Inf Orthod Kieferorthop 2012; 44(02): 73-74
DOI: 10.1055/s-0032-1321739
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© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Prof. Dr. Franz Günter Sander

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Publication Date:
01 August 2012 (online)

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Prof. Dr. Franz Günter Sander

Während seiner 35-jährigen Tätigkeit als Kieferorthopäde überraschte Professor Dr. Franz Günter Sander uns immer wieder mit genialen unerschöpflich anmutenden Ideen, die er in seinen beeindruckenden Laborbereichen – ausgerüstet wie eine Elektronikwerkstatt mit selbstgebastelten Messapparaten – zu effektiven Therapiehilfsmitteln umsetzte. Dies gelang ihm uneingeschränkt mit weltweiter Akzeptanz: Variationen zu funktionskieferorthopädischen Geräten „SANDER I, II und III“ (Federbügelaktivator, Vorschub-, und Rückschubdoppelplatte), der Memory-Maker zur Qualitäts- und Formbeeinflussung superelastischer orthodontischer Bögen, die Torquesegmentbögen, der Compound Palatinalbogen ebenso wie Aufricht-, Rotations-, Nivellierungs- und Retraktionsfedern, der asymmetrische Facebow, bis hin zu Reinigungspasten für Zähne und festsitzende wie abnehmbare Apparaturen sowie seine elastische Mundvorhofplatte, dem Ulmer-Modell – seinem Lieblingsgerät – zur effektiven Prävention in der Kieferorthopädie.

Mit seinem plötzlicher Abschied für immer am 10. März 2012, kurz vor seinem 69. Geburtstag am 24. April, überraschte Günter Sander seine Familie, Freunde, Kollegen wiederum und löste überall tiefe Betroffenheit aus. Wir haben einen großartigen Menschen und Erfinder verloren, der unser kieferorthopädisches Leben bereicherte und erleichterte. Er wurde auch nach seiner Emeritierung im Sommersemester 2009 nicht müde seine fundierte klinische wie wissenschaftliche Erfahrung als Hochschullehrer national wie international mündlich und schriftlich weiterzugeben. Doch nur kurze Zeit ist ihm geblieben, dabei hatte er doch noch so viel vor…

Heute mutet der von ihm federführend herausgegebene Band „Kieferorthopädie“ (Mitherausgeber: Norbert Schwenzer und Michael Ehrenfeld – in der Lehrbuchreihe zur Aus- und Weiterbildung in der Zahn-Mund-Kieferheilkunde im Georg Thieme Verlag 2011) wie ein Vermächtnis an, das er dem Fachgebiet Kieferorthopädie als „SANDERschule“ hinterlassen hat. In der Präambel verweist Günter Sander mit Nachdruck auf seine interdisziplinären Wurzeln zum Fachbereich Physik.

Nach dem mit Diplom am Institut für Strahlen- und Kernphysik unter Prof. Dr. Th. Mayer-Kuckuck 1972 abgeschlossenen Physikstudium und seiner zahnärztlichen Approbation 1973, beides an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, ließ er sich von Prof. Dr. Dr. Gottlieb P.F. Schmuth, damaliger Direktor der Poliklinik für Kieferorthopädie, nicht nur zur kieferorthopädischen Weiterbildung (Fachzahnarzt 1977) begeistern, sondern auch zur weiteren wissenschaftlichen Tätigkeit. Die Promotion erfolgte 1974 („Die Bedeutung von Prüfkörpern zur Beurteilung der Anwendungszeit kieferorthopädischer Apparate“), die Habilitation 1979 („Zur Frage der Biomechanik des Aktivators – Entwicklung und Erprobung neuer Untersuchungsmethoden“); als wissenschaftlicher Assistent wurde ihm die Leitung der Röntgenabteilung übertragen. Fundiertes Wissen in nun 3 Fachbereichen gab sicher mit den Ausschlag für die hohe Akzeptanz als herausragender Hochschulvertreter, abzulesen an 4 Rufen auf ordentliche Lehrstühle für Kieferorthopädie in Deutschland: Ulm 1981, Homburg/Saar 1981, Kiel 1982, Bonn 1991.

Zu Beginn seiner Tätigkeit als Ordinarius an der Medizinisch-Naturwissenschaftlichen Universität Ulm sah die Forschungslandschaft in unserem Land weit weniger freundlich aus als heute. Günter Sander ist es mit zu verdanken, dass viele Forschungsdefizite überwunden und die Bereiche Kieferorthopädie und Biomechanik nahtlos verbunden werden konnten.

Auch gelang es ihm, seine konkreten Vorstellungen für eine Hochschultätigkeit neben den Basisaufgaben in Lehre Forschung und Patientenbehandlung umzusetzen: die Förderung von wissenschaftlichem Nachwuchs und Bildung von Teams aus Naturwissenschaftlern und Klinikern, Assistenten und Stipendiaten; die intensive Pflege wissenschaftlicher Kontakte aller Mitglieder aus Praxis und Hochschule – dies hat sich in dem von ihm vorgelegten Lehrangebot in Aus-, Fort- und Weiterbildung als äußerst effektiv erwiesen – den internationalen Wissensaustausch mit Förderung interdisziplinärer kooperativer Forschungsvorhaben und den Aufbau von Lehrmodulen, die europaweit Anerkennung fanden. Drei seiner zahlreichen Schüler konnten sich an der Universität Ulm habilitieren: 1996 Prof. Dr. Andrea Wichelhaus, seit 2008 Direktorin der Poliklinik für Kieferorthopädie an der Universität München, 2007 PD Dr. Christian Sander, 2008 PD Dr. Martin Sander.

In unserem Fachgebiet Kieferorthopädie gebührt Günter Sander sicher das Prädikat eines Vollblutlehrers, der seine fachlichen Überzeugungen auch oft mit humoristischen Darbietungen, auf eine Pointe hin zugespitzt, vorlegte. Er war dabei immer bemüht herauszustellen, dass die Kieferorthopädie keine Gefühlssache ist, sondern evidence-based medicine, im ursprünglichen Sinn: „auf Beweismaterial gestützte Heilkunde“. Esoterik in unserem Fach war ihm immer verdächtig. So begeisterte und faszinierte er wissensfundiert in Theorie und Praxis. Eine Vielzahl von Einladungen zu nationalen wie internationalen Kongressen, Seminaren, Vorträgen sowie Ehrungen (Ehrenmitglied in der türkischen Gesellschaft für Kieferorthopädie, Kooperationspartner vieler Universitäten wie Athen, Neapel, São Paulo, Wien, Basel, München und Leiter des FEM-Workshops in Ulm mit jährlichen Tagungen) stellten dies unter Beweis.

Berufswege und Privatleben brachten ihn mit vielen Menschen zusammen, mit Menschen, die er auch nicht versäumte, durch seine Direktheit zu polarisieren. Diese Direktheit anzunehmen, fiel manchen schwer, andere nahm sie aber so für ihn ein, dass dadurch lebenslange Freundschaften entstanden. Günter Sander liebte ein Gegenüber, mit dem er sich auseinandersetzen und austauschen konnte. Auch reizte er sein Umfeld gern mit einem manchmal übertriebenen Understatement. Mit seinem wohl von der Geburtsstadt Gelsenkirchen geprägten rheinischen Humor kaschierte er seine Sensibilität, die ihn verletzbarer machte als seine manchmal schroffen Reaktionen vermuten ließen.

Dabei blieb er immer seinem Naturell treu: zuverlässig, geradlinig, mutig. Seine stets offen dargelegte Zivilcourage zum Wohle unseres Faches ebenso wie seine zahlreichen wertvollen Hilfestellungen, bei denen er durch Weitsicht so mancher Problematik mit Bravour die Spitze nehmen konnte, wissen Kollegen und Freunde nachhaltig zu würdigen. Viele widrigen Winde an der Universität, in der freien Praxis und im täglichen Leben wurden durch seinen felsenfesten unerschütterlicher Beistand gut überstanden; die ihm anvertrauten Schüler werden als Fackelträger das geistig ererbte Know-how von Professor Dr. Franz-Günter Sander gerne weiter tragen.

Prof. em. Dr. Ingrid Rudzki
(ehem. Direktorin der Poliklinik für Kieferorthopädie der Ludwig-Maximilians-Universität München)

O.Univ.- Prof. Dr. Hans-Peter Bantleon
(Leiter des Fachbereiches Kieferorthopädie an der Bernhard-Gottlieb-Universitätszahnklinik Wien)