Notfallmedizin up2date 2015; 10(02): 113
DOI: 10.1055/s-0035-1557744
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Referat

Contributor(s):
Matthias Weuster
Kiel
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Publication Date:
14 July 2015 (online)

Blutzucker erkennt Blutung

Kreutziger J et al. Admission blood glucose predicted haemorrhagic shock in multiple trauma patients. Injury 2015; 46: 15–20. DOI: 10.1016/j.injury.2014.09.018. Epub 2014 Sep 26

Die initiale Blutglukose soll das Risiko eines hämorrhagischen Schocks im Polytrauma detektieren können. Studien haben bereits gezeigt, dass die Bestimmung der Blutglukose Aussagen zu klinischen Verläufen machen kann. Der Blutzuckerwert fungiert sogar als unabhängiger prädiktiver Faktor in Bezug auf die Krankenhausmortalität [1].

Die Arbeitsgruppe von Kreutziger et al. hat nun dazu die Hypothese formuliert, dass die bei Aufnahme bestimmte Blutglukose Vorhersagen zu Hämorrhagie und Mortalität bei Polytraumapatienten machen kann.

Material und Methoden

Diese retrospektive Studie wurde anhand prospektiv erhobener Daten aus 2 Jahren Beobachtungszeitraum im überregionalen Traumazentrum der Universitätsklinik Innsbruck durchgeführt. Eingeschlossen wurden adulte Patienten (≥ 18 Jahre) mit einem Injury Severity Score (ISS) ≥ 17. Ausgeschlossen wurden Diabetiker sowie Patienten mit Immunfunktionsstörungen. Folgende präklinische und klinische Daten der Patienten wurden erhoben:

  • Traumamechanismus,

  • Vitalwerte,

  • Laborparameter,

  • ISS,

  • Revised Trauma Score (RTS),

  • A Severity Characterization of Trauma (ASCOT),

  • Trauma and Injury Severity Score (TRISS),

  • dazu Morbidität und Mortalität.

Die Blutglukose (in mmol/L) wurde per Laboruntersuchungen oder Blutgasanalyse mit Normwerten zwischen 4,11–5,5 mmol/l gemessen. Der hämorrhagische Schock wurde definiert als systolischer Blutdruck < 90 mmHg, Einsatz von Katecholaminen, den Verlust von > 20 % Blutvolumen, Einsatz einer Massentransfusion oder eine Laktatazidose von > 2 mmol/l. Es wurden diverse statistische Tests durchgeführt.


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Ergebnisse

Aus insgesamt 1241 Patienten, die den Schockraum erreichten, konnten nach o. g. Kriterien lediglich 279 eingeschlossen werden. Davon erlitten alle Patienten stumpfe Traumata. Etwa 15 % verstarben während des Krankenhausaufenthaltes. Die Arbeitsgruppe fand heraus, dass mit ansteigender, initialer Blutglukose (Gluc > 10,01 mmol/l) die Zahl der Patienten mit hämorrhagischem Schock bzw. sich entwickelndem hämorrhagischen Schock signifikant (p < 0,0001) zunahm. Ebenfalls stand die Mortalität im direkten Zusammenhang mit dem Blutglukosewert in einer Gruppenunterteilung von < 5,5 mmol/l, 5,51–7,5 mmol/l, 7,51–10 mmol/l, 10,01–15 mmol/l und > 15,01 mmol/l. Die Blutglukose war ein besserer Prädiktor hinsichtlich der Hämorrhagie als Hämoglobin, Base excess, pH, Laktat oder Vitalparameter. Eine logistische Regressionsanalyse zeigte, dass die initiale Glukose im Hinblick auf die Schockvorhersage unabhängig vom Alter, Geschlecht, TRISS, ASCOT, Volumengabe, Rettungszeiten und Laborparametern war. Bei einem Wert von > 9,4 mmol/l bestand ein 10-mal größeres Risiko einen Blutungsschock zu erleiden, als bei kleineren Werten.

Die Autoren schlussfolgern, dass der bei Aufnahme bestimmte Blutglukosewert einen einfachen und schnellen Parameter darstellt, um Vorhersagen zum hämorrhagischen Schock und diesbezüglich zur Identifizierung von High-Risk-Patienten zu treffen. Zudem könne außerdem die Mortalität anhand dieses Parameters bestimmt werden.

Fazit

Die Arbeitsgruppe um Kreutziger hat in einer retrospektiven Untersuchung an 279 Patienten gezeigt, dass die Höhe der Blutglukose bei Klinikaufnahme das Risiko einer Hämorrhagie detektieren kann. Ein simpel zu erhebender Parameter und dazu schnell durchzuführen. Die untersuchten Patienten repräsentierten das typische Polytraumaspektrum. Diabetiker und Patienten mit Immunsystemstörungen waren ausgeschlossen. Erhebung der präklinischen und klinischen Parameter, dazu Bestimmung der relevanten Scores wie ISS, TRISS und RTS. In den einzelnen Untergruppen der Blutglukosewerte von < 5,5 mmol/l bis zu über 15 mmol/l konnte die Studie zeigen, dass hinsichtlich der Vorhersage zum Bestehen bzw. Eintreten einer Hämorrhagie ein signifikanter Zusammenhang besteht. Die Blutglukose war zum Teil ein unabhängiger Prädiktor in der Vorhersage eines Schocks. Limitierend in dieser Studie ist, dass der Großteil der Patienten von ursprünglich 1241 nicht erfasst werden konnte aufgrund mangelnder Dokumentation. Unerkannte Diabetiker sind hier ein Teil des Problems. Außerdem sind die sog. Second Hits und auch intensivmedizinische Einflussgrößen nicht erfasst worden, welche durchaus relevante Informationen zum klinischen Verlauf beitragen [2]. Diese Studie zeigt dennoch, dass es sich lohnt, auf die Blutglukose verstärkt ein Augenmerk zu legen. Weitere Untersuchungen an größeren Studienpopulationen wären notwendig. Letztlich bleibt die Blutglukose ein Parameter unter vielen, welche im Rahmen der Polytraumaversorgung erfasst und dokumentiert werden müssen.

Dr. med. Matthias Weuster, Kiel


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Koordination der Rubrik „Referate“: Dr. med. Jan Wnent, Lübeck