ZKH 2012; 56(2): 99-101
DOI: 10.1055/s-0032-1314660
Materia medica
© Karl F. Haug Verlag MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Verifikationen, Falsifikationen, klinische Symptome

Christian Lucae
Further Information

Publication History

Publication Date:
18 July 2012 (online)

Kopfschmerzen, chronische Sinusitis – Kalium iodatum

Anamnese

Ein knapp 7 Jahre altes Mädchen kommt in Begleitung seiner Mutter in die Praxis. Es leidet seit über 2 Monaten unter regelmäßig, zuletzt fast täglich auftretenden Kopfschmerzen. Zuhause war wegen einer gleichzeitig bestehenden Rotznase mit gelblich-zähem Sekret bereits eine Behandlung mit Kalium bichromicum C 12 2 × täglich 3 Globuli über 2 Wochen versucht worden, jedoch ohne nennenswerte Besserung. Die regelmäßig vorgenommene Nasendusche tue ihr ganz gut.

Die Patientin beschreibt ihre Beschwerden wie folgt: Die Schmerzen würden in der Stirn beginnen und seitlich über die Schläfen bis zu den Ohren hin und ins Gesicht ziehen, manchmal auch bis in den Nacken. Sie habe das Gefühl, als würde jemand seitlich den Kopf quetschen, welches sie mit einer entsprechenden Geste („wie in einem Schraubstock“) sehr anschaulich demonstriert. Hin und wieder habe sie auch ein Stechen über den Augenbrauen. Beim Vornüberbeugen tue die Stirn „volle Kanne“ weh, manchmal spüre sie den Schmerz auch im Gesicht und in den Wangen. Außerdem schmerze die Nase innen nach dem Schneuzen. Das Sekret sei mal gelb-grün, mal durchsichtig.

Die Mutter berichtet außerdem, dass immer wieder Bauchschmerzen aufträten, oft während des Unterrichts in der Schule, dabei vermutlich in Zusammenhang mit den Kopfschmerzen. Außerdem sei sie auffallend lärmempfindlich, zu Hause beklage sie sich über den Lärm in der Schule. Sie schwitze sehr schnell, es sei ihr immer warm. Gefragt nach psychischen Besonderheiten, wird ihr sehr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn hervorgehoben.


#

Untersuchungsbefund und Repertorisation

Allgemeinbefinden gut, Trommelfelle beidseits leicht retrahiert, Stirn und Kopf berührungsempfindlich, übriger Untersuchungsbefund unauffällig. Eine augenärztliche Untersuchung ist erst vor kurzem durchgeführt worden und ergab einen unauffälligen Befund.

Die Repertorisation [Abb. 1] wurde mit RADAR 10.5 für Windows/Synthesis Treasure Edition vorgenommen [4]. Zusätzlich zu den hier dargestellten Rubriken könnte man auch klinische Rubriken zum Thema „Sinusitis frontalis“ wählen, beispielsweise:

Zoom Image
Abb. 1: Repertorisation zu Kopfschmerzen und Sinusitis.
  • „Gesicht − Schmerz − Nebenhöhlen – Stirnhöhle“

  • „Kopf − Schmerz − Stirn – Stirnhöhlen“

  • „Nase − Nebenhöhlen; Beschwerden der – Stirnhöhlen“

  • „Allgemeines − Entzündung − Nebenhöhlen; der“

  • „Nase − Schnupfen − gefolgt von − Stirnhöhlen; Beschwerden der“

In allen Rubriken ist Kalium iodatum vertreten. Die Anzahl der Mittel in den aufgezählten Rubriken liegt zwischen 5 und 86, die Nachträge stammen aus vielen unterschiedlichen Quellen. In der aktuellen Form sind die Rubriken zu inhomogen und unvollständig, außerdem tragen sie zur Differenzierung der Arzneien nicht wesentlich bei. Auch eine mit dem Computer leicht mögliche Zusammenfassung aller 5 Rubriken würde für die Elimination nichts ändern.

Ob man am Ende die Rubrik „Gemüt – Ungerechtigkeit; erträgt keine“ wählen möchte, bleibt letztlich Geschmacksache: Hier ist Kalium iodatum in Form eines Nachtrags von Alfons Geukens ebenso vertreten, und man kann diesem Nachtrag mehr oder weniger Vertrauen entgegenbringen.


#

Materia-medica-Vergleich und Verordnung

In der Arzneimittellehre von S. R. Phatak finden sich alle entscheidenden Symptome einschließlich des im Repertorium fehlenden Symptoms: „Heftige Kopfschmerzen, wie von beiden Seiten her zusammengeschraubt [...]“ [3: 344]. Differentialdiagnostische Überlegungen waren u. a. Sulphur, Natrium muriaticum und Natrium sulfuricum.

Verordnung: Kalium iodatum C 200, 3 Globuli (Remedia).


#

Verlauf

Die Patientin erscheint nach 4 Wochen wieder in der Praxis wegen einer akuten Virusinfektion mit leichten Kopf-, Hals- und Bauchschmerzen und erhält als Akutmittel Lachesis D 12. Angesprochen auf die chronischen Kopfschmerzen berichtet die Mutter, dass ihre Tochter bereits einen Tag nach der Einnahme von Kalium iodatum anhaltend beschwerdefrei gewesen sei.

Nach 3 Monaten meldet sich die Mutter telefonisch: 2 Tage zuvor seien die Kopfschmerzen wieder aufgetreten. Ihre Tochter habe sie mit den exakt gleichen Worten beschrieben (beginnend in der Stirn mit Erstreckung über die Schläfen bis zu den Ohren; Gefühl, als würde jemand seitlich den Kopf quetschen).

Mit einer weiteren Dosis Kalium iodatum C 200 klingen die Schmerzen schlagartig ab.

Im Laufe der nächsten Monate zwei leichte Infekte der oberen Luftwege, aber keine Sinusitiden. Erneute Vorstellung wegen Kopfschmerzen erst nach einem Jahr: Im Zuge mehrerer Schwimmbadbesuche sei ein lästiger Schnupfen aufgetreten, die Ohren seien zu, die Kopfschmerzen ziehen von der Stirnmitte zu den Seiten. Im ganzen Kopf bestehe ein Hitzegefühl wie Fieber, außerdem ein Engegefühl an der Nasenwurzel. Mit Blick auf die frühere Repertorisation (s. o.), die zusätzliche Rubrik „Nase − Schmerz − Nasenwurzel – drückend“ und das beschriebene Hitzegefühl lautet die Verschreibung:

Kalium iodatum C 30, 3 × 3 Globuli über 3 Tage.

Seitdem bestehen keine Beschwerden mehr (Nachbeobachtungszeit: 2 Jahre).


#

Verifizierte Symptome

  • Sinusitis frontalis (diverse klinische Rubriken, s. o.)

  • Kopf − Schmerz − Stirn − erstreckt sich zu – Gesicht“ (kali-i. im 1. Grad als Nachtrag von O. E. Boericke vorhanden)

  • Kopf − Schmerz − Stirn − Bücken − agg.“ (kali-i. im 1. Grad vorhanden − J. T. Kent)

  • Nase − Schmerz − Schneuzen der Nase; beim − agg.“ (kali-i. im 1. Grad vorhanden − Kent)

  • Nase − Schmerz − Nasenwurzel – drückend“ (kali-i. im 1. Grad als Nachtrag von Boericke vorhanden)

  • Gefühl, als würde jemand seitlich den Kopf quetschen (mit entsprechender Geste: „wie in einem Schraubstock“); Rubrik: „Kopf − Schmerz − drückend − Schraubstock; wie in einem“ (in dieser Rubrik – Nr. 2 in der obigen Original-Repertorisation – fehlt kali-i.).

Im Nachhinein wurden weitere Rubriken im Computerrepertorium RADAR aufgesucht:

  • „Kopf − Schmerz − Schraubstock; wie in einem“ (kali-i. fehlt)

  • „Kopf − Schmerz − Schläfen − drückend − Schraubstock; wie in einem“ (kali-i. fehlt)

  • „Kopf − Schmerz − Seiten − drückend − Schraubstock; wie in einem“ (enthält kali-i. und nit-ac. jeweils im 1. Grad, beide Nachtrag Kent)

  • „Kopf − Schmerz − Schläfen − drückend − innen; nach“ (kali-i im 2. Grad, Nachtrag Kent)

In den restlichen, hier nicht diskutierten Rubriken ist Kalium iodatum bereits im 2. oder 3. Grad vorhanden.

In der Originalprüfung von Kalium iodatum in der Reinen Arzneimittellehre von Hartlaub und Trinks [1: 37f] finden sich unter anderem folgende, zur Kasuistik passende Symptome:

  • „Schweregefühl in der Stirne, Nachmittags (d. 17. T.).“

  • „Beim Bücken ist ihr der Kopf sehr schwer (n. 13 T.).“

  • „Schmerzhaftes Zusammenschrauben des Kopfes von beiden Seiten, was in der freien Luft vergeht, früh (d. 9. T.).“ – Dieses Symptom entspricht wohl am besten dem „Schraubstockgefühl“ und findet sich nach einigem Suchen im Repertorium wie folgt einsortiert: „Kopf − Schmerz − Seiten − Freien, im − amel. − drückend − eingeschraubt; wie“ (neben bar-c. findet sich nur kali-i., und zwar im 2. Grad als Nachtrag von Kent).

  • „Grosse Hitze im Kopfe, mit Brennen und Röthe des Gesichtes.“


#

Nachbemerkung zur Computerrepertorisation

In der vorliegenden Rubrik der Zeitschrift für Klassische Homöopathie geht es primär um die Verifikation einzelner Symptome. Dennoch kommt man nicht umhin, Repertorisationen mit einzubauen, um die Darstellung der Kasuistik nachvollziehbar machen zu können.

Vielen geht die Computerrepertorisation zu weit, da die großen Datenbanken eine unüberschaubare Zahl von Nachträgen einer unüberschaubaren Zahl sehr unterschiedlicher Autoren und Schulen enthält. Die Kritik ist berechtigt, denn dadurch entfernen sich die Computerrepertorien immer mehr von der Idee eines verlässlichen Praxisrepertoriums und werden zu experimentellen Repertorien, durch welche sich die Nutzer mühsam hindurchhangeln müssen.

Andere wiederum würden die hier gewählte Darstellung der „flachen Repertorisation“ als antiquiert bezeichnen. So schreibt beispielsweise Bernhard Luft: „Man kann die Homoöpathie-Software so nutzen, dass man lediglich den Auswertungsaufwand bei der Repertorisation verringert. Das ist aber, als würde man sein Auto nur als eine Art mobilen Regenunterstand nutzen“ [2].

Im Internet-Zeitalter wird der Einsatz von Computerrepertorien und Expertensystemen vermutlich zum Standard werden. Umso mehr ist dabei Kreativität gefragt: So lassen sich beispielsweise eigene Varianten festlegen, in welchen bestimmte Autoren und Nachträge „weggeklickt“ werden können, die der Benutzer nicht für ausreichend zuverlässig hält. Durch die Benutzung verschiedener Ablagen (Clipboards) können Symptomengruppen verwaltet werden und dabei beliebig zu- und weggeschaltet werden. Durch das „Spielen“ mit diversen Einstellungen ergeben sich oft interessante Aufschlüsse für die Mittelwahl. Damit wird die Computerauswertung gewissermaßen zu einer „dynamischen“ Untersuchung, ähnlich wie beim Ultraschall, bei dem das Foto auf dem Printer (wie hier der Screenshot der Repertorisation) nur die Momentaufnahme darstellt.

Für einen Zeitschriftenartikel allerdings bleibt nur die Möglichkeit, eine Standard-Variante (hier: Synthesis Version 10.5 mit allen Nachträgen) und eine „statische“ Darstellung zu wählen, ansonsten wäre die Repertorisation für andere Leser nicht mehr nachvollziehbar.


#