ZKH 2016; 60(01): 29-38
DOI: 10.1055/s-0036-1584123
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© Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Halbgeister über den Wassern

Eine kritische Auseinandersetzung mit den krankheitstheoretischen Auffassungen Hahnemanns
Hans Zwemke
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Publication Date:
11 May 2016 (online)

Zusammenfassung

Der Artikel erläutert, dass sich die krankheitstheoretischen Auffassungen Hahnemanns spätestens seit 1831 stark verändert haben. Die ursprünglich von ihm im Organon vertretene und bereits widersprüchliche Ansicht war, dass die Krankheit – ausgenommen die epidemischen Krankheiten – ein individuelles Geschehen sei, welches einerseits durch ein immaterielles Agens andererseits jedoch durch die sogenannte Lebenskraft auf energetisch-dynamische Weise – eine Art von Ansteckung – und in Form einer Gefühlsstörung hervorgerufen würde, welche durch eine auf diese individuelle Symptomatik abgestellte Arznei mittels einer Art von Gegenansteckung im Gefühl aufgehoben und dadurch geheilt werden könne. Diese in der Tat wie eine Geistheilung durch die Einbildungskraft imponierende Beschreibung wird in der 2. Aufl. des Theoriebandes der Chronischen Krankheiten als der letzten, von Hahnemann noch selbst autorisierten Veröffentlichung dahingehend modifiziert, dass alle chronischen Krankheiten durch spezifische, halbgeistige also auch materiell einwirkende Parasiten in den Organismus getragen werden, die sich daselbst einnisten, vermehren und den gesamten Organismus in Besitz nehmen und ihm eine spezifische Symptomatik aufzwingen, die bei den akuten Infektionen selbstbegrenzend wieder vergeht, bei den chronischen aber unbedingt zum Tode des Menschen führt, wenn sie nicht homöopathisch mittels einer an der Kollektivsymptomatik ausgerichteten Arznei im Organismus durch ständig erneuerte Gegenansteckung ausgelöscht wird. Damit hat Hahnemann im Prinzip der Homöopathie eine naturwissenschaftliche, kausal-analytische Richtung gewiesen, auch wenn er mit seiner monomanen Psoratheorie der Vielfalt und Abgegrenztheit chronischer Infektionskrankheiten nicht gerecht geworden ist, die zudem für die übergroße Mehrzahl der Krankheiten, anders als von ihm wahrgenommen und behauptet, keine sinnvolle Erklärung liefern kann.

Anmerkungen

1 Ich habe mich in der Vergangenheit bereits mit dem verhängnisvollen Einfluss von Kent auf die Homöopathie auseinandergesetzt und verweise an dieser Stelle auf meine diesbezüglichen Veröffentlichungen (s. u. Literatur).


2 „Der erste Weg, die Grundursachen der Übel hinwegzunehmen oder zu zerstören, war der erhabenste, den sie (die Arzneikunde) betreten konnte. Alles Dichten und Trachten der besten Ärzte in allen Jahrhunderten ging auf diesen, der Würde der Kunst angemessensten Zweck. … Dieser Zweck bleibt über alle Kritik erhaben, obgleich die Mittel dazu nicht immer die zweckmäßigsten waren. Ich lasse diese königliche Strasse dießmal zur Seite liegen …“ [7 in 6: 220]


3 So schrieb Hahnemann schon 1805 in seiner bekannten Schrift Heilkunde der Erfahrung die folgenden bemerkenswerten Sätze: „Wir bemerken einige wenige Krankheiten, die immer von einer und derselben Ursache entstehen, z. B. die miasmatischen: die Hundswut, die venerische Krankheit, die levantische Pest, die gelbe Pest, die Menschenpocken, die Kuhpocken, die Masern und einige andere, welche die Auszeichnung an sich tragen, dass sie eigenartige Krankheiten bleiben, und, weil sie aus einem sich immer gleich bleibenden Ansteckungszunder entspringen, auch immer denselben Charakter und Verlauf behalten – einige Zufälligkeiten von Nebenumständen abgerechnet, welche aber die Hauptsache nicht ändern.“ [8 in 6: 390]


4 Demgegenüber schrieb Kent zum Thema der Infektion: „Nicht von äußeren Ursachen wird der Mensch krank, nicht von Mikroben noch sogar von Umwelteinflüssen, sondern nur von Ursachen die in ihm selbst liegen.“ [11: 24]
Denn, so erfahren wir: „Der Mensch ist gegen jeden Einfluß, der von der Peripherie auf das Zentrum eindringen will, geschützt.“ [11: 33]
Deshalb, so fährt Kent an anderer Stelle mit seinen Erläuterungen fort: „… ist die wahrscheinliche auslösende Ursache – causa occasionalis- die zentripetale Einwirkung einer unsichtbaren immateriellen Substanz, die sich in den lebenswichtigen Zentren festsetzt. Von hier aus geht nun eine zentrifugale Wirkung in die äußeren Teile des Körpers, welche zu immer neuen Störungen führt.“ [11: 40]
Dies alles schrieb Kent um 1900 also zu einer Zeit, als die materielle Präsenz von Krankheitserregern längst mikroskopisch bewiesen worden war. Noch blamabler aber ist der Umstand, dass dieser ganze Unfug von homöopathischen Ärzten wie Pierre Schmidt (der den Originaltext durch seine eigene teilweise sehr beschönigende Übersetzung sowie durch seitenlange nicht immer erkenntliche Ergänzungen stark veränderte) und Jost Künzli vollkommen kritiklos weiter verbreitet wurde, so als handele es sich um einen Basistext bzw. eine Weiterentwicklung der Homöopathie.


5 Bereits Kluncker wies in seinem Vorwort zur Neu-Herausgabe der Chronischen Krankheiten 1988 darauf hin, dass „seit 100 Jahren die Miasmen als Mikroorganismen und Parasiten mit ihrem jeweils spezifischen biologisch-symbiontisch pathogenen Verhalten bekannt, ja sichtbar zu machen sind…“ [4: XX]


6 Krätze: „Diese angegebene Ursache der Krätze ist die einzig richtige, einzig auf Erfahrung gegründete. Diese äußerst kleinen Thierchen sind eine Art Milben, Wichmann hat sie abgebildet, Dover und Legacy haben sie beobachtet….Die Schwefelsalbe hat den zwar ungegründeten, doch allgemein verbreiteten Ruf wider sich, dass sie die Krätze in den Körper zurückzutreiben pflege. Dieses Vorurtheil fällt weg, wenn man sich keiner Salbe, sondern nur eines Waschwassers bedient, welches die Krätze noch weit kräftiger tilgt, und die kleinen Insecten in der Haut binnen weniger Tage tödtet…..Eine anfangende Krätze weicht hiedurch ohne die mindesten Folgen binnen 6,7 Tagen, eine stärkere binnen 14 Tagen und die hartnäckigste in 3 Wochen.“ (1792) [6: 157] „Frisch entstandene Krätz-Krankheit mit ihrem noch gegenwärtigen Haut-Ausschlage heilte, ohne Zuthun eines äußern Mittel, zuweilen schon von einer sehr kleinen Gabe (gehörig potenzirter) Schwefel-Bereitung binnen 2,3,4 Wochen, einmal war hiezu die Gabe von…Holzkohle… und dreimal eine gleiche Gabe eben so hoch potenzirter Sepie völlig hinreichend.“ [5: 67]
Syphilis: „… lässt sich…mit Grunde behaupten, dass es kein chronisches Miasm, keine … chronische Krankheit auf der Erde giebt, welche heilbarer und leichter heilbarer wäre als diese. Da bedarf es … nur einer einzigen, kleinen Gabe des besten Mercurialmittels, um binnen 14 Tagen die ganze Syphilis samt dem Schanker gründlich und auf immer zu heilen“ [5: 57]
Sykosis (Feigwarzen-Krankheit): „Der vom Feigwarzen-Miasm abhängige Tripper sowohl als auch die genannten Auswüchse … werden aber am gewissensten und gründlichsten durch den inneren Gebrauch des hier homöopathischen Saftes des Lebensbaumes … und wenn diese nach 15 … 40 Tagen ausgewirkt hat mit einer eben so kleinen Gabe … Salpetersäure abgewechselt …“ [5: 55]


7 Es ist in diesem Zusammenhang historisch bedeutsam, dass das Cholerabakterium (Vibrio cholerae) erstmals 23 Jahre nach Hahnemanns Vermutung 1854 von Pacini mikroskopisch beschrieben und erst 1884 von Robert Koch u. a. in Reinkultur angezüchtet wurde.


8 Kurios deshalb, weil das von Hahnemann angeführte Beispiel, dass „ nicht selten“ der Tod tatsächlich durch eine „abergläubige Einbildung“ oder nach einer „feierlichen Schicksal-Prophezeiung“ auch tatsächlich „zur angegebenen Stunde“ eingetreten sei, mir doch eher selbst ein Aberglaube zu sein scheint, oder hat irgendjemand aus der Kollegenschaft so etwas tatsächlich schon einmal erlebt? Muss man denn, um die Wirkung der Einbildungskraft auf den Körper zu demonstrieren, derart dick auftragen? Reicht sie (Meditation, Autosuggestion, Liebe!) aber aus, um die schwerste Krankheit verlässlich zu heilen? Und woher stammt denn die Einbildungskraft, wenn nicht aus dem Körper selber?