Geburtshilfe Frauenheilkd 2018; 78(01): 83-92
DOI: 10.1055/s-0038-1625070
Abstracts
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Welche Folgen haben höhergradige Dammrisse für den Beckenboden – Prävention und Therapiestrategien

N Schwertner-Tiepelmann
1  GGGB, Berlin
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Publication Date:
11 January 2018 (online)

 

Verletzungen des Sphinkterkomplexes betrafen in Deutschland 2015 > 4000 Frauen und damit 0,85% aller vaginalen Entbindungen, während international Dammmissraten von 3 – 5% angegeben werden. Bekannt ist, dass mit Implementierung von Schulungsmaßnahmen das Wissen um Nomenklatur und Diagnostik und damit die Detektionsraten ansteigen, dieses Phänomen konnte in den letzten Jahren auch in Berlin beobachtet werden. Unklar ist, ob eine Assoziation von höhergradigen Dammrissen (DR) und Levatortraumata (13 – 36% der Erstgebärenden), existiert. Es ist bekannt, dass gemeinsame Risikofaktoren wie Forceps, verlängerte Austreibungsperiode, maternales Alter und ebenso für Belastungsharninkontinenz bestehen.

Dyspareunieraten sollen nach Versorgung durch erfahrene Geburtshelfer weder erhöht sein noch von der Op.-Technik abhängen. Der Schweregrad des DR beeinflusst die Stuhlkontinenz mit Risikoverdreifachung einer persistierenden Stuhlinkontinenz bei nachweisbarem Sphinkterdefekt. Ein frühzeitiges Beckenbodentraining hingegen kann Stuhl- als auch Belastungsharninkontinenz positiv beeinflussen.

Persistieren Beschwerden trotz konservativer Therapie, stellen die sekundäre Sphinkterrekonstruktion bzw. die sakrale Neuromodulation Therapieoptionen dar. Eine Anbindung der Frauen an Beckenbodenzentren ist daher sinnvoll.

Um höhergradige DR vermeiden zu können, müssen bekannte Risikofaktoren bei Geburtsmodusplanung und sub partu berücksichtigt werden. Ein potentielles Wiederholungsrisiko (OR 4 – 5 für die nachfolgende Geburt bzw. OR 10 nach zwei höhergradigen DR) muss mit den Frauen besprochen werden.

Insbesondere bei Vorliegen eines Geburtsstillstandes sollten Entscheidungen für oder gegen eine vaginal operative Entbindung sorgfältig unter Verwendung sonographischer Parameter wie zB. dem „angle of progression“ erfolgen.

Um die Versorgungsqualität langfristig weiter zu optimieren, müssen eine hohe Versorgungssqualität und Episiotomieschulungen gewährleistet sein.

Höhergradige DR werden sich auch zukünftig nicht immer vermeiden lassen.

Eine geplante Berliner Versorgungsstudie wird mithilfe validierter Fragebögen detektieren, wie viele Frauen eine symptomatische Stuhl- oder Belastungsharninkontinenz entwickeln, wie oft sonographisch Muskeldefekte vorliegen und ob eine Op.-Technik einer anderen hinsichtlich Dyspareunie oder Stuhlkontinenz überlegen ist. Rückmeldungen an die Geburtskliniken werden die Versorgungsqualität weiter verbessern.