Inf Orthod Kieferorthop 2015; 47(04): 225-229
DOI: 10.1055/s-0035-1569295
Pro und Contra
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Die digitale Volumentomografie ist nicht das bildgebende Verfahren der Wahl für eine umfassende kieferorthopädische Diagnostik[*]

Cone-Beam Computed Tomography is not the Imaging Technique of Choice for Comprehensive Orthodontic AssessmentD. J. Halazonetis1
  • 1School of Dentistry, University of Athens, Athens, Greece
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Publication Date:
17 December 2015 (online)

Ich war erleichtert als ich gelesen habe, dass Dr. Larson nicht den extremen Standpunkt eingenommen hat und die digitale Volumentomografie (DVT, CBCT) für die tagtägliche Routinediagnostik vorschlägt, also für jeden Patienten und ohne Rücksicht auf die jeweilige Malokklusion oder andere patientenspezifische Faktoren, wie es einige Weiterbildungszentren in den Vereinigten Staaten zu propagieren scheinen [1]. Dennoch empfiehlt er das DVT als Standardverfahren, indem er in seinen Schlussfolgerungen feststellt, dass „die digitale Volumentomografie […] die konventionellen Fernröntgenseitenaufnahmen als häufigste angefertigte Aufnahme bereits ersetzt“ hat. In meinem Kontrapunkt werde ich versuchen, Argumente gegen die digitale Volumentomografie als bildgebendes Verfahren der Wahl für eine umfassende kieferorthopädische Diagnostik zu präsentieren.

Geht man einmal davon aus, dass man dem Einsatz der DVT bei jedem Patienten skeptisch gegenübersteht, nach welchen Kriterien sollten dann Patienten ausgewählt werden? Die Antwort auf diese Frage sollte auf der Grundlage einer umfassenden Abwägung der Vorteile und der Belastungen für jeden einzelnen Patienten erfolgen. Eine solche Abwägung kann natürlich nicht völlig objektiv vorgenommen werden, aber unsere Entscheidungen sollten auf der Grundlage der vorhandenen Evidenz erfolgen, die gleichzeitig als Basis für die Entwicklung genereller Richtlinien dienen kann. Das Hauptanliegen des SEDENTEXCT-Projektes der Europäischen Union liegt darin, „Schlüsselinformationen zusammenzutragen, die für einen sicheren und wissenschaftlich begründeten klinischen Einsatz der DVT notwendig sind“ und „auf der Grundlage dieser Informationen evidenzbasierte Richtlinien zu entwerfen, in denen Kriterien für die Begründung, die Optimierung und die Überweisung für Anwender der DVT zusammengestellt sind“ [2]. Der Abschnitt über die Richtlinien kommt in Hinblick auf die kieferorthopädische Diagnostik zu dem Schluss, dass „große digitale Volumentomogramme für die routinemäßige kieferorthopädische Diagnostik nicht angefertigt werden sollten“.

Die Richtlinien der British Orthodontic Society äußern sich in ähnlicher Weise: „Der routinemäßige Einsatz der DVT selbst bei den meisten Fällen mit impaktierten Zähnen […] kann derzeit noch nicht empfohlen werden“ [3].

Auch die American Association of Orthodontists äußerte sich im Jahr 2010 skeptisch: „Die AAO nimmt zur Kenntnis, dass es zwar klinische Situationen geben kann, bei denen die digitale Volumentomografie (DVT) hilfreich sein kann, stellt aber gleichzeitig fest, dass ein routinemäßiger Einsatz dieser Technologie im Rahmen der kieferorthopädischen Röntgenologie nicht erforderlich ist“ [4].

Nachdem solche Richtlinien bereits existieren, worin liegt dann der Sinn dieser Debatte? In erster Linie bietet sich damit die Gelegenheit, diese Richtlinien in der Kieferorthopädie in einer Zeit bekannter zu machen, in der sich die Verwendung der DVT immer weiter verbreitet. Die SEDENTEXCT-Richtlinien gründen sich auf eine systematische Auswertung der Fachliteratur. Sie repräsentieren damit das gesamte aktuelle evidenzbasierte Wissen auf einem wesentlich höheren Vertrauensniveau als es diese Debatte zu erreichen vermag [2]. Besonders wichtig ist jedoch, dass diese Richtlinien keinen verpflichtenden Charakter haben. Die Anwendung ionisierender Strahlung ist in den meisten Ländern gesetzlich geregelt, aber all diese Gesetze erfordern eine klinische Rechtfertigung. Die Richtlinien sollen dem Praktiker als Hilfe bei der Begründung seiner Entscheidungen dienen [3]. Ich hoffe, dass diese Debatte viele Kollegen davon überzeugen kann, den Empfehlungen der Richtlinien zu folgen.

* Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht in: Am J Orthod Dentofacial Orthop 2012; 141: 402–411. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der American Association of Orthodontists.