Dtsch med Wochenschr 2009; 134(3): 87
DOI: 10.1055/s-0028-1105895
Kommentar | Commentary
Geburtshilfe, Endokrinologie
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Schilddrüsenerkrankungen in der Schwangerschaft – bedeutsam für Mutter und Foetus

Thyroid disorders during pregnancy – important for the mother and the fetusE.- M Grischke1
  • 1Universitäts-Frauenklinik Tübingen
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eingereicht: 20.11.2008

akzeptiert: 27.11.2008

Publication Date:
13 January 2009 (online)

Insgesamt können Schilddrüsenfunktionsstörungen in der Schwangerschaft bis zu 10 % alle Frauen betreffen. Mit berücksichtigt sind dabei sowohl hypo- wie auch hyperthyreote Störungen. Wesentlich ist, dass eine Funktionsstörung der Schilddrüse nicht nur für die Mutter, sondern auch für die fetale Entwicklung wichtig sein kann. Vor 20 Jahren standen besonders Jod-Mangel-Situationen im Vordergrund, dieses Problem konnte gelöst werden. Entsprechende Erkenntnisse, dass ein vermehrter Jodbedarf in der Schwangerschaft auftritt (in 30 – 50 %) haben dazu geführt, eine Jodprophylaxe bzw. die Empfehlung zur Jodprophylaxe in die Mutterschaftsrichtlinien fest zu integrieren. Die üblichen Nahrungsergänzungen enthalten deshalb in der Regel zusätzlich 100 µg bei einer mittleren Jodaufnahme von ca. 120 µg in der normalen Nahrung.

Wesentliche Ursachen für Schilddrüsenfunktionsstörungen sind allerdings nicht nur der Jodmangel, sondern auch durch Autoimmunprozesse vermittelte Schilddrüsenerkrankungen. Diese sind erfahrungsgemäß bei Frauen signifikant häufiger als bei Männern und können das Schwangerwerden und auch das Schwangersein sowie den Foeten entsprechend beeinflussen. Neben Einschränkungen der Fertilität (nicht zuletzt durch ein erhöhtes Prolaktin) treten auch Probleme wie ein erhöhtes Abortrisiko auf. So kann durch frühzeitige Levothyroxin-Substitution bei entsprechendem positivem TPO-Antikörpernachweis die Frühabortrate von 13 % auf 2 % gesenkt werden. Wodurch auch eine Senkung der Frühgeburtenrate folgt.

Nicht zuletzt kann es bei Kindern von Müttern mit manifester Hypothyreose in der Schwangerschaft bei erhöhten TSH-Spiegeln, aber auch noch teilweise bei normalen peripheren Schilddrüsenwerten zu Zeichen einer Innenohrschwerhörigkeit und einer Verminderung der Intelligenzentwicklung in der Folge kommen. Bei einer immunogenen Hyperthyreose (Morbus Basedow) liegen erhöhte Thyreotropin-Rezeptor-Autoantikörper (TRAk’s) vor, woraus beim Foeten eine vergrößerte Schilddrüse resultieren kann. Außerdem können eine Entwicklungsverzögerung, Tachykardien und auch eine vermehrte Morbidität oder vorzeitige Knochenreifung die Folge sein. Auch eine extreme oder prolongierte Hyperemesis gravidarum sollte in jedem Fall zu einer Abklärung der Schilddrüse führen. Mit der Hyperthyreose korrelieren erhöhte Werte des humanen Choriongonadotropin (HCG), die letztendlich das Symptom beeinflussen.

Es ist in jedem Falle sinnvoll, systematisch eine Hypo- oder Hyperthyreose in der Schwangerschaft bzw. auch bei Kinderwunschpatientinnen auszuschließen. Das komplexe Problem veranlasste auch andere Autoren z. B. D. Glinoer, ein Screening-Modell zu entwickeln [2]. In einem Algorithmus, basierend auf der Bestimmung von insgesamt 3 Laborwerten, nämlich TPO-Antikörpern, TG-Antikörpern und TSH gelingt es nach seiner Auffassung, alle wesentlichen Formen der Hypo- und Hyperthyreose zu erfassen. Die Problematik, dass die Hypothyreose doch wesentlichen Einfluss auf die Schwangerschaft bzw. den Schwangerschaftsverlauf zu jedem Zeitpunkt hat und damit entsprechend Auswirkungen auch auf den Foeten, konnte unlängst eine Arbeit von Cleary-Goldman zeigen [1]. Die Autoren fanden heraus, dass sich im Falle einer so genannten subklinischen Hypothyreose keine weitere klinische Relevanz für fetale Folgen ergab. Anders im Falle einer Hypothyroxinämie: Bei gleicher Häufigkeit war diese Laborveränderung assoziiert mit einem erhöhten Risiko für vorzeitige Wehentätigkeit und einer Makrosomie des Föten, wenn die Veränderungen bereits im 1. Trimester auftraten. Traten sie im 2. Trimester auf, fand sich gehäuft ein Gestationsdiabetes. 15 % dieser Patientinnen im 1. Trimenon und 14 % im 2. Trimenon wiesen Schilddrüsen-Antikörper auf. Traten die Antikörper, egal wann, in der Schwangerschaft auf, war das Risiko für einen vorzeitigen Blasensprung erhöht.

Schilddrüsenfunktionsstörungen haben damit nicht nur während der Schwangerschaft eine wesentliche Bedeutung für das mütterliche Befinden und die Entwicklung des Neugeborenen („fetal outcome”), sondern können nachweislich auch den Schwangerschaftsverlauf beeinflussen. Sie können ursächlich verantwortlich sein für Komplikationen wie vorzeitige Wehentätigkeit, vorzeitigen Blasensprung, für ein pathologisches fetales Wachstum in Form einer Makrosomie und auch für einen Gestationsdiabetes. Der mütterlichen Schilddrüse sollte zusätzlich zur Jodprohylaxe, die in der Mutterschaftsrichtlinie vorgesehenen ist, die entsprechende Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Literatur

Prof. Dr. med. Eva-Maria Grischke

Univ.-Frauenklinik Tübingen

Calwerstraße 7

72076 Tübingen

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