physioscience 2011; 184(4): 141-142
DOI: 10.1055/s-0031-1281843
Gasteditorial

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Direct Access/Self-Referral – Ist wirklich schon alles diskutiert?

A. Schämann1
  • 1Institut für Physiotherapie, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur (ZHAW), CH-Zürich
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Publication Date:
12 December 2011 (online)

Direct Access oder Self-referral ist unter anderem im deutschsprachigen Raum seit einiger Zeit ein großes Thema – und dies zu Recht. Viele Kongresse, Symposien und Veranstaltungen haben diesbezüglich stattgefunden. Im Jahr 2009 habe ich selbst am International Summit on Direct Access in Washington teilgenommen und gelernt, dass unterschiedliche Länder „Verschiedenes“ unter Direct Access verstehen, umsetzen und leben. Die Gründe dafür sind unterschiedliche (bildungs- und gesundheitspolitische) Systeme sowie kulturelle Unterschiede. Um auf das „Heading“ zurückzukommen, also die Frage, ob wirklich alles diskutiert ist.

Wir (das Forschungsteam der HES-SO und der ZHAW in der Schweiz) glauben: Nein, es ist noch nicht alles diskutiert, was dieses Thema anbelangt; es hat Desiderate in der Diskussion. Warum? Im Raum stehen Fragen nach den Interessensgruppen, die für oder gegen diese Idee argumentieren, nach der (zu fordernden) Qualifikation der Berufsangehörigen und dem Gerechtwerden der zukünftigen Anforderungen, um den Direktzugang ausüben bzw. umsetzen zu können. Last but not least und zentral: Wie werden die Interessen der Patienten und die Patientensicherheit gewahrt sowie die Gewährleistung der Grundversorgung garantiert?

Im Detail: Wer außer uns Physiotherapeuten ist in Zeiten von Managed care bzw. integrierter Versorgung überhaupt am Direktzugang für uns interessiert? Handelt es sich hier um die Erfüllung eines berufspolitischen Traums im Hinblick auf Autonomie, ist es reiner professionsorientierter Selbstzweck, oder sind wir per Qualifikation legitimiert, und wenn ja, durch welche, oder sollte sie definiert und transparent gemacht werden?

Befragt man Politiker, Versicherungen und auch einige Vertreter der Ärzteschaft zur Einführung des Direktzugangs, kommt ein dezidiertes Nein aus Angst einerseits vor einer möglichen Ausweitung der Menge an erbrachten physiotherapeutischen Leistungen und damit zu einer befürchteten Verteuerung des Gesundheitssystems sowie andererseits eines Verlustes der Einflussnahme durch die Ärzteschaft.

Können Patienten oder Klienten etwas mit dem Thema anfangen? Was wäre ihre Einstellung dazu? Sähen sie einen Vorteil im Direktzugang, und wenn ja welchen?

Viele andere Länder haben bereits bewiesen, dass die vorgenannten Befürchtungen nicht eingetroffen sind und zudem nicht nur die Patientenzufriedenheit, sondern auch ihre Compliance und das interprofessionelle Agieren der verschiedenen Health professionals (insbesondere mit den Ärzten) stark zugenommen hat.

Beim Argumentieren mit den Erfahrungen anderer Länder, um im eigenen Land den Direct Access voranzutreiben, stößt man mit diesen Fakten oftmals auf taube Ohren, auch mit den Tatsachen, dass sich das Gesundheitssystem mannigfaltig verändern wird. (Der drohende bzw. schon vorhandene Hausärztemangel macht definitiv eine Neuorientierung und -ausrichtung im Gesundheitswesen nötig, andere Health professionals werden ihre Aufgaben zu einem Teil mit übernehmen müssen). Das wiederum bedeutet, die Überzeugungsarbeit muss immer in dem Land geleistet werden, welches das System des Direktzugangs einführen möchte. Harte Tatsachen müssen geschaffen werden, und zwar zumeist in Form von Pilotprojekten.

In Deutschland haben sich Physiotherapeuten des Themas angenommen; es gab diverse Veröffentlichungen ebenso wie Diskussionen und in der Folge entsprechende Projekte. Auch in der Schweiz ist das Thema hochaktuell, die Ergebnisse finden Sie auf den folgenden Seiten und weiteren anschließenden Artikeln. Beide Länder verwendeten „mehr oder weniger“ den gleichen Fragebogen von Jette et. al [1] für eine Grunderhebung. In der Schweiz wurde der Fragebogen vor dem Einsatz jedoch einer kulturellen und sprachlichen (3 Sprachregionen) Validierung unterzogen und ergänzende Fragen in das Forschungsprojekt integriert.

Sind die Länder per se miteinander vergleichbar? Nein, sicherlich nicht; zu unterschiedlich sind die kulturellen, insbesondere aber bildungs- (grundständige, schweizweite Ausbildung auf Hochschulniveau seit 2006) sowie gesundheitspolitischen Systeme der ansonsten so ähnlich anmutenden Länder. Nichtsdestotrotz ist das Interesse der Berufsgruppe das gleiche. Spannende Ländervergleiche in Bezug auf die Ergebnisse der Studien werden sich in einem 3. Schritt lohnen; und wie immer kann man viel voneinander lernen.

Wir möchten uns an dieser Stelle bei physioswiss (Schweizer Physiotherapie Verband) bedanken, der diesen nationalen Forschungsauftrag an die Hochschulen der HES-SO (französischsprachige Schweiz) sowie die ZHAW (deutschsprachige Schweiz) vergeben hat.

Im Namen des gesamten Projektteams

Prof. Dr. phil. Astrid Schämann

Literatur

  • 1 Jette D U, Ardleigh K, Chandler K et al. Decision-Making Ability of Physical Therapists: Physical Therapy Intervention or Medical Referral.  Physical Therapy. 2006;  86 1619-1629

Prof. Dr. phil. Astrid Schämann

Projektleiterin, Leiterin Institut für Physiotherapie, ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Technikumstr. 71

8401 Winterthur

Schweiz

Email: [email protected]