Z Sex-Forsch 2010; 23(3): 247-257
DOI: 10.1055/s-0030-1262531
DEBATTE

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart ˙ New York

Sexualwissenschaftliche Thesen zur Missbrauchsdebatte[1]

Volkmar Sigusch
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Publication Date:
23 September 2010 (online)

1. Es gibt nicht den Missbrauch oder die sexuelle Traumatisierung. Kindern wird unter sehr differenten Umständen und von sehr differenten Menschen sexuelle Gewalt angetan. Da es in unserer Kultur keinen sexuellen „Gebrauch“ von Kindern gibt, der Erwachsenen rituell oder aus anderen Gründen gestattet wäre wie in entfernten Gesellschaften, gibt es strenggenommen auch keinen „Missbrauch“. In den öffentlichen Diskussionen, aber auch in wissenschaftlich gemeinten Abhandlungen werden unter der problematischen Bezeichnung „Missbrauch“ höchst unterschiedliche Dinge, Situationen und Ereignisse in einen Topf geworfen. Dass die Auswirkungen aber sehr unterschiedlich sein können, leuchtet sofort ein, wenn differente Umstände benannt werden. So wären zum Beispiel zu unterscheiden: sexuelle Traumatisierungen durch Familienangehörige oder durch Fremde, die nicht mit der Familie verbunden sind; sexuelle Traumatisierungen mit oder ohne körperliche Misshandlung; vorzeitige Sexualisierungen mit oder ohne körperlichen Kontakt, bei denen auf konkrete Handlungen fixierte Modelle des „Missbrauchs“ ins Leere greifen, die das seelische Trauma und damit die Phantasietätigkeit fahrlässig unterschätzen; täppische, gele­gent­liche sexuelle Übergriffe i. S. des Berührens durch organisch hirnkranke ­ältere Männer, die nicht skandalisiert werden und die Heranwachsende auch deshalb nicht traumatisieren; sexuelle Traumatisierungen durch pädophile Männer, deren psychosozialen Abhängigkeitsfallen sich Kinder aus eigener Kraft nicht entziehen können; erotische oder sexuelle Beziehungen zu erwachsenen Frauen oder Männern, die den Heranwachsenden nach ­deren eigenem Zeugnis im Erwachsenenalter mehr genutzt als geschadet, mehr gegeben als genommen haben; schließlich Gewalttaten bis hin zum Mord, die wiederum sehr differente Ursachen haben können wie das Auseinanderfallen von sexuellen und destruktiven Impulsen, die unbewusste Abwehr von verpönten Wünschen und Ängsten, das Entgleisen einer sadomasochistischen Perversion, die sekundäre Sexualisierung einer Aggression, das dissoziale Erzwingen einer sexuellen Handlung usw.

2. Es gibt nicht den Missbrauchs-Täter. Herausgegriffen seien hier beispielhaft einige Tätertypen. Zunächst sei der Mann aus der Nachbarschaft genannt, der in gestörten sozialen Verhältnissen, oft alkoholisiert, Kinder missbraucht, ohne pädophil zu sein. Dann gibt es den Inzesttäter, also zum Beispiel einen Vater oder Bruder. Ein weiterer Tätertyp ist der pubertierende Junge, der seine ersten sexuellen Erfahrungen an kleineren Kindern vollzieht, oder der behinderte Jugendliche oder Erwachsene, für den Kinder „angemessenere“ Sexualpartner sind als Gleichaltrige. Dann gibt es den ­sexuell unreifen Erwachsenen, zum Beispiel einen Priester, der die ihm ­fehlenden seelenbildenden „Doktorspiele“ gewissermaßen durch seelenzerstörende „Priesterspiele“ ersetzt. Ferner gibt es den psychisch kranken Erwachsenen, der, zum Beispiel durch eine Geisteskrankheit enthemmt, Kinder sexuell attackiert. Ein weiterer Tätertyp ist der neosexuelle Sextourist, der sich Mädchen oder Jungen in bitterarmen Ländern zu sexuellen Diensten kauft, weil nun einmal alles in dieser Welt käuflich sei. Zu erwähnen ist auch der situativ reagierende Erwachsene, Mann wie Frau, der in ­einer erotisch einzigartig aufgeladenen Begegnung mit einem Kind oder Heranwachsenden seine vorhandenen moralischen Skrupel in seiner ­sexu­ellen Gier untergehen lässt oder der altersabgebaute Mann, der in seinem bisherigen Leben sexuell vollkommen unauffällig war, sich jetzt aber enthemmt an Kindern vergreift, oder der sexuell-amorphe Erwachsene, Mann wie Frau, für den Geschlecht und Alter des sogenannten Sexual­objekts drittrangig bis gleichgültig sind, weil bei ihm kein fixes persönliches erotisch-sexuelles Reaktionsmuster vorliegt oder weil er in zwischen­menschlichen Beziehungen kaum Gefühle entwickelt, ferner der polymorph-perverse Mann, bei dem sich die sexuellen Handlungen nicht nach den abgegrenzten Klassifikationsrastern Fetischismus, Exhibitionismus, Voyeurismus, Pädophilie usw. festlegen lassen. Und schließlich gibt es den Pädophilen, treffender gesagt: den Pädosexuellen, der ausschließlich Kinder begehrt, die noch nicht in die Phase der Pubertät eingetreten sind.

3. Die öffentlichen Bekenntnisse einiger Opfer sexueller Übergriffe in geschlossenen Anstalten Anfang 2010 waren ein Befreiungsschlag. Er weckte die Hoffnung, mit den Gefährdungen in Zukunft realitätsgerechter umgehen zu können. Bisher wurde die Wirksamkeit des Abwehrvorganges, der Verleugnung genannt wird, erheblich unterschätzt. Wie gewaltig müssen die Gefühle der Scham und des Ekels, wie groß müssen Angst und Isolation ­gewesen sein, dass nicht einmal sexuelle Revolutionen sie hinwegfegen konnten. Eindrucksvoll die Kartelle des Schweigens, wenn es um Missbrauch in angesehenen kulturellen Einrichtungen geht, ob nun katholischen oder reformpädagogischen. Entscheidend war und ist offenbar, dass es sich in beiden Fällen um geschlossene Anstalten handelt, die wie Wagenburgen organisiert sind, nach außen abgeschottet und nach innen eine verschworene Gemeinschaft mit charismatischen Anführern. In den Schulen werden familienähnliche Strukturen ausgebildet, und die Familie darf nicht ver­raten werden. Was dort passiert, dringt nicht nach außen. Soweit handelt es sich um Gemeinsamkeiten. Unterschiede gibt es im Hinblick auf die ­sexuelle Substanz. Nach allem, was bisher bekannt wurde, waren an der Odenwaldschule einerseits unreife Homosexuelle am Missbrauch beteiligt, die Angst vor erwachsenen Männern hatten, andererseits handelte es sich offenbar um ephebophile Lehrer, die Jungen um die Pubertät an sich gezogen haben. Bei den katholischen Klerikern haben wir es offenbar mit unreifen Pädophilen oder Homosexuellen, sexuell Amorphen und Perversen zu tun, wobei die Pädophilen überwiegen.

4. Makaber ist es, wenn kindliche Seelen von Seelsorgern zerstört werden. Der Zölibat produziert zwar keine Pädophilen und Pädosexuellen, er lockt sie aber an, ebenso wie sexuell Unreife, nicht zu sich gekommene Homosexuelle und Perverse. Diese Männer fühlen sich, oft halbbewusst, in der katholischen Kirche aufgehoben oder wollen ihre Neigung in ihr ungeschehen machen. Auf jeden Fall aber ist die katholische Kirche eine homo­phile Gemeinschaft, die strukturell homophile Männer anzieht. Die gegenwärtige Missbrauchsdebatte ist für sie nur auf den ersten Blick ein paradoxes Geschenk, jedenfalls dann, wenn sie zur Folge haben wird, historisch abgestorbene Auffassungen und Praktiken der Kirche zu beseitigen: die sexualfeindliche Sexualmoral, die Entrechtung der Frauen, den Zwangszölibat, die Menschen in den Tod treibende Verteufelung des Kondoms in AIDS-geplagten Ländern, die Diskriminierung der Homosexuellen usw. Machtkomplexe wie die katholische Kirche können nur durch Katastrophen in eine andere Richtung geschoben werden, wenn überhaupt. Abstoßender als verwirrte, sexuell unreife Priester sind jene großartigen Reformpädagogen, die Kinder traumatisierten, aber bis zur Stunde von ihren ebenso großartigen Gefährten durch obszönes Vernebeln oder kräftiges Verleugnen ­gedeckt werden. Hier agiert offenbar immer noch eine sogenannte Elite, die in Westdeutschland aus vordemokratischen, adeligen oder nazihörigen Familien hervorgegangen ist, männerbündische und vor allem verschwiemelt-ephebophile Züge hat und ihre oft mittelmäßig begabten Sprösslinge nicht nur schützte, sondern auch kräftig beförderte. Ralf Dahrendorf soll diese Elite „prostestantische Mafia“ genannt haben (DIE ZEIT, Nr. 13 vom 25. März 2010, S. 23). Deren Annahme, 10-jährige Kinder könnten sexuelle Handlungen eines Erwachsenen an sich oder an ihnen ohne Angst und Scham erleben, ist ein Abgesang auf Aufklärung. Das heißt nicht, Kinder hätten keine sexuellen Regungen. Sicher ist aber, dass sich diese Regungen nicht auf Erwachsene richten und schon gar nicht auf verehrte oder ­gefürchtete Respektspersonen. Oft wird die moralisch-seelische Vergewaltigung verheerender sein als die körperlich-sexuelle. Ein Priester, ein Reformpädagoge – das waren Moralinstanzen, Vorbilder, die das missbrauchte Kind trotz der damals üblichen Züchtigung durch eine physische Zu­wendung auszeichneten: eine perfide Falle, der Kinder nicht entweichen konnten.

5. Unbelehrbare katholische Priester und Bischöfe machten „die 1968er-Ideologen“ für den jetzt bekannt gewordenen Missbrauch verantwortlich. Sie drehten den Spieß einfach um: Schuld seien die anderen. Tatsächlich gab es in den 1970er und 1980er Jahren bei uns Personen und Gruppen, die offen für die Anerkennung sexueller Beziehungen zwischen Erwach­senen und Kindern eintraten. Das „revolutionäre“ Klima erlaubte es, alle ­sexuellen Probleme auf den Tisch des kulturellen Hauses zu legen. Und das hatte überwiegend positive Auswirkungen. Im Fall der Pädosexualität ist das Ergebnis, dass heute die Unlebbarkeit dieser Vorliebe erkannt ist, nicht zuletzt wegen der Folgen für die Kinder. Unverantwortlich aber ist es heute, eine generalisierende Antwort zu geben, wenn es um die Schäden für die Kinder geht. Denn die Auswirkungen reichen von einer seelischen Trau­matisierung, die das ganze Leben des Opfers vergällt, bis hin zu Erfahrungen, von denen diejenigen, die sie gemacht haben, als Erwachsene sagen, sie hätten ihnen in ihrer familiären Situation geholfen, weil sie keinen ­anderen Schutz gehabt hätten, weil sie anderen Kindern vorgezogen und umsorgt und geliebt worden seien. Das Stück Sex, das sie eher eklig fanden, hätten sie ihrem großen Freund „geschenkt“. Ob ein Kind geschädigt wird, hängt also, wie bereits angedeutet, sehr davon ab, in welcher sozialen und seelischen Verfassung es mit welcher Vorgeschichte in welchem sozialen Umfeld in eine Beziehung zu einem Pädosexuellen gerät. Soweit es um die damaligen Verhältnisse in der Odenwaldschule geht, muss hinzugefügt werden, dass dort ganz offensichtlich die „revolutionäre“ Lage genutzt und ein parasitäres Klima erzeugt worden ist, um die eigenen sexuellen Präferenzen auszuleben. Daraus kann natürlich nicht geschlossen werden, die Vordenker der sexuellen Befreiung hätten beabsichtigt, Kinder zu missbrauchen und sexuelle Gewalt zu predigen.

6. Erst mit einer Verzögerung von bis zu vier Jahrzehnten haben die ­sexuelle und die neosexuelle Revolution einzelne katholische Geistliche ­erreicht, die nun nicht mehr über den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in ihrer Institution schweigen wollen. Auch Opfer aus verschiedenen geschlossenen Anstalten äußerten sich erst jetzt. Offenbar war erst jetzt die Zeit reif für das Brechen der Schweigekartelle. Mittlerweile ­haben die traumatisierten Opfer die Kraft gefunden und ein Lebensalter ­erreicht, in dem sie es wagen, sich der Öffentlichkeit und ihrer eigenen Beschä­digung zu stellen. Kulturell vorausgegangen ist im Zug der neo­sexuellen Revolution ein Gewaltdiskurs im Sinne der französischen Diskurstheorie, das heißt nicht nur eine öffentliche Diskussion oder ein wissenschaftlicher Disput, sondern eine kulturelle Installation, der eine eigene Materialität zukommt. Vor allem angestoßen vom politischen Feminismus ist im Verlauf der 1980er Jahre in unserer Kultur die aggressive und tren­nende Seite der Sexualität stärker betont worden als die zärtliche und vereinigende; mit vertrauten Worten: die alte Sphäre der Libido wurde zunehmend von der alten Sphäre der Destrudo dissoziiert. Die Schatten, die die Angst-, Ekel-, Scham- und Schuldgefühle warfen, wurden so dunkel und breit, dass viele Frauen und folglich auch Männer keinen Lichtstrahl mehr sahen. Gefühle der Erregung und der Lust drohten in einem diskursiven ­Affektsturm aus Hass und Bitterkeit unterzugehen. Der ehemals verein­zelte und kranke Triebtäter wurde zum allgegenwärtigen und normalen ­Geschlechtstäter, zum Missbraucher und Vergewaltiger vervielfältigt. Männer schienen nur noch geil, gewalttätig und impotent zu sein. Heute hat das Sexuelle in unserer Kultur deutlich an symbolischer Bedeutung verloren. Es ist gewissermaßen normalisiert worden und nicht mehr die große Metapher der Revolution, des Rausches und des Glücks. Wir wissen heute ja ­sogar, dass es Liebesbeziehungen ohne Sexualität geben kann, die sehr viel befriedigender sind als vor Sex strotzende Beziehungen.

7. Viele vordem als pervers angesehene Praktiken wurden in den letzten Jahrzehnten durch die neosexuelle Revolution in ein mildes öffentliches Licht gerückt – nicht aber die Pädophilie. Sie ist eines der letzten sexuellen Tabus, weil die kindliche Sexualität bei uns tabu ist. Der letzte Grund, warum wir Pädophilie als bedrohlich wahrnehmen, sind unsere Vorstellungen von Kindheit als dem letzten Refugium von Vertrauen, Sicherheit und unschuldiger Liebe. Historisch ist die Emotionalisierung des Familienlebens seit dem 19. Jahrhundert zu bedenken, die die Familienmitglieder auf ­sexuelle Distanz brachte und das Inzesttabu zementierte. Noch zur Zeit der deutschen Klassik jedoch hat sich niemand darüber aufgeregt, wenn zum Beispiel ein Gelehrter, den wir immer noch verehren, mit einem aus heutiger Sicht minderjährigen Mädchen sexuell verkehrte oder es heiratete. Heute ist das Tabu gegenüber der kindlichen Sexualität trotz aller Liberalisierungen oder vielleicht gerade wegen dieser Liberalisierungen stärker als vor zweihundert Jahren. Daher das bisherige, beinahe allgemeine Wegschauen und Verschweigen. Solange die Existenz einer kindlichen Sexualität nicht anerkannt ist, so lange kann über sie nicht vernünftig gesprochen werden. Immer noch streiten sich selbst Fachleute, ob es so etwas wie kindliche Sexualität überhaupt gibt. Tatsächlich aber zeigen schon kleine Kinder sexuelle Reaktionen bis hin zum Orgasmus, bei Jungen vor allem Erektionen, bei Mädchen Vaginallubrikationen, selbst wenn diese Reaktionen nicht durch Fantasien wie bei Erwachsenen hervorgerufen worden sind, sondern sich reflektorisch ereignen. Ob nun so oder so bedingt, die Erwachsenen, die das beobachten, werden mehr oder weniger informiert und gelassen damit umgehen. Der Autor hat noch als junger Sexualforscher und Arzt ­erlebt, dass ihm Kinder vorgestellt worden sind, bei denen Ärzte wegen der von den Eltern beobachteten Orgasmen des Kindes die Diagnose Epilepsie gestellt hatten. Damit ist die ganze Vielfalt des Umganges mit der kindlichen Sexualität angesprochen. Sie reicht von der Pathologisierung und Vernichtung bis hin zur unaufdringlichen, aber liebevollen Akzeptanz.

8. Vor lauter Missbrauch und Traumatisierung wird vergessen: Die Sinnlichkeit, die sich zwischen einem Kind und einem Erwachsenen spontan entfaltet, ist etwas Wunderschönes. Nichts vermag intensiver an die Paradiese der Kindheit zu erinnern. Nichts ist reiner und harmloser als diese Erotik des Leibes und des Herzens. Im Grunde ist nichts humaner. Alle Erwachsenen, die sinnlich lieben, versuchen unwillkürlich, wieder zu Kindern zu werden. Sie ahnen, dass sie sich nur dann erotisch begegnen können, wenn sie die Kalkulationen der Erwachsenenwelt hinter sich lassen. Die kindliche Erotik ist aber nicht nur voller Wonnen, sie ist auch notwendig. Sie ist eine Bedingung der Möglichkeit der Menschwerdung. Als wesent­liche Quelle der Individuation tariert sie Nähe und Distanz aus und jene ­Gefühle, ohne die Liebe unmöglich ist: Wohllust und Wollust, Vertrauen in sich selbst und in andere. Wer nie im Paradies der kindlichen Erotik gelebt hat, wird sich nur sehr mühsam in einen anderen Menschen einfühlen und sich selbst der Drangliebe ohne Angst überlassen können. Ein solches Menschenkind wird oft grau, starr und stumpf. Ihm fehlt der Glanz im Auge und in der Seele. Wird die kindliche Erotik vorzeitig sexualisiert, wächst die Gefahr, dass Sinnlichkeit im Erwachsenenalter plötzlich in Destruktivität umschlägt, weil dieser Mensch nie gelernt hat, mit den Erregungen, Ver­sagungen und Aggressionen umzugehen, die Liebe und Sexualität immer begleiten.

9. Gegen Pädophilie im Sinne des Wortes, das heißt dagegen, Kinder zu mögen, ja zu lieben, ist nichts einzuwenden. Problematisch wird es erst dann, wenn das Machtgefälle zwischen dem Kind und dem Erwachsenen vom erwachsenen Pädosexuellen ausgenutzt wird. Dank der sexuellen ­Revolution in den Jahren um 1968 hat bei uns heute die sexuelle Selbst­bestimmung einen hohen Rang. Über diese reflektierte Selbstbestimmung verfügt ein vorpubertäres Kind aber noch nicht. Da ein vorpubertäres Kind noch nicht einmal weiß, was Liebe und Sexualität sind, was sie bedeuten, was sie symbolisieren, wie sie von anderen Menschen gesehen und gelebt werden, kann auch nicht von sexueller Selbstbestimmung die Rede sein. ­Allein aus diesem Grund ist das Verhältnis eines Pädosexuellen zu einem Kind auf Sand gebaut, drastischer gesagt: auf eine (Selbst-)Täuschung des Erwachsenen. Eine behauptete „Einvernehmlichkeit“ zwischen dem Kind und dem Pädosexuellen gründet entweder auf der sozial prekären Lage des Kindes oder auf den Einfühlungs- und Verführungskünsten des Erwachsenen. Ohne derartige ebenso besondere wie verfängliche Umstände ist kein Kind bereit, mit einem Erwachsenen solche ekligen Dinge zu tun. ­Zwischen der kindlichen Sexualität und der eines Erwachsenen klafft ein ­unüberwindbarer Abgrund, der nur durch mehr oder weniger erkennbare Gewaltanwendung und Machtausübung überwunden werden kann – mit den bekannten Folgen. Der Pädosexuelle hat seine sexuelle Entwicklung hinter sich, weiß in der Regel, was er transpubertär, das heißt jenseits der Pubertät, begehrt. Das Kind dagegen ist noch zispubertär, diesseits der Puber­tät, weiß es in der Regel nicht. Es herrscht eine Disparität der Entwicklung und der Fantasien, die der Erwachsene durch große Verführungen und das Kind durch kleine Gefälligkeiten zu überwinden sucht – bis der Tag der Offenbarung und der Missachtung erreicht ist. Im unveröffentlichten Protokoll eines Pädosexuellen heißt das, bezogen auf den ersten Samen­erguss des bis dahin begehrten Jungen: „Erster Schuss. Schluss!“

10. Diesseits dieser Tragik leben pädophile und pädosexuelle Männer sehr different. Viele verhalten sich aus verschiedenen Gründen, darunter moralischen und religiösen, insofern leibhaft abstinent, als sie vielleicht ­Bilder im Internet anschauen, aber nicht ein vorpubertäres Kind sexuell ­berühren. Sehr wenige wenden Gewalt im üblichen Sinn an. Andere bedürften wegen des süchtigen Verlaufs ihres Begehrens einer Behandlung; sie wenden Tricks und Verführungen an, denen so gut wie kein Kind wider­stehen kann. So liest ein beruflich sehr erfolgreicher und in seiner Umwelt außerordentlich angesehener, verheirateter Pädosexueller den Kindern der Nachbarschaft ihre Wünsche von den Augen ab; die Eltern sind froh, die Kinder reißen sich um seine Nähe; alle sind glücklich. Nur der Mann war nicht so gut, wie es die Eltern hofften. Er stürzte die Kinder in eine Abhängigkeit, die insofern inakzeptabel war, als sie sich ihr nicht entziehen konnten. Doch auch das vermochte sein Begehren nicht zu stillen; er betäubte die Kinder, um über sie in diesem Zustand „frei“ verfügen zu können, um sie auch sexuell penetrierend zu „gebrauchen“.

11. Ein Mensch, der pädophile Neigungen hat, kann so wenig dafür, wie der, der erwachsene Frauen begehrt. Außerdem hat, psychoanalytisch gesprochen, sein Begehren die seelische Funktion, einen unbewussten Konflikt einzudämmen oder abzuwehren, der den Zusammenhalt seiner Person bedroht, beispielsweise durch schwere Depressionen. In einer wirklich liberalen, um nicht zu sagen freien Gesellschaft könnte auch der Pädophile ­offen und ohne Sanktionen zu seinem Begehren stehen; es auszuleben, könnte aber selbst dann nicht toleriert werden. Erkannt würde jedoch das große Unglück dieser Menschen, die ein Leben lang trotz greifbarer Nähe auf das Ersehnteste verzichten müssen. Heute ist ja das kulturell Skandalöse an der Pädophilie, dass der Pädophile Kindern jene Zuwendung und Liebe geben will, die generell versprochen, aber kaum vermocht wird. Pädophile pflegen nicht auf ihren Fetisch Auto „Ein Herz für Kinder“ zu kleben, nachdem sie es ihnen auf ganz normale Weise herausgerissen haben. Ihren ­Fetisch, das Kind, nehmen sie so ernst, wie es kein Fernsehapparat fertigbringt. Das erfreut ein Kind. Und das sollte uns zu denken geben.

12. Da fixierte Vorlieben oder entfaltete Perversionen die Person zusammenhalten, geht es für die Betroffenen bei Therapien ums Überleben und nicht um die Auflösung eines begrenzten Konfliktes aus der Kindheit, den man erinnern kann. Alle Therapeuten stehen also vor einer gewaltigen Aufgabe. Ihre Erfahrungen sind sehr unterschiedlich. Die einen berichten, dass sie nach Strich und Faden belogen worden seien, wie gleichzeitig statt­findende polizeiliche Durchsuchungen bei den Patienten ergeben hätten. Andere sagen, dass die Patienten keinerlei Einsicht in ihr inakzeptables Verhalten gezeigt hätten. Wieder andere teilen mit, dass ihre Patienten in schwerste Depressionen mit einer Tendenz zum Zusammenbruch der ­gesamten Person gefallen seien. Dass Pädophile durch eine Therapie darauf verzichten, ihre sexuellen Wünsche zu realisieren, gehört eher zu den Glücksfällen. Ein solcher kann eintreten, wenn der Patient über eine hohe Moralität verfügt, sozial gehalten ist und sein sexuelles Verlangen keinen suchtartigen Verlauf genommen hat. Den Ausschlag geben also die Persönlichkeit und die sonstigen Lebensumstände des Pädosexuellen. Die, die verzichten, leben auf eine Weise, die tragisch genannt werden muss. Denn sie verzichten auf das, was ihnen im Leben am liebsten ist. Pädophilie heißt ja, dieser Mensch fühlt sich nur wohl, fühlt sich nur geborgen, wenn seine mehr oder weniger unbewusste Sehnsucht nach der eigenen als verloren erlebten Kindheit durch das kindliche Leben mit Kindern erfüllt wird. ­Betont sei aber, wie vielfältig das Leben pädosexueller und pädophiler Männer ist. Es reicht von der bewundernswerten sexuellen Abstinenz über die ungenitale Liebe und Fürsorge, die einem Kind gut tut, bis hin zur Fetischisierung des kindlichen Körpers ohne weitere Ansprüche an die kindliche Person und, wenngleich sehr selten, bis hin zur Vergewaltigung eines wehrlosen Kindes.

13. In hoffentlich naher Zukunft werden wir von anderen Gruppen ­hören, die bisher in Unfreiheit leben müssen. Zu denken ist beispielsweise an die vielen homosexuellen katholischen Kleriker, die es jetzt offenbar nicht mehr ertragen können und wollen, in ihrer Kirche als ein erpressbarer und erpresster „unnatürlicher Dreck“ behandelt zu werden. Auffällig ist auch, wie selten von Frauen als Täterinnen gesprochen wird. Das hat nach wie vor chronisch historische und akut kulturelle Gründe. Die Sexualität der Frau war lange ein ebenso dunkler Kontinent wie es heute noch die kindliche Sexualität ist. Erst seit etwa zwei Generationen wird die weibliche Sexualität bei uns nicht mehr am Modell Mann gemessen, werden „anständige“ Frauen nicht mehr grundsätzlich als „frigide“ angesehen. Dieser Wandel muss erst zur kulturellen Gewissheit geworden sein, bevor der weib­lichen Sexualität ihre Stärken zugerechnet und ihre Entgleisungen vorgerechnet werden können. Der Sexualforschung sind schon etliche ­Stärken seit Jahrzehnten bekannt, beispielsweise die größere orgastische ­Potenz von Frauen im Verhältnis zu Männern. Bei den Schwächen und Patho­logisierungen ist das weniger der Fall. Immerhin gibt es seit den 1980er Jahren eine Forschung, die zum Beispiel „perverse Mütterlichkeit“ untersucht, das heißt Frauen, die ihr eigenes Kind als Partialobjekt manipulieren oder gewalttätig bis hin zum Inzest traktieren, wobei heute theo­retisch vorausgesetzt wird, dass die reproduktive Sphäre in der psycho­sexuellen Entwicklung des Mädchens eine sehr viel größere Rolle spielt als in der des Jungen, dass sich folglich das Körperselbst und die mit der reproduktiv-sexuellen Sphäre verbundene Psychopathologie der Frau von der des Mannes wesentlich unterscheidet, indem sich das perverse Verhalten der Frau nicht wie beim Manne überwiegend auf ein äußeres Teilobjekt richtet, sondern meist gegen diese selbst, wobei entweder ein Körperteil, vor allem die Gebärmutter, oder der ganze Körper als Geschlechtsorgan oder das eigene Kind als inneres Teilobjekt betroffen sein kann. Wir überblicken momentan Ereignisse der letzten 50 Jahre, und in dieser Zeit wurde das Sexuelle ganz überwiegend über das Modell Mann definiert. Auch die sexuelle Revolution wurde von Männern dominiert. Insofern rechnen wir momentan im Zug der neosexuellen Revolution mit der Männersexualität ab. In naher Zukunft aber wird auch öffentlich über die Dunkelzonen weiblicher Sexualität gesprochen werden müssen, soll sie als eigene Sexualform allgemein anerkannt werden.

14. Wird danach gefragt, warum es bei uns so viel sexuelle Gewalt gibt, müssen wir uns eingestehen, dass unsere Kultur keine Ars erotica entfaltet hat. Bei uns gibt nicht Eros den Ton an, sondern sein Gegenspieler Anteros. Dessen Manifestationen begegnen uns auf Schritt und Tritt, ob es nun um die halbnackt präsentierten Mädchen bei Heidi Klum geht oder um die Lockrufe abgetakelter „Damen“ im nächtlichen Fernsehen oder um den anachronistischen Dienst am sexuellen Elend, den die hart gespritzten Boys durch Money shot und Deep throat in der Pornografie zu leisten suchen. Hinzu kommt, dass Kinder bei uns weitgehend schutz- und rechtlos sind. Grundsätzlich können Erziehungsberechtigte mit Kindern machen, was sie wollen. Sie können sie ungestraft seelisch und sozial vernachlässigen, quälen und demütigen. Viele Kinder leben familiär nicht in Paradiesen, sondern in Höllen. Selbst sexuelle Übergriffe und Misshandlungen bleiben in der Regel unentdeckt und ungeahndet. Es ist ein Armutszeugnis ersten Ranges, dass weggelaufene oder geistig zurückgebliebene Kinder von Amts wegen pädosexuellen Männern anvertraut wurden – weil sich niemand fand, sie ins Leben zu begleiten. Und es ist eine gesellschaftliche Gleichschaltung, wenn sich auch die Pädosexualität nach marktwirtschaftlicher Logik plu­ralisiert. So entstand bereits aus dem einsamen skrupulösen Pädophilen der globale Sextourist, dem von Staaten wie bitterarmen Eltern mehr oder ­weniger direkt gestattet wird, Kinder sexuell zu gebrauchen.

15. Die Missbrauchsfälle in geschlossenen Anstalten, die jetzt aufgedeckt worden sind, stellen nur einen Bruchteil dessen dar, was jahrein, jahraus in unserer Kultur an sexuellen Übergriffen geschieht. Nach allen Daten, die vorliegen, erfolgen die meisten sexuellen Übergriffe nicht durch fremde Monster, sondern durch Verwandte, Freunde und Bekannte. Auch kann nicht mehr ernsthaft bezweifelt werden, dass unsere Sexualität in einem ­erschreckenden Ausmaß nicht nur unbewusst mit Destruktivität legiert ist, sondern dass sich diese Destruktivität in vielen „normalen“ Familien als ­offene Gewalt manifestiert. Außerdem haben Sexualforscher nachgewiesen, dass ein sehr hoher Prozentsatz unauffälliger heterosexueller Männer mit einer messbaren sexuellen Erregung auf Bilder vorpubertärer nackter Mädchen reagiert, zum Beispiel mit einer Zunahme des Penisvolumens, die gar nicht bewusst zu werden braucht. Das Inzesttabu samt seiner Verstrickungen in der familiären Entwicklung muss nicht einmal bemüht werden, wenn erkannt werden soll, dass keine andere sexuelle Aktion so sehr ins Schwarze verdrängter und zensierter, aber jeder Zeit herauslockbarer sexuel­ler Sehnsüchte trifft wie der Umgang mit einem Kind, der die Grenze zwischen Erotik und Sexualität berührt. Deshalb die anhaltende Krimina­lisierung der Pädophilie und die anhaltende Tabuisierung der kindlichen Sexualität, die bei uns nach wie vor ein dunkler Kontinent ist. Kommt die Tabuisierung kindlicher Erotik hinzu, entsteht das, was wir alle verhindern wollen: sexuelle Gewalt.

1 Dieser Text ist hervorgegangen aus drei öffentlichen Stellungnahmen des Verfassers: 1. aus zehn Thesen zur Missbrauchsdebatte, veröffentlicht unter dem redaktionellen Titel „Das Kind begehrt, aber nicht den Erwachsenen“ in: Der Freitag, Nr. 14 vom 8. April 2010, S. 13 (http://www.freitag.de/kultur/1014-sigusch-thesen-zur-missbrauchsdebatte?searchterm=sigusch); 2. aus einem Gespräch mit Ulrike Baureithel, veröffentlicht unter dem redaktionellen Titel „Die alten Verbote produzieren die alte Gewalt. Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch über Pädophilie, Katholizismus und Reformpädagogik“ in: Der Tagesspiegel (Berlin), Nr. 20 592 vom 19. April 2010, S. 21 (http://www.tagesspiegel.de/kultur/alte-verbote-produzieren-alte-gewalt/1804062.html); 3. aus einem Gespräch mit _Meike Fries, veröffentlicht unter dem redaktionellen Titel „Helft endlich den Opfern. Der Frankfurter Sexualforscher Volkmar Sigusch über eine Verfassungsänderung zugunsten der Kinder, die Motive von Pädophilen und das Tabu frühkindlicher Sexualität“ in: DIE ZEIT, Nr. 20 vom 12. Mai 2010, S. 43 sowie zeitgleich als erweiterte Fassung unter dem redaktionellen Titel „Kindesmissbrauch – Es muss endlich um die Opfer gehen“ unter ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/2010/20/Interview-Sigusch).