Geburtshilfe Frauenheilkd 2018; 78(01): 83-92
DOI: 10.1055/s-0038-1625065
Abstracts
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Der Reproduktionsmediziner Carl Clauberg (1889 – 1957) – Doctor of death? Mythen und Fakten

HJ Lang
1  GGGB, Berlin
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Publication Date:
11 January 2018 (online)

 

Zahlreiche Urteile über Carl Clauberg ähneln jenen von Schnellgerichten. Entsprechend gering ist ihr wissenschaftlicher Ertrag. Clauberg war weder ein „Mr. Hyde ohne Dr. Jekyll“ noch ein Dr. Mabuse, wie ihn beispielsweise Michel Cymes beschrieb („Hippokrates in der Hölle“, 2016). Er hatte keinen Hang zum Verbrechen. Auch das oft verwendete Etikett „SS-Arzt“ passt nicht, denn er war kein SS-Mitglied. In Anlehnung an Christopher Browning kann man Clauberg als einen „ganz normalen Mediziner“ bezeichnen, der unter den Umständen des Nationalsozialismus kriminelle Energie entfaltete. Seine Ausbildung zum Gynäkologen begann Clauberg 1925 an der Universitäts-Frauenklinik in Kiel. Dort forschte er über weibliche Sexualhormone und den Menstruationszyklus. Mit Unterstützung des Pharma-Unternehmens Schering-Kahlbaum kooperierte er bei der Entwicklung künstlicher Sexualhormone zeitweise mit dem Biochemiker Adolf Butenandt. Von August 1932 an forschte Clauberg an der Universität Königsberg. Seine 1933 herausgegebene Habilitationsschrift über die weiblichen Sexualhormone sowie weitere Veröffentlichungen empfahlen ihn als einen auch international anerkannten Endokrinologen. Doch der erhoffte Lehrstuhl blieb aus. Politisch zuvor nie auffällig gewesen, trat der Mediziner im April 1933 der NSDAP bei und suchte karrierefördernden Anschluss an NS-Institutionen. Nach Kriegsbeginn sah er sich in die Leitungspositionen zweier Frauenkliniken in Königshütte abgeschoben. An einem ehrgeizigen Plan hielt er dennoch fest: Gründung eines staatlichen Instituts für Fortpflanzungsbiologie, in dem Methoden gegen Sterilität, aber auch für Sterilisierungen erforscht werden sollten. In einer Unterredung mit SS-Führer Heinrich Himmler im Frühjahr 1940 verfing aber vor allem sein Vorschlag für eine operationslose Sterilisierungsmethode, die für die Massenanwendung tauglich sein sollte. Das interessierte jene NS-Strategen, die sich aufmachten, den Osten Europas zu erobern, die Bevölkerung als Arbeitssklaven zu missbrauchen und sie durch zwangsweise Massensterilisierung in den Untergang zu treiben. Für seine Sterilisationsversuche ließ Clauberg in Auschwitz jüdische Frauen in dem eigens für ihn reservierten Block 10 kasernieren. Vermutlich 250 Frauen wurden Opfer dieser Experimente. Entgegen anderslautenden Berichten überlebten fast alle diese Eingriffe. Aber wer danach nicht an Krankheiten im Lager oder auf dem Todesmarsch ums Leben kam, litt zeitlebens unter den Folgen der Kinderlosigkeit.