Pneumologie 2017; 71(S 01): S1-S125
DOI: 10.1055/s-0037-1598564
Posterbegehung – Sektion Klinische Pneumologie
Pneumologische Diagnostik – Carl-Peter Criée/Bovenden-Lenglern, Michael Pfeifer/Donaustauf und Regensburg
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

FEV1/FVC < LLN und/oder < 0,7 als COPD-Definition? Zur diagnostischen Relevanz von FEV1/(F)VC > LLN und < 0,7

A Mühle
1  Internistisches Facharztzentrum Teuchern
,
J Mühle
2  Domgymnasium Naumburg
,
J Schreiber
3  Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
› Author Affiliations
Further Information

Publication History

Publication Date:
23 February 2017 (online)

 

Einleitung:

Mit FEV1/(F)VC < 0,7 (GOLD) und FEV1/FVC < LLN (GLI/ERS) existieren zwei Falldefinitionen der COPD, deren Spezifität und Sensitivität unterschiedlich bewertet werden. In der aktuellen Spirometrie-Leitlinie (Criée et al. 2015) wird FEV1/FVC < LLN als exklusive Definition der Atemwegsobstruktion empfohlen. Ziel dieser Arbeit war es, deren diagnostischen Wert im Vergleich zum GOLD-Kriterium in einem COPD-Kollektiv zu prüfen.

Patienten und Methoden:

Bei 371 COPD-Patienten (285 Männer und 86 Frauen; 40 bis 89 Jahre) wurden die Z-Scores für FEV1, FVC und FEV1/FVC nach GLI (2012) berechnet. Als Einschlusskriterien galten Belastungsdyspnoe, mindestens ein COPD-Risikofaktor und ein postbronchodilatatorischer FEV1/VC-Quotient < 0,7.

Ergebnisse:

Bei 75 Patienten (20,2%) mit FEV1/VC < 0,7 wurde FEV1/FVC > LLN ermittelt. Dieser Konstellation lagen unterschiedliche lungenfunktionelle Ursachen zugrunde:

  1. Die gleichzeitige Verminderung von FEV1 und FVC < LLN bei Lungenüberblähung wirkte einer Abnahme von FEV1/FVC < LLN entgegen (LLN falsch negativ; 61% der Fälle).

  2. Bei isolierter FEV1-Verminderung < LLN und normaler FVC resultierte ein FEV1/FVC-Quotient, der noch im GLI-Referenzbereich lag (LLN falsch negativ; 21% der Fälle).

  3. Es bestand ein „Small-Airways-Obstruction-Syndrom“ ohne Beeinflussung von FEV1 und FVC (GOLD falsch positiv; 16% der Fälle).

Von 371 COPD-Patienten wurden somit 63 (16,9%) mit FEV1/FVC < LLN falsch negativ beurteilt und 12 (3,2%) mit dem GOLD-Kriterium formal falsch positiv eingeschätzt.

Diskussion:

FEV1/FVC > LLN bei FEV1/VC < 0,7 markiert beim symptomatischen COPD-Risikopatienten eine diagnostisch relevante Konstellation, die der Klärung bedarf, ob eine Atemwegsobstruktion falsch negativ (LLN) oder falsch positiv (GOLD) detektiert wird. Es wird deshalb ein modifizierter Lungenfunktionsalgorithmus zur Diagnostik der COPD vorgeschlagen, der diesen Aspekt berücksichtigt und beide Falldefinitionen verknüpft.