Suchttherapie 2017; 18(S 01): S1-S72
DOI: 10.1055/s-0037-1604532
Symposien
S-08 Aktuelle Studien zur Suchtrehabilitation: Förderung des Zugangs, Charakteristika von Frühabbrechern, Abschätzung der Wirksamkeit
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Neuer ärztlich-psychotherapeutischer Befundbericht im Zugang zur Suchtrehabilitation. Ergebnisse eines Praxistests

M Brünger
1  Charité – Universitätsmedizin Berlin
,
P Missel
2  MEDIAN Kliniken Daun
,
K Spyra
1  Charité – Universitätsmedizin Berlin
› Author Affiliations
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Publication History

Publication Date:
08 August 2017 (online)

 

Einleitung:

Die S3-Leitlinie alkoholbezogene Störungen empfiehlt, nahtlos an die Entzugsphase anschließende Postakutbehandlungen wie medizinische Rehabilitationen anzubieten (AWMF, 2015). Allerdings deuten geringe Vermittlungsquoten von Entzugsphase in die Entwöhnung und weitere Befunde auf bestehende Barrieren im Zugang zur Suchtrehabilitation hin (Weithmann, 2005). Daher wurde in einem ersten Schritt ein ärztlich-psychotherapeutischer Befundbericht entwickelt und in einem Delphi-Verfahren durch Experten evaluiert, um ergänzend einen weiteren Zugangsweg in die Suchtrehabilitation zu erschließen (Brünger, 2015). In einem zweiten Schritt soll die Praktikabilität und Akzeptanz der Pilotversion des Befundberichts unter Alltagsbedingungen im Rahmen eines Praxistests untersucht werden.

Methodik:

Niedergelassene Fachärzte, Hausärzte sowie ärztliche und psychologische Therapeuten setzten im Rahmen des Praxistests die Pilotversion des Befundberichts bei jeweils 5 bis 10 Patienten mit Indikation für eine Suchtrehabilitation testweise ein. Die Pilotversion umfasste fünf Seiten plus einen zweiseitigen fakultativen Anhang. Die Fassung des Befundberichts für Hausärzte bestand aus zwei Seiten. Die qualitative Evaluation erfolgte mithilfe von semistrukturierten schriftlichen Evaluationsbogen und mit leitfadengestützten telefonischen Interviews, welche inhaltsanalytisch ausgewertet wurden.

Ergebnisse:

Der Aufbau des ärztlich-psychotherapeutischen Befundberichts wurde als sinnvoll eingeschätzt. Es zeigten sich keine Hinweise auf Probleme im Verständnis der einzelnen Items. Das Ausfüllen der Fragen bereitete kaum Schwierigkeiten. Als schwieriger wurde die Beantwortung des fakultativen Anhangs zu Partizipation und Kontextfaktoren eingeschätzt, wenn keine ICF-Vorkenntnisse vorlagen. Die Anwender gaben an, dass alle wesentlichen Informationen zur sozialmedizinischen Begutachtung im Befundbericht erfasst würden. Ein Kürzungspotenzial wurde nicht gesehen, da die allermeisten Fragen im Befundbericht als relevant erachtet wurden. Kontroverser wurde der Aufwand zum Ausfüllen beurteilt. Von den beteiligten Ärzten und Psychotherapeuten wurden Vorschläge für Modifikationen und Ergänzungen an der Pilotversion gemacht.

Schlussfolgerung:

Die Bewertung des Befundberichts durch die teilnehmenden Ärzte und Psychotherapeuten fiel insgesamt positiv aus. Mögliche Zielgruppen für die Nutzung des Befundberichts sind nach Einschätzung der Studienteilnehmer niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten sowie Fachambulanzen, jedoch auch Betriebs- und Werksärzte sowie Akutkliniken. Die Etablierung eines ergänzenden Zugangswegs in die Suchtrehabilitation auf Basis einer qualifizierten Befundung durch Ärzte bzw. Psychotherapeuten wurde begrüßt. Mit einem direkten Zugang analog zur psychosomatischen Rehabilitation könnten Schnittstellen-Probleme reduziert und Patientengruppen erschlossen werden, welche trotz vorliegender Indikation für eine Suchtrehabilitation keine Entwöhnungsbehandlung in Anspruch nehmen.