerablen Populationen wie Pflegeheimbewohnern, deuten jedoch darauf hin, dass ein sorgfältig abgewogenes Medikamentenmanagement, das auch das gezielte Absetzen oder Reduzieren von Antihypertensiva (Deprescribing) umfasst, mit Vorteilen für die kognitive Funktion assoziiert sein kann, ohne das kardiovaskuläre Risiko in der verbleibenden Lebensspanne relevant zu erhöhen. Darüber hinaus ist die Initiierung einer antihypertensiven Therapie bei bereits gebrechlichen Pflegeheimbewohnern, insbesondere bei Vorliegen einer Demenz, mit einem deutlich erhöhten Fraktur- und Sturzrisiko assoziiert. Eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung unter Berücksichtigung des individuellen Patientenprofils, der Komorbiditäten, der funktionellen Kapazität und der Patientenpräferenzen ist daher essenziell für eine erfolgreiche und sichere Hypertoniebehandlung im Alter.

Abstract

Arterial hypertension is one of the most common chronic diseases in the elderly and represents a major modifiable risk factor for cardiovascular morbidity and mortality, stroke, and cognitive decline [1]. Optimal blood pressure management in older patients, especially in the presence of frailty, multimorbidity, polypharmacy, and specific challenges such as orthostatic hypotension and resistant hypertension, remains a complex task requiring a highly individualized approach. Large randomized controlled trials such as SPRINT [2] and HYVET [3] have demonstrated the fundamental benefits of antihypertensive therapy in older and very old patients by showing a reduction in cardiovascular events and mortality. The well discussed SPRINT trial, in particular, provided evidence that even older patients can also benefit from more intensive blood pressure lowering without a significantly increased risk of serious adverse events. However, more recent observational studies, particularly from vulnerable populations such as nursing home residents, suggest that carefully balanced medication management, which also includes the targeted discontinuation or reduction of antihypertensives (deprescribing), may be associated with benefits for cognitive function without significantly increasing cardiovascular risk over the remaining lifespan. Furthermore, initiating antihypertensive therapy in already frail nursing home residents, especially in the presence of dementia, is associated with a markedly increased risk of fractures and falls. A careful benefit-risk assessment, taking into account the individual patient profile, comorbidities, functional capacity, and patient preferences, is therefore essential for successful and safe hypertension management in the elderly.

Was ist wichtig?
  • Die Prävalenz der arteriellen Hypertonie, insbesondere der isolierten systolischen Hypertonie, steigt mit zunehmendem Alter erheblich an und ist ein unabhängiger Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen.

  • Eine evidenzbasierte antihypertensive Therapie ist auch im höheren Lebensalter wirksam und reduziert kardiovaskuläre Ereignisse und Letalität, wie durch große Studien wie SPRINT und HYVET belegt wurde. Die SPRINT-Studie zeigte auch bei sorgfältig ausgewählten Teilnehmern vergleichbare Vorteile einer intensiven Blutdrucksenkung.

  • Bei sehr alten, gebrechlichen und multimorbiden Patienten ist eine individualisierte Therapieentscheidung unerlässlich. Dies beinhaltet die sorgfältige Abwägung von Nutzen und Risiken, die Berücksichtigung von Deprescribing-Strategien und die Beachtung potenzieller Risiken wie Stürze, Frakturen und kognitive Beeinträchtigung.

  • Orthostatische Hypotonie ist im Alter häufig, erhöht das Sturzrisiko und erfordert eine Anpassung der antihypertensiven Therapie sowie nicht medikamentöse Maßnahmen. Ein systematisches Screening ist vor und während der Therapie indiziert.

  • Resistente Hypertonie im Alter bedarf einer sorgfältigen diagnostischen Abklärung (Ausschluss Pseudoresistenz, Identifikation sekundärer Ursachen) und einer optimierten, stufenweisen Kombinationstherapie, wobei Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten eine wichtige Rolle spielen können.

  • Die Therapieziele und die Medikation sollten regelmäßig unter Einbeziehung des Patienten und seines Umfelds reevaluiert und angepasst werden, wobei der funktionelle Status und die Lebensqualität im Vordergrund stehen können.



Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
24. November 2025

© 2025. Thieme. All rights reserved.

Georg Thieme Verlag KG
Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany