Z Sex-Forsch 2012; 25(2): 185-197
DOI: 10.1055/s-0031-1284053
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Publication Date:
22 June 2012 (online)

Heinz-Jürgen Voß. Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive. Bielefeld: transcript Verlag 2010. 463 Seiten, EUR 34,80[1]

Heinz-Jürgen Voß. Geschlecht. Wider die Natürlichkeit. Stuttgart: Schmetterling Verlag 2011. 175 Seiten, EUR 10,00 [2]

Die beiden Bücher attackieren die verbreitete Grundüberzeugung, dass Menschen von Natur aus ein Geschlecht „haben“ und dass dieses Merkmal nach weiblich / männlich strikt zweigeteilt sei. Auch in der Sexualwissenschaft – sei sie grundlagenorientiert oder klinisch – wird weithin so gedacht, geschrieben und behandelt. Voß trägt seine Attacke nicht – wie sonst so viele – als bloßes Postulat vor, sondern entwickelt sie denkgeschichtlich, und zwar derart materialreich, dass der Kritik irgendwann die Puste ausgehen muss. Allerdings, diese Werke zu rezensieren überschreitet klar jede einzelwissenschaftliche Kompetenz: Sie erscheinen vor dem biomedizinischen Blick als zu mentalistisch, vor dem soziologischen Blick als zu detailliert in der Medizinhistorie, weswegen man manches einfach hinnehmen muss. Doch gerade dieses cross-over begründet Reiz und Aussagekraft der Studien, die einen neuen Ton in die etwas festgefahrene Gender-Philosophie bringen. Wir haben es mit Wissenschaftsgeschichte zu tun, einer von Michel Foucault prominent gemachten Disziplin, die zwar ihren Zenit bereits überschritten haben dürfte (die Zahl der dafür eingerichteten Professuren geht schon wieder zurück), deren Beitrag aber unaufhebbar bleibt: Jede theoretische Erkenntnis wandelt sich unaufhörlich und folgt dabei gesellschaftlich verankerten Gesetzmäßigkeiten.

Die Geschwindigkeit des Wandels fiel immer schon zuerst in den Natur- und Technikwissenschaften auf („Halbwertzeit des Wissens“). Sie unter dem Etikett Fortschritt abzuheften, bedeutete nicht nur eine billige Beruhigung, sondern vergab auch Erkenntnischancen. Wie wurde ein Phänomen früher gesehen und warum wird es heute anders konzipiert? Festigkeit, Naturgegebenheit und Zweiwertigkeit der Kategorie Geschlecht sind historisch neueren Datums, wie sich herumgesprochen hat. Der Blick auf „Natur“ verspricht nun Sicherheit und feste Erkenntnis – statt Kontingenz und Multioptionalität der modernen Lebenswelt aushalten zu müssen. Zumal im Sexuellen sollen Somatik, Naturgesetzlichkeit und Normalität eine verlässliche Existenz beschaffen. Dass daraus nichts wird, dafür sorgen kompromisslos Voß‘ Berichte und Gedankengänge.

Die Bremer „phil. Diss.“ eines von der Biologie herkommenden Autors (so etwas klappt auch heute nur an wenigen Universitäten) zeigt uns in überwältigender Materialfülle, wie das abendländische Denken zum Geschlechterbinarismus verlaufen ist. In einer sehr umfangreichen Recherche wird die Forschungsliteratur ausgewertet (bei den historischen Partien sekundäranalytisch). Seitdem man von einer Biologie als Wissenschaft sprechen kann, werden die einschlägigen Texte präsentiert (Primäranalyse). Einige Annahmen, die durchaus als Hypothesen im geläufigen wissenschaftstheoretischen Sinne gelten können, lauten: Die biologischen Aussagen zur Geschlechtlichkeit seien nie eindeutig und ausschließlich auf die Zweierstruktur ausgerichtet gewesen; die allgemein akzeptierte Behauptung von Thomas Laqueur zum Umbruch des Geschlechtsdenkens um 1800 stimme nicht und müsse modifiziert werden; Vorstellungen über mehr als zwei Geschlechter laufen seit dem Altertum im Denkrepertoire mit. Die Biologie muss sich vorhalten lassen, ihre Erkenntnisse seien durch Vorannahmen zum Frauen- und Männerbild programmiert.

Das Buch von 2010 ist nicht nur der umfangreichere der beiden Titel, sondern enthält auch die basalen Informationen. Zu Beginn wird eine Art von thematischem Grundwiderspruch skizziert: Das „Ein-Geschlechter-Modell“ steht gegen das „Zwei-Geschlechter-Modell“. Diese Gegenüberstellung sei sachlich unzutreffend, was an den Dimensionen Physiologie / Anatomie sowie Gleichheit / Differenz dargelegt wird (S.18–22). Für seinen theoretischen Rahmen benennt Voß die Ansätze des Konstruktivismus, der Dekonstruktion, der Diskursanalyse und die Feministische Wissenschaftskritik.

In Kapitel I widmet sich die Dissertation dem Geschlechterverständnis der griechisch-römischen Antike und findet hier Ideen zur Ein- und Zweigeschlechtlichkeit vor. Voß schildert das antike Frauenbild, Stigmatisierungen des „weibischen Mannes“ und die geschlechtliche Uneindeutigkeit im Hermaphroditismus. Beschrieben wird das Fortwirken antiker Naturphilosophie und Medizin in arabischer Kultur, lateinischem Mittelalter und Neuzeit. All dies zeigt ein komplexes Wechselspiel zwischen Gesellschaft und Naturphilosophie in den historischen (auch antiken) Kulturen (S. 87).

Das (ausführlichste) Kapitel II schildert, wie die Kategorie Geschlecht in der Moderne konstituiert wird. Zunächst geht es hier um die Ideen zur Gleichheit, die darauf aufbauen, dass die Unterschiede gesellschaftlich – durch Erziehung, Bildung – hergestellt sind. Im Einzelnen werden Texte von J.-J. Rousseau zur Differenz der Geschlechter herangezogen, werden Belege zum Streit in den Deutschen Staaten über die gesellschaftliche Stellung der Frau geliefert und die eine Geschlechtergleichheit favorisierenden Schriften der Querelle des sexes analysiert. All diese Diskurse erweisen sich als gesellschaftlich eingebunden.

Es folgt das Thema Geschlecht in den modernen biologisch-medizinischen Wissenschaften seit der Aufklärung. Erläutert werden die hier vorhandenen Zeugungstheorien als Ausgangspunkt für Beschreibungen von Geschlechterdifferenz. Besonders aufmerksam werden die Betrachtungen von J. F. Ackermann untersucht, weil hier physiologisch fundierte Beschreibungen von idealtypischen „vollkommen weiblichen Menschen“ zu finden sind. Hingegen konstruierte P. Roussel die Frau mit Argumenten aus der Anatomie und aus der Temperamentenlehre. Im 19. Jh. werden die Debatten um Geschlechterdifferenz und -gleichheit fortgeführt. Die Frau gilt als evolutionär vorgängig, der Mann als eine Höherentwicklung; d. h. die Geschlechterdifferenz wird zum Resultat von Entwicklungsvorgängen, die weitreichende physische, physiologische und psychische Auswirkungen zeitigen. Das Gehirn taucht als Theorieschauplatz für Debatten um Geschlechterdifferenz und -gleichheit auf.

Der Hermaphroditismus besetzt einen ambivalenten Platz in Biologie und Medizin, wodurch die Prämisse einer eindeutigen Geschlechtlichkeit verunsichert wird. Biologie und Medizin wollen das zutreffende Geschlecht eines Menschen erkennen können. Abweichende Resultate der Geschlechtsdiagnose ziehen „Heilung“ und Behandlung nach sich. Für die Gegenwart konstatiert Voß Vorstellungen zum „wahren Geschlecht“ im Diskurs zu den Intersexuellen, einen Stand zwischen Destabilisierung und Stabilisierung von Zweigeschlechtlichkeit. Zugleich drängten „Postulate binärer geschlechtsspezifischer Konstituierung des Gehirns“ nach vorn (S. 232).

Die Bezugnahme auf das entwicklungsgeschichtliche Denken (im Kapitel II) wird für die Ableitungen in Kapitel III relevant; hier deutet sich ein auch praktisch möglicher Ausweg aus den biologisch-binären Geschlechtertheorien an. Evolutionsbezogene Theorien wurden nämlich auch im Zusammenhang mit sich ändernden gesellschaftlichen Verhältnissen, die nun nicht mehr als göttlich vorgegeben gelten konnten, gewonnen. Diese Theorien markieren eine Art von Quersumme aus Philosophie, gesellschaftlicher Entwicklung und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen um 1800. Heute können mit einem solchen Ansatz die Prozesse von Entwicklung und Differenzierung betrachtet werden, statt bei Determinanten (wie DNA, Gene) zu verbleiben.

Kapitel III, für den Nichtnaturwissenschaftler streckenweise hermetisch, diskutiert die biologischen Vorgehensweisen zur Erklärung der Geschlechtsentwicklung. Die Theorien entwickeln sich weg von einer vorrangigen Determination durch DNA oder Gene, hin zu neuen Modellen komplex interagierender und kommunizierender molekularer Komponenten. Im Einzelnen untersucht Voß die Wissensbestände zur Differenzierung des Genitaltraktes in der Embryonalentwicklung. Weder einzelne Gene noch das vielgenannte Y-Chromosom determinieren eindeutig das sich ausprägende Geschlecht; das reduktionistische Modell einer Y-chromosomal aktivierten männlichen Entwicklung gegenüber einer automatisch ablaufenden weiblichen Entwicklung ist durch das hochkomplexe Modell vielfältiger Genregulationsprozesse zu ersetzen. Vielfältige zelluläre Prozesse (und umgebende Einflüsse) bestimmen, welche DNA-Sequenzen zu Informationen werden bzw. welche Informationen aus solchen DNA-Sequenzen gezogen werden (S. 296–305). Am Beispiel einer Gen-Expressionsanalyse wird vorgeführt, wie im scheinbar neutralen experimentellen Vorgehen der Biomedizin die Vorannahmen der Forschenden zu einer stets gegebenen Geschlechterdichotomie das methodische Vorgehen bestimmen, sodass die passenden Ergebnisse und Interpretationen resultieren (S. 288–296). Geschlechtsdetermination erweist sich in dieser Sicht als ein Resultat von Prozessen, Interaktionen, Kommunikationen von zahlreichen molekularen Komponenten in der Zelle, im Organismus und mit der Umwelt.

Der Buchtitel Making Sex spielt auf Thomas Laqueur an, der mit seinem vielgelesenen Werk „Auf den Leib geschrieben“ (1990, dt. 1992) behauptet hatte, das Zweigeschlechtermodell habe sich erst im 19. Jh. etabliert. Mit Claudia Honegger, Londa Schiebinger u. a. zog diese These in die Geschlechterforschung ein. Voß indessen hält sie für ergänzungs- und korrekturbedürftig (S. 120). Nun haben die früheren Autoren überhaupt erst die heutigen Fragen möglich gemacht (vgl. a. Voß S. 16), will sagen: Laqueur, Honegger und Cons. sind selber, wenn man so will, Konstruktionisten. Dass die Bezeichnungen Zwei- bzw. Ein-Geschlechter-Modell den Sachverhalt verkürzen, würden sie sicherlich sofort zugeben. Und ob der Ideenwandel nun Bruch oder Kontinuität ist, dürfte doch bloß ein sekundäres Problem sein. Die eigentliche These – dass sich um 1800 etwas verändert hat – ist damit noch nicht infrage gestellt.

Voß‘ Studien enthalten einen beträchtlichen Mehrwert an Erkenntnis. Man wird zukünftig nicht von der kulturellen Selbstverständlichkeit ausgehen können, die Aufteilung in zwei Geschlechter (zuzüglich einiger quantitativ seltener Besonderheiten wie Transgender und Intersexe) sei ein eindeutiges Resultat der Biologie. Vielmehr wird man anerkennen müssen, dass auch die Biologie – ebenso wie seit einiger Zeit die kulturologische Genderforschung – immer schon mehrere Denkmodelle gepflegt hat. Weiterführend ist auch der erfolgreiche Versuch Voß‘, die Illusion von einer rein tatsachenbezogenen und objektivistischen Naturwissenschaft auszuhebeln. Weist er doch an vielen Stellen nach, dass hier eine intuitive Wahrheit zur Geschlechtsbinarität bereits vorausgesetzt wird – indem „‚männliches‘ Geschlecht in der überwiegenden Anzahl der gesellschaftlichen und naturphilosophisch bzw. biologisch-medizinischen Beschreibungen gegenüber ‚weiblichem‘ Geschlecht erhöht wurde“ (S. 314). In den Studien blieben die impliziten Annahmen unangetastet oder erschienen am Ende als bestätigt. Diese Fälle eines circulus vitiosus aufgezeigt zu haben, zählt zu den stärksten Resultaten der Studie. Sie wurden nur in der Kombination einer soziokulturellen und naturbezogenen Betrachtungsweise möglich: Der soziologische Nachweis, dass die Geschlechterdifferenz kulturell produziert und daher auch änderbar ist (zuerst bei Erving Goffman 1977) ermöglichte überhaupt erst diese Analysen der Geschlechterbiologie und förderte die Kontingenz der Binarität zutage.

Inzwischen arbeiten auch weitere Studien an einer kultur- und sozialwissenschaftliche Analyse, worin die bisherigen Gewissheiten zur sozialen Strukturierung der Zweigeschlechtlichkeit angefochten werden. So postuliert Christoph Kucklick eine „Negative Andrologie“‘ (2008), die das Verständnis der Männerdominanz überschreibt. Hierzu enthierarchisiert Kucklick das Verhältnis der Geschlechter, doch verbleibt er, nach einigen kritischen Bemerkungen gegen den Binarismus, innerhalb dessen Bezugsrahmen.

Die Denkbereiche werden zukünftig, wie von Voß begonnen, mehr aufeinander hören und aneinander anschließen. Auch Volkmar Sigusch sah gerade erst in dieser Zeitschrift eine „geöffnete Grenze zwischen Natur- und Gesellschaftsprozess“ (2011: 284). Was ursprünglich als Feminismus, Frauenpolitik, Frauenforschung usw. für ein Geschlecht (unter angenommenen zweien davon, le deuxième sexe) begonnen worden war, wandelte sich seit den 1970ern zur Erforschung einer Relation. Als Riesenfortschritt galt damals die Differenzierung von sex und gender, von biophysiologischer vs. soziokultureller Ausprägung der Strukturvariable; hierbei wurde an der Zweigliedrigkeit dieser Relation festgehalten. Die alten Debatten Natur vs. Kultur (vom Ende des 19. Jh.), nature vs. nurture usw. schrieben sich endlos fort, als wäre das Schisma denknotwendig und unüberbrückbar. Ganz wenige Köpfe, meist us-amerikanischer Provenienz, versuchten sich an einer Versöhnung, ohne dass eine bio-soziale Gesamtschau des Merkmals Geschlechtlichkeit gelungen wäre. Da die Disziplinen Natur- und Geistes- / Sozialwissenschaften weiterhin getrennt blieben, besteht bis heute ein Patt. Die gender studies können hier eine gesamtwissenschaftliche Aufgabe erfüllen.

Die Denkbereiche Natur und Kultur schließen nicht lückenlos aneinander an, noch schließen sie sich wechselseitig aus. Ein „Zwischenreich“ ist entstanden, das zu durchdringen ein abenteuerliches Unternehmen bedeutet. Ein erkenntnistheoretisch gesichertes Instrumentarium, wie bei den Grenzüberschreitungen vorzugehen sei, hat sich noch nicht entwickelt. Im Grunde wartet jede der beiden Seiten bis heute auf die Kapitulation der anderen, die „natürlich“ nicht stattfindet. Auch Eroberungsversuche werden immer noch gestartet. In wissenssoziologischer Perspektive stellen sich etwa solche Fragen: Wie hat sich das Denken im Zwei-Geschlechter-Modell entwickelt? Wer vertritt es? Wie wird es sozial durchgesetzt? Wie wird es im gegenwärtig vorhandenen Geschlechterdiskurs institutionalisiert? Lässt sich zwischen den theoretischen Konzepten Geschlechtlichkeit und Geschlecht sinnvoll unterscheiden? Gibt es eine Geschlechter- und Sexualtheorie jenseits der Vorstellung einer geschlechtlichen Differenzierung? Voß‘ Bücher liefern dazu das ideengeschichtliche Material, kritisch aufbereitet.

Das kleinere Buch von 2011 zielt auf ein größeres Lesepublikum. Es resümiert die Gedanken aus dem Werk von 2010 und bietet eine didaktisch aufbereitete Einführung. Die Überzeugung, dass Geschlecht gemacht und nicht angeboren ist, verankert Voß hier in der allübergreifenden Orientierungsthese, wonach der Mensch ein gesellschaftliches Wesen sei (2011: 50–64). Dazu tritt Karl Marx als der Klassiker auf, der er für die Soziologie auch ist. Wie schwer sich allerdings die meisten „materialistischen“ Theoretiker mit dem konstruktionistisch-wissenssoziologischen Ansatz tun, stehe auf einem anderen Blatt. Und dass es der „Geschichte der Denksysteme“ (so hieß Foucaults Lehrstuhl) freisteht, die Kategorie Geschlecht mal zweiwertig, mal einwertig, mal polymorph zu konzipieren, ja sie vielleicht irgendwann einmal ganz aufzugeben – was indes noch nie geschah –, das möchte die Hoffnung auf Emanzipation desillusionieren.

Ist das Studium biologischer Interpretationen zum Geschlechterverhältnis eine Angelegenheit feministischer Naturwissenschaftsforschung? Nein! Wer sie in diese Abteilung abschiebt, erweist einer wesentlichen Grundkategorie von Identität und Vergesellschaftung einen schlechten Dienst und vermindert die Rezeptionschancen der Erkenntnisse. Auch Voß knüpft immer wieder frauenpolitische Anliegen in seine Argumentation und Wortwahl. Dass die Kategorien Geschlecht und Frau (immer noch) naturalisiert betrachtet werden macht das Thema nicht zu einem feministischen Reservat, sondern es erklärt nur das Interesse weiblicher Köpfe, die damit aber nicht allein gelassen werden dürfen. Der Soziologie muss daran gelegen sein, die Klärung der Variable Geschlecht in ihrer allgemeinen Theorie zu verankern. Es geht hier nicht darum, „den Frauen“ Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern darum, erkenntnishemmende Barrieren und Vorfestlegungen zu überwinden.

Da der Rezensent diese Bücher erst im November 2011 bekam, lässt sich noch vermelden, dass der Titel von 2011 im selben Jahr in zweiter, der Titel von 2010 bereits in dritter Auflage vorliegt und derzeit ins Englische übersetzt wird (viele der von Voß ausgewerteten Schriften stammen aus einer Zeit, als das Deutsche noch internationale Wissenschaftssprache war). Offensichtlich besteht ein großer Bedarf für diese Art der Vermittlung zwischen den auf Natur und Soziokultur bezogenen Einsichten. In vielen studentischen Gruppen zur Genderthematik wird dazu gearbeitet; allein daraus ergeben sich Effekte auf die sich herausbildende Gedankenlandschaft der nächsten Zukunft. Voß‘ ideengeschichtliche Rekonstruktion mag keine Diskursanalyse i. e. S. (Foucault) sein. Aber der tatsächliche Diskurs mag seinen Lauf ändern, unter dem Eindruck beharrlicher Argumentation. Insoweit wird hier ein Stück weit idealistisch gedacht: Der Autor möchte „Diskussionen befördern und weitere Forschungen anregen“ (2010: 17).

Dabei hat Voß ein ambitioniertes Ziel im Auge. Mit mehr als den herkömmlichen zwei Geschlechtern zu denken haben wir uns angewöhnt; sowohl die Ethnologie als auch die Selbstartikulation von Trans* und Intersexen haben uns das gelehrt. Nun aber kommt die weiterführende Idee einer Abolition der sex / gender-Kategorie insgesamt. Die utopische Vorstellung im Hinterkopf des Autors und vieler Queeries läuft darauf hinaus, das Geschlechtskonzept insgesamt abzuschaffen. Wie könnte die Sexualwissenschaft mit einer solchen Umwälzung leben?

Rüdiger Lautmann (Berlin / Bremen)