Dtsch med Wochenschr 2009; 134(19): 975
DOI: 10.1055/s-0029-1222552
Editorial
Radiologie
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Radiologie: auf dem Weg zu einer „individualisierten” Medizin

Radiology: on its way to an „individualized” medicineC. D. Claussen1
  • 1Radiologische Universitätsklinik Tübingen
Further Information

Publication History

Publication Date:
28 April 2009 (online)

Weltweit wird eine Zunahme der Morbidität und Mortalität an Herz-Kreislauf- und onkologischen Erkrankungen beobachtet. Die medizinische und ökonomische Problematik dieser systemischen und häufig chronischen Erkrankungen betrifft längst nicht mehr nur die Industriestaaten, sondern ebenso auch die bevölkerungsreichen Schwellenländer. Kritische Veränderungen sozialer und umweltökologischer Faktoren sowie die steigende Lebenserwartung lassen zudem ein weiteres Wachstum der Erkrankungshäufigkeit erwarten. Die durch medizinische Behandlung und Arbeitsunfähigkeit entstehenden Kosten können dabei einen beachtlichen Anteil an den gesamten Sozialausgaben einnehmen.

Maligne Erkrankungen sind grundsätzlich als potentiell systemisch zu betrachten. Die Entscheidungen für eine optimale Behandlungsstrategie stützen sich wesentlich auf die Kenntnis der individuellen Krankheitsausbreitung und deren Dynamik. Hinsichtlich Lebensqualität, Prognose und Lebenserwartung wird daher zunehmend der Weg einer „personalisierten Medizin” eingeschlagen werden. In dieser Hinsicht ist die moderne onkologische Therapie äußerst differenziert geworden und beinhaltet individuell optimierte Behandlungskonzepte mit Chirurgie, Strahlentherapie und Chemotherapie. Die Therapieentscheidungen werden aufgrund der Komplexität der Erkrankungen und der sich schnell weiterentwickelnden Therapiekonzepte häufig in einem interdisziplinären Kontext gefällt. So gilt es kritisch auch diejenigen Patienten zu unterscheiden, die eher ein aggressiveres oder ein konservatives Behandlungsverfahren benötigen.

Die bildgebende Diagnostik stellt bei den therapeutischen Entscheidungsprozessen ein wesentliches Standbein dar. Der Radiologe liefert für die Planung und Durchführung einer onkologischen Therapie fortlaufend wichtige Informationen über das individuelle Ausbreitungsmusters der Erkrankung, dessen Veränderung unter Therapie sowie über begleitende Erkrankungen oder Komplikationen. Bildgebunggesteuerte minimal-invasive Eingriffe der interventionellen Radiologie sind dabei im gesamten Behandlungskonzept von zunehmender Bedeutung, wie gezielte Gewebeentnahmen, lokale Therapieverfahren (z. B. Radiofrequenzablation) oder Drainagen.

Die Entwicklungen ermöglicht haben enorme Fortschritte auf den Gebieten der Bildgebungs- und Computertechnologie innerhalb der letzten drei Dekaden. Die Schnittbildverfahren Sonographie (US), Computertomographie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT) und Positronenemissionstomographie (PET) erlauben es, in kurzer Zeit hochaufgelöste und dreidimensionale Bilder des Körpers aufzunehmen. Diese Methoden haben das konventionelle Röntgenbild in vielen Fällen ersetzt. Die moderne Mehrschicht-Spiral-CT ermöglicht Ganzkörperuntersuchungen in wenigen Minuten Untersuchungszeit. Die Methode hat bereits einen festen Platz in der onkologischen Routinediagnostik eingenommen. Zu achten ist dennoch auf die Strahlenexposition für den Patienten, insbesondere bei häufigen Therapieverlaufskontrollen. Die MRT ist ein hochempfindliches Verfahren mit hohem Weichteilkontrast. Zudem besitzt sie das Potential, funktionelle Veränderungen, wie Perfusion, Diffusion und Stoffwechsel zu untersuchen. Neueste technologische Entwicklungen haben auch die Ganzkörper-MRT in einem Untersuchungsgang ermöglicht.

Die moderne gerätetechnische Integration nuklearmedizinischer und radiologischer Methoden in Form sogenannter Hybridgeräte (PET/CT, PET/MRT) hat zudem einen Paradigmenwechsel in der diagnostischen Radiologie eingeleitet, indem sie den Fokus der Bildgebung von einer organbezogenen Teilkörperdiagnostik hin zu einer systembezogenen Krankheitsdiagnostik verschiebt. In einem nächsten Schritt hat die molekulare Bildgebung zum Ziel, krankhafte funktionelle und molekulare Krankheitssignaturen zu detektieren, um möglichst frühzeitig und individuell eine spezifische Therapie einleiten und kontrollieren zu können. Die modernen Methoden haben auch zu einem tieferen Verständnis der normalen Anatomie sowie krankhafter Veränderungen geführt.

Die bildgebenden Verfahren leisten einen wichtigen Beitrag zu einer individualisierten Medizin in der Onkologie. Das betrifft sowohl die Früherkennung als auch die Optimierung des Behandlungserfolges. Zudem besteht auch das Potential, die Behandlungskosten zu minimieren, falls die summierten Kosten des gesamten Behandlungskonzepts ausgehend von der Diagnose über die Therapie und das Therapiemonitoring bis hin zur Nachsorge in Betracht gezogen werden.

Prof. Dr. med. Claus D. Claussen

Radiologische Universitätsklinik Tübingen, Abteilung für Diagnostische und Interventionelle Radiologie

Hoppe-Seyler-Str. 3

72076 Tübingen

Email: claus.claussen@med.uni-tuebingen.de