Pädiatrie up2date 2009; 4(3): 295-311
DOI: 10.1055/s-0029-1214961
Neuropädiatrie/Psychiatrie

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Psychosomatik und funktionelle Störungen

Phaedra  M.  D.  Lehmann, Daniel  Marti
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Publication Date:
03 September 2009 (online)

Einleitung

Körperliche Symptome und Beschwerden, die nicht ausreichend durch bekannte somatische Krankheiten oder pathophysiologische Mechanismen erklärt werden können, sind bei Kindern und Jugendlichen häufig [1] [2]. Zur großen Mehrheit werden diese Patienten von Kinderärzten oder Allgemeinpraktikern gesehen. Sie stellen sowohl für den Kinder- und Jugendarzt als auch für den Kinder- und Jugendpsychiater eine besondere diagnostische und therapeutische Herausforderung dar.

Alte Definitionen

Symptome ohne messbare pathologische Befunde wurden in der somatischen Medizin als funktionelle Störungen (wie z. B. Fibromyalgie, Colon irritabile, chronisches Müdigkeitssyndrom) diagnostisch beschrieben. Als psychosomatische Störungen wurden körperliche Beschwerden bezeichnet, für die eine psychische Ursache angenommen wird und die nicht oder nicht ausreichend durch nachweisbare physiopathologische Befunde erklärt werden können [3]. Diese zwei diagnostischen Systeme entsprechen sich nicht direkt [4], vor allem bezüglich der Ätiologie, d. h. der unterschiedlichen Gewichtung somatischer oder psychischer Faktoren. Für die Klinik hat sich diese diagnostisch-konzeptuelle Trennung nicht bewährt.

Neue Definitionen

Heutzutage werden die meisten funktionellen Störungen und die psychosomatischen Störungen unter den psychiatrischen Diagnosen des Klassifikationssystems ICD-10 [5] und in der amerikanischen Klassifikation DSM-IV-TR [6] entweder als somatoforme Störungen, dissoziative Störungen, Essstörungen oder im Rahmen einer primären psychischen Störung (z. B. depressive Episoden, Angststörungen) diagnostisch erfasst.

Funktionelle und psychosomatische Störungen können als körperliche Symptome ohne messbare pathologische Befunde oder als medizinisch nicht erklärbare Symptome (Medically unexplained Symptoms, „MUS”) bezeichnet werden. Sie formen eine phänomenologisch und klinisch sehr heterogene Gruppe unterschiedlichster somatischer Beschwerdebilder, für die keine ausreichenden Belege einer organischen Pathologie gefunden werden können und psychosoziale Faktoren als mögliche Ursachen angenommen werden. Mehrdimensionale Erklärungsmodelle mit unterschiedlicher Beteiligung neurobiologischer, genetischer, psychosozialer und psychologischer Mechanismen haben sich sowohl für das bessere Verständnis der Entstehung und der Aufrechterhaltung der Symptomatik als auch für die Planung therapeutischer Ansätze bewährt. Bei Kindern und Jugendlichen spielen auch psychische, kognitive und somatische Entwicklungsprozesse eine wichtige Rolle.

Im Folgenden wird für alle diese Symptome und Krankheitsbilder der Begriff psychosomatische Beschwerden benutzt. Psychosomatisch wird hier nicht als die Ursache definierend, sondern als ganzheitlicher Begriff ohne Trennung von Psyche und Soma verstanden.

Merke: Für Verständnis, Diagnostik und Therapie psychosomatischer Störungen haben sich mehrdimensionale Erklärungsmodelle bewährt, die genetische, neurobiologische, psychologische und psychosoziale Mechanismen berücksichtigen.

Literatur

Dr. med. Phaedra M. D. Lehmann

Kinderspital Zürich
Universitäts-Kinderklinik

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