Klinikarzt 2012; 41(12): 567
DOI: 10.1055/s-0033-1333787
Editorial
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Nachdenken, einfühlen, auswählen – Die hohe Kunst des Weglassens

Günther J Wiedemann
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Publication Date:
14 January 2013 (online)

Die umfassende Versorgung der Bevölkerung mit adäquaten diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen wird zu einem immer größeren Problem werden. Das ist unvermeidlich bei der zunehmenden Inzidenz von schweren Erkrankungen, wie sie sich zwangsläufig aus dem Altersaufbau unserer Gesellschaft ergibt. In dieser Situation ist es nicht länger hinnehmbar, dass nicht evidenzbasierte Diagnostik und Therapien weiter angewendet werden. Eine Reduzierung solcher Interventionen würde nicht nur die Qualität der Patientenversorgung verbessern, sondern auch die Kosten erheblich mindern. Ausgehend von diesen Überlegungen hat das American Board of Internal Medicine die Kampagne „Choosing Wisely“ („Klug auswählen“; http://www.choosingwisely.org) ins Leben gerufen, die den evidenzorientierten Dialog zwischen Ärzten und Patienten über Sinn und Unsinn von diagnostischen Maßnahmen und Therapien fördern will. Diese Initiative war notwendig geworden, weil die zunehmend komplexere Medizin mit immer neuen Leitlinien neue Handlungsempfehlungen gibt, ohne frühere Leitlinien vollständig zu überarbeiten, zu „entrümpeln“. Die Existenz von Leitlinien verschiedener Fachgesellschaften zum selben Thema macht die individuelle Entscheidung weder für Ärzte noch für Kranke leichter, sondern löst Verwirrung aus.