Dtsch med Wochenschr 2011; 136(46): 2347
DOI: 10.1055/s-0031-1292048
Editorial
Hypertensiologie
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Das Konzept des frühen vaskulären Alterns – eine Geschichte von EVA und ADAM

The concept of early vascular aging – a story from EVA and ADAMT. Mengden1 , H. G. Predel2
  • 1Kerckhoff Rehabilitationsklinik, Herz- und Gefäß-Campus Bad Nauheim
  • 2Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin, Deutsche Sporthochschule Köln
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Publication Date:
08 November 2011 (online)

Die Erkenntnis, dass der Mensch so alt ist wie seine Gefäße, stammt von Thomas Sydenham (1624 – 1689), dem Vater der englischen Medizin: „A man is as old as his arteries“. In Deutschland hat Gotthardt Schettler in den 1970 – 80er Jahren den Gedanken wieder aufgegriffen und anhand der Krankheitsbilder Herzinfarkt und Schlaganfall beschrieben. Die damals gängige Definition des vaskulären Alterungsprozesses bezog sich auf weit fortgeschrittene Stadien von Atherosklerose und Arteriosklerose. Die Diagnose der Gefäßalterung wurde demnach zu einem Zeitpunkt gestellt, wo diese vaskulären Alterungsprozesse nicht mehr wesentlich therapeutisch beeinflusst werden konnten.

Die heute in der kardiovaskulären Prävention übliche Risikofaktorenkalkulation gemäß etablierter Scores wie Framingham, PROCAM oder der ESC-Score sind in großen Populationen recht nützlich, versagen aber häufig bei der individuellen Risikostratifikation. Der Begriff des frühen vaskulären Alterns (EVA = Early Vascular Aging) beschreibt die frühe, akzellerierte Alterung von Endothel und Media [1]. Diese über den normalen vaskulären Alterungsprozess hinaus gehenden Veränderungen können heute nicht-invasiv durch Bestimmung der arteriellen Gefäßsteifigkeit (Pulswellengeschwindigkeit und zentraler Blutdruck), der Intima-Media-Dicke, der retinalen Mikrozirkulation und der endothelialen Dysfunktion erfasst werden. Als sogenannte Gewebe-Biomarker können sie bereits sehr frühe vaskuläre Änderungen unabhängig von den klassischen Risikofaktoren anzeigen und haben einen unabhängigen prognostischen Vorhersagewert. Sowohl arterielle Steifigkeit als auch Intima-Media-Dicke spiegeln als Gewebe-Biomarker die integrative arteriosklerotische Last der klassischen Risikofaktoren auf das Gefäßsystem wider. Die frühesten Hinweise auf ein vaskuläres Altern finden sich in der Aorta, dem ersten Organ des menschlichen Körpers, was dem Alterungsprozess unterworfen ist. Über Degradierung von Elastin und Zunahme von kollagenen Fasern kommt es zu einer Erhöhung der arteriellen Gefäßsteifigkeit, die direkt mit der Pulswellengeschwindigkeit über dem Aortensegment erfasst werden kann. So zeigen z. B. normoglykämische und normotensive Nachkommen von Typ-2-Diabetikern bereits Veränderungen der aortalen Steifigkeit und damit ein akzelleriertes vaskuläres Altern im Vergleich zu Kontrollpersonen ohne genetisches Diabetesrisiko.

Die Diagnose von EVA mündet idealerweise schließlich in einer frühzeitigen nicht-pharmakologischen oder pharmakologischen Prävention und ist die klassische Antwort auf EVA, nämlich ADAM (Aggressive Decrease of Atherosclerosis Modifiers ). ADAM, die aggressive, frühe und präventive Behandlung arteriosklerotischer Risikofaktoren kann durch Änderungen des Lebensstils, wie z. B. regelmäßiges körperliches Training, niedrigen Kochsalzkonsum oder auch Genuss dunkler Schokolade realisiert werden. Neben den klassischen pharmakologischen Interventionsmethoden zur Behandlung der arteriellen Hypertonie, des Diabetes und der Hyperlipidämie stehen heute auch pharmakologische Interventionen zur Verfügung, die einen über die Therapie der klassischen Risikofaktoren hinausgehenden, protektiven vaskulären Effekt haben. Als Beispiele seien hier die antifibrotischen Eigenschaften von Aldosteronantagonisten oder endotheliale Effekte von RAAS-Blockern genannt.

Die frühzeitige Diagnose und Therapie eines akzellerierten vaskulären Alterns könnte schließlich sogar präventiv zur Verhütung der isolierten systolischen Hypertonie beitragen. Diese häufigste Hochdruckform entsteht pathophysiologisch aus dem Elastizitätsverlust der Aorta, der durch die Messung der Pulswellengeschwindigkeit erfasst werden kann. Die erhöhte arterielle Gefäßsteifigkeit der Aorta ist somit nicht Folge, sondern Ursache für die isolierte systolische Hypertonie, die durch eine reduzierte Windkesselfunktion der Aorta und eine große Blutdruckamplitude charakterisiert ist. Die frühzeitige und aggressive Behandlung von frühem vaskulärem Altern wird somit zu einer wichtigen Aufgaben in der Prävention der arteriellen Hypertonie.

Unser Schwerpunktheft Hypertonie als auch die wissenschaftlichen Beiträge auf dem diesjährigen Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Hypertonie und Prävention reflektieren diese Entwicklungen. Darüber hinaus zeigen sie Perspektiven für die Entwicklung der Hypertensiologie zur präventiven und integrativen Gefäßmedizin auf.

Literatur

  • 1 Nilsson P M, Boutouyrie P, Laurent S. Vascular aging: a tale of EVA and ADAM in cardiovascular risk assessment.  Hypertension. 2009;  54 3-10

Prof. Dr. Thomas Mengden

Kerckhoff Rehabilitationsklinik
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