Fortschr Neurol Psychiatr 2015; 83(03): 133-134
DOI: 10.1055/s-0034-1399263
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Kreativität und psychische Störung

Creativity and Mental Disorder
J. Kornhuber
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Publication Date:
20 March 2015 (online)

Die Vorstellung von einer engen Beziehung zwischen „Genie“ und „Wahnsinn“ oder, aktueller formuliert, zwischen Kreativität und psychischer Störung ist in der Bevölkerung tief verankert. Auch wenn dies den wenigsten bewusst sein dürfte, fußt diese Vorstellung u. a. auf Beobachtungen von Aristoteles, auf einem Buch von Cesare Lombroso [11] und bewundernswerten Leistungen Einzelner in Kunst und Wissenschaft. Hier könnte man an Friedrich Hölderlin denken, an Robert Schumann, Vincent van Gogh, Ernest Hemingway, Virginia Woolf oder John Forbes Nash. Letztgenannter litt an einer schizophrenen Psychose. Für die Begründung der modernen Spieltheorie wurde Nash mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Kleine Fallkontrollstudien bestätigen den vermuteten Zusammenhang zwischen Kreativität und psychischer Störung [1] [5] [13] [15]. Aber gilt dieser auch in größeren, gut kontrollierten Kohorten? Dazu gibt es neue epidemiologische Untersuchungen, die isländische, finnische und schwedische Register sowie genetische Befunde aus großen genomweiten Assoziationsstudien zugrunde legen.

Eine bevölkerungsweite isländische Studie fand zum Beispiel heraus, dass gesunde Angehörige von schizophren und affektiv Erkrankten häufiger Buchautoren sind, höhere Schulleistungen erbringen und bessere mathematische Fähigkeiten besitzen [6]. In einer schwedischen Studie wurde eine Assoziation zwischen Intelligenz und reiner bipolarer Störung, d. h. ohne Komorbidität, gefunden [4]. Exzellente Schulleistungen junger Männer waren mit dem erhöhten Risiko einer späteren bipolaren Störung assoziiert [12]. Und in einer finnischen Studie waren hohe mathematische Leistungen im Alter von 20 Jahren mit einem erhöhten Risiko für bipolare Störung assoziiert; dagegen waren niedrige Leistungen im räumlichen Denken mit einem erhöhten Risiko für bipolare Störung, Schizophrenie und andere Psychosen gekoppelt [16]. Personen mit bipolarer Störung sowie Geschwister von Personen mit bipolarer Störung oder Schizophrenie waren in einer schwedischen Studie in kreativen Berufen überrepräsentiert [9]. Diese Befunde wurden in einer größeren unabhängigen Kohorte bestätigt. Männer mit bipolarer Störung waren sowohl bei besonders hohen wie auch besonders niedrigen Führungseigenschaften überrepräsentiert; Brüder dieser Männer waren bei sehr hohen Führungseigenschaften überrepräsentiert [10]. Männer mit reiner bipolarer Störung waren jedoch weniger häufig in Führungspositionen als die Vergleichsgruppe ohne jede Störung. Demgegenüber waren die Brüder bipolar Erkrankter häufiger in Führungspositionen als die Vergleichsgruppe. Offensichtlich wirkt sich eine bipolare Störung negativ auf Führungspositionen aus, die Veranlagung zur bipolaren Störung dagegen positiv [10]. Personen mit einer psychischen Störung hatten nicht häufiger kreative Berufe (Wissenschaft und Kunst); eine Ausnahme bestand bei der bipolaren Störung. Angehörige von Personen mit bipolarer Störung, Schizophrenie, schizoaffektiver Störung und Autismus waren häufiger in kreativen Berufen tätig als Gesunde [8].

Die bisher vorliegenden Studien zeigen, dass nicht alle psychischen Störungen mit hoher Kreativität einhergehen. Vielmehr wirkt die Veranlagung zu bipolarer Störung und Schizophrenie positiv. Diese Befunde aus epidemiologischen Studien werden durch genetische Studien gestützt. Bei Personen mit hoher Intelligenz ist ein Schizophrenie-Risikopolymorphismus im Promotor des Neuregulin-1-Gens mit erhöhter Kreativität assoziiert [7], und Daten aus genomweiten Assoziationsstudien zeigen eine positive Korrelation zwischen bipolarer Störung und Hochschulabschluss [2].

Einschränkend ist anzumerken, dass in den meisten Studien sowohl Kreativität als auch psychische Störung suboptimal erfasst worden sind. Meist wurden nicht die Kreativität selbst, sondern lediglich indirekte Hinweise auf Kreativität wie Schulleistung, Führungsposition, Hochschulabschluss oder das Abfassen von Büchern untersucht. „Begabung“ trifft die untersuchten Sachverhalte wahrscheinlich besser als „Kreativität“. Psychische Störungen wurden nicht immer mit den aktuellen diagnostischen Kriterien nach ICD oder DSM erfasst; auch wurde nicht zwischen bipolar I und bipolar II unterschieden. In mehreren epidemiologischen Studien wurden ausschließlich Männer untersucht. Die gefundenen Zusammenhänge sind überwiegend schwach. Weitere Untersuchungen sind daher sicherlich notwendig.

Zusammengefasst wird die früh entstandene Annahme einer besonderen Nähe zwischen „Genie“ und „Wahnsinn“ im Sinne einer konvergierenden Evidenz durch moderne epidemiologische und auch genetische Untersuchungen gestützt. Aus klinischen Beobachtungen ist klar ersichtlich, dass der Ausbruch einer psychischen Erkrankung für die Betroffenen oftmals schwere berufliche Nachteile zur Folge hat. Und auch die Kreativität selbst ist während einer psychischen Erkrankung des Öfteren eingeschränkt. Dazu passen Befunde, die eher einen Zusammenhang zwischen Kreativität und der Veranlagung zur psychischen Störung sehen als zwischen Kreativität und psychischer Störung selbst.

Was bedeuten diese Befunde?

  1. Die Risikogene für bipolare Störung und z. T. Schizophrenie scheinen mit Vorteilen wie höherer Kreativität verbunden zu sein. Dies könnte teilweise erklären, warum sich die Veranlagung zu psychischen Störungen in der Bevölkerung hält, obwohl einige dieser Störungen mit einer geringeren Reproduktionsrate verbunden sind [14].

  2. Die höhere Präsenz von Geschwistern bipolar Erkrankter in Führungspositionen und kreativen Berufen und die genetische Assoziation zwischen Hochschulabschluss und bipolarer Störung sprechen dafür, dass für die Kreativität nicht die manischen Phasen selbst, sondern lediglich die Veranlagung zur bipolaren Störung bedeutsam ist. Zusätzlich kann natürlich eine positive Stimmung in hypomanen oder manischen Phasen die Kreativität fördern [3].

  3. Der Zusammenhang zwischen Kreativität und insbesondere bipolarer Störung mag manchem Patienten helfen, seine Erkrankung eher zu akzeptieren.

  4. Die unipolare Depression scheint nicht mit Kreativität assoziiert zu sein. In der oftmals schwierigen Differenzialdiagnose zwischen uni- und bipolarer Depression kann daher ein Hochschulabschluss oder eine Führungsposition möglicherweise als Hinweis für eine bipolare Störung gewertet werden. Dazu sind aber weitere Daten notwendig.

  5. Und schließlich können die Ergebnisse dazu beitragen, das Phänomen Kreativität besser zu verstehen.

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Prof. Dr. med. J. Kornhuber