PSYCH up2date 2012; 6(06): 361
DOI: 10.1055/s-0032-1305103
Affektive Störungen
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Burnout: eine zeitgemäße psychische Störung?

Geschichte, Konzepte, Perspektiven
Andreas Hillert
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Publication Date:
05 September 2012 (online)

Kernaussagen

Burnout wurde von einem Betroffenen entdeckt. Der Psychotherapeut Herbert Freudenberger konzeptualisierte Burnout als ein in Sozialberufen tätige Menschen betreffendes Phänomen. Aufgrund längerfristiger Überforderung manifestiere sich eine interindividuell unterschiedliche, mit seelischen, körperlichen und sozialen Aspekten einhergehende Symptomatik (Leitmotive: Erschöpfung, Somatisierung, abnehmende Flexibilität und Kreativität). Diese sei nicht als psychische Störung zu werten, sondern ausschließlich Folge der Arbeitsüberlastung.

Christina Maslach operationalisierte Burnout als ein Syndrom aus emotionaler Erschöpfung, Depersonalisierung und reduzierter persönlicher Leistungsfähigkeit. Das Maslach-Burnout-Inventar fragt diverse Symptome ab, wobei die erhobenen Werte jeweils im mittleren Bereich mit Depressivität, Arbeitsmotivation, Neurotizismus u. a. korrelieren.

Eine vielfach postulierte, regelhafte Entwicklung von Burnout in mehreren Stadien bzw. Phasen lässt sich empirisch ebenso wenig nachweisen wie die Hypothese, wonach Burnout gerade besonders engagierte Menschen betreffe.

Eine Abgrenzung des Burnout-Phänomens gegenüber Depression, Persönlichkeitsstörung und anderen Störungsbildern ist de facto unmöglich. Die genannten Diagnosen entsprechen der Experten-Perspektive, Burnout hingegen derjenigen von Betroffenen!

Als gleichermaßen Symptomatik und Ursachen erklärendes, nichtstigmatisierendes Krankheitsmodell spiegelt Burnout die in den von Experten konzipierten Diagnosesystemen (ICD, DSM) offenbar nicht hinreichend berücksichtigten Bedürfnisse vieler, sich überlastet fühlender Menschen und bietet sich zudem für manifest unter psychischen Störungen leidende Patienten als Erklärungsmodell ihrer Beschwerden an.