Suchttherapie 2017; 18(S 01): S1-S72
DOI: 10.1055/s-0037-1604562
Symposien
S-16 Neue Herausforderungen in der Versorgung Suchtkranker
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Individuelle und gesellschaftliche Aspekte des E-Zigarettenkonsums aus der Perspektive der Konsumierenden: Ein qualitativer Ansatz

K Lehmann
1  Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg
,
S Kuhn
1  Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg
,
J Reimer
1  Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg
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Publication History

Publication Date:
08 August 2017 (online)

 

Einleitung:

Der rasche Anstieg des Bekanntheitsgrads sowie der Nutzung von elektronischen Zigaretten (E-Zigaretten) führte zu einem „Public Health-Dilemma“. Während einerseits Konsumierende von positiven gesundheitlichen Veränderungen berichten und einer Reduktion oder Aufgabe des Tabakkonsums, sind andererseits die Langzeitfolgen des E-Zigaretten Konsums nicht abschließend zu beurteilen. Nur wenige qualitative Studien wurden bisher veröffentlicht, die einen tieferen Einblick in die Motive, Wünsche und aufrechterhaltende Bedingungen des E-Zigaretten-Konsums erlauben.

Methodik:

Mittels einer Onlinebefragung unter aktuell Konsumierenden von E-Zigaretten (N = 3.320) wurden deren Konsummotive und Konsummuster erhoben. Die Möglichkeit, offene Freitexte zu formulieren, wurde von 1.969 Personen genutzt. Die Inhalte dieser Freitexte wurden qualitativ inhaltsanalytisch ausgewertet. Nach dem Zwei-Augen-Prinzip wurden sowohl induktiv als auch nach dem Top-down-Prinzip durch Vergleich der Themenfelder mit denen aus vorliegenden Forschungsergebnissen 26 Kategorien bestimmt, die im darauffolgenden Schritt weiter reduziert wurden.

Ergebnisse:

Die 1.969 Personen waren im Mittel 41 Jahre alt und benutzten E-Zigaretten im Durchschnitt seit 2,1 Jahren. 356 Personen waren weiblich (18,4%) und 1.577 männlich (81,6%). Lediglich 125 Personen gaben einen dualen Konsum an, während 1.844 Personen (93,7%) ehemals Rauchende waren. Etwa die Hälfte der Äußerungen kann unter die Oberkategorie „Politik“ subsumiert werden. Dies ist dem Zeitpunkt der Befragung geschuldet (Ende 2015) und der Diskussion der neuen Richtlinie für Tabakerzeugnisse (TPD2) sowie der befürchteten gesetzlichen Gleichstellung von E-Zigaretten und Tabakprodukten. Im gesellschaftlichen Kontext wünschen sich die Konsumierenden eine seriöse und faktenbasierte Berichterstattung. Unter diese Kategorie fallen auch Anmerkungen zu Forschungsaktivitäten, zur Werbung oder zur Akzeptanz des Konsums. Die Kategorie „Motive und subjektiver Nutzen“ beinhaltet die Beschreibung positiver gesundheitlicher Veränderungen nach dem Umstieg auf E-Zigaretten, die Unterstützung durch andere E-Zigaretten-Konsumierende während des Umstiegs und die reduzierte Belastung der Umgebung durch Schadstoffe und Gerüche des Tabakrauchs.

Schlussfolgerung:

Die Ergebnisse tragen zu einem tiefergehenden Verständnis der Konsumierenden, ihren Ansichten zu E-Zigaretten im politischen sowie gesellschaftlichen Kontext, der Motive und dem wahrgenommenen Nutzen des Konsums bei. Die unerwartet große Anzahl ausgefüllter Freitexte und die hohe inhaltliche Dichte demonstrieren den Wunsch der Konsumierenden, mit ihren Erfahrungen wahrgenommen und als Partner im gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs ernst genommen zu werden.