Sportverletz Sportschaden 2009; 23(4): 187-193
DOI: 10.1055/s-0029-1245036
Sportphysiotherapie aktuell

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart ˙ New York

Maximales Drehmoment und muskuläre Aktivität in unterschiedlichen Winkelpositionen der Rumpfflexion, Rumpfextension und Rumpfrotation

Markus Humer, Alexander Kösters, Erich Müller
  • Interfakultärer Fachbereich Sport- und Bewegungswissenschaft/USI Universität Salzburg
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Publication Date:
05 January 2010 (online)

 

Einleitung

Die Steigerung der Effizienz in Trainingsprozessen ist häufiger Ausgangspunkt von Diskussionen. Vor allem die Präferenzen zu einem Training in offener oder geschlossener Kette werden in der Literatur kontrovers diskutiert. Lutz, Palmitier, Chao (1993, S. 732 ff) fanden heraus, dass bei der offenen Kette höhere Scherkräfte auftreten. Bei der geschlossenen Kette hingegen sind die Kompressionskräfte höher. Mayer et al. (2003, S. 181 ff) fügen dem hinzu, dass bei beiden Trainingsformen sowohl Scher- als auch Kompressionskräfte auftreten und somit nicht so einfach voneinander zu trennen sind. Die Autoren wählen einen anderen Zugang, indem sie offene und geschlossene Kette aus einer neurophysiologischen Sichtweise betrachten. Hiernach wird beim Training in der offenen Kette überwiegend ein Muskel bzw. eine Muskelgruppe kontrahiert, während es sich in der geschlossenen Kette um eine kontrollierte Kokontraktion von Agonisten, Synergisten und Antagonisten handelt. Auch in die Rehabilitation hält das Training in der geschlossenen Kette vermehrt Einzug, weil es als sicherer und funktioneller gilt. (Fitzgerald, 1997, S. 1747 ff) Bynum, Barrack, Alexander (1995, S. 401 ff) versuchten herauszufinden, bei welcher Trainingsform nach einer Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes sich ein rascherer Therapieerfolg einstellt. Ergebnisse dieser Studie waren, dass die Gruppe, die in der geschlossenen Kette trainierte, eine geringere Differenz in der Kniestabilität zum gesunden Knie aufwies, weniger patello-femuralen Schmerz zeigte und schneller in ihre tägliche Aktivität und zum Sport zurückkehrte. Ähnliche Resultate ermittelten Shelbourne und Nitz (1990, S. 292 ff). In dieser Untersuchung kamen die Patienten, die in der geschlossenen Kette trainierten im Schnitt nach 4 bis 6 Monaten zur normalen Funktion zurück, während es bei der Gruppe mit herkömmlichen Methoden 9 bis 12 Monate dauerte.

In den erwähnten Untersuchungen wurden die Unterschiede zwischen Training in offener und geschlossener Kette nach Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes untersucht. Betrachtet man die Ähnlichkeiten der Mechanismen, die zu Verletzungen führen, könnte sich auch für ein Training in der geschlossenen Kette im Bereich des Rumpfes ein Potenzial zur Steigerung der Effizienz im Trainingsverlauf gegenüber herkömmlichen Trainingsmethoden ergeben.

Norman et al. (1998, S. 561 ff) sehen in diesem Zusammenhang maximale Scherkräfte und maximale Geschwindigkeiten als Risikofaktoren für Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule. Marras (2000, S. 894 ff) geht davon aus, dass Hebearbeiten mit kraftvollen Bewegungen, starke physische Arbeit und Vibrationen für Rückenschmerz verantwortlich sind. Adams und Dolan (2005, S. 1979) weisen darauf hin, dass eine Größenveränderung im Bereich des Rumpfes zu einer Dysbalance zwischen Gewicht und Belastbarkeit der Strukturen führt. Als weitere Verletzungsmechanismen werden von den Autoren die Größe und die Geschwindigkeit der zu bewegenden Last bzw. die Belastungsanamnese im Lauf des Lebens angeführt. Im Modell von Marras (2000, S. 886) spielt die Belastungstoleranz der Strukturen eine tragende Rolle und auch bei Adams und Dolan (2005, S. 1979) gibt es einen Hinweis darauf, dass durch einen gut ausgeprägten muskulären Stützapparat Belastungen besser kompensiert werden können. Dies ist ein durchaus interessanter Standpunkt, da einerseits durch ein Training der Rumpfmuskulatur präventiv Verletzungen vorgebeugt werden, andererseits nach Verletzungen dem Krafttraining ein entscheidender Faktor zukommt um rasch zu rehabilitieren und die Belastbarkeit der Strukturen wiederherzustellen.

Um Kraftdefizite im Rahmen einer Leistungsdiagnostik aufdecken und Anpassungen des Körpers auf Training dokumentieren zu können, ist es unerlässlich, über ein standardisiertes Testprozedere zu verfügen.

Das Ziel dieser Studie war, zu ermitteln, in welchem Bewegungsbereich der Rumpfflexion bzw. -extension und Rumpfrotation die höchsten isometrischen Drehmomente auftreten. Mayer et al.(2003, S. 181 ff) behaupten, dass es beim Training in der geschlossenen Kette zu Kokontraktionen aller beteiligten Muskelgruppen kommt. Zur genaueren Betrachtung dieses Aspekts wurde mittels bipolarem Oberflächen-EMG die muskuläre Aktivität der hauptbeanspruchten Muskelgruppen abgeleitet, um eine Aussage über die muskuläre Beanspruchung in den einzelnen Testsituationen treffen zu können. Allerdings wurde nicht untersucht, ob es Unterschiede zwischen herkömmlichen Methoden und dem Training in der geschlossenen Kette gibt. Diese Studie dient vielmehr als Grundlage für die weitere Arbeit mit dem isokinetischen Diagnose- und Trainingssystem IsoMed 2000.