PSYCH up2date 2015; 9(05): 281-295
DOI: 10.1055/s-0041-102927
Affektive Störungen
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Anhaltende komplexe Trauerreaktion – ein neues Krankheitsbild?

Jana Steinig
,
Anette Kersting
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Publication Date:
10 September 2015 (online)

Kernaussagen

Der normale Trauerprozess wird durch eine Vielzahl individueller und kultureller Faktoren beeinflusst. Psychische oder physische Belastungen und Symptome können Teil dieses Prozesses sein, sich infolge des Verlustes eines nahestehenden Menschen, aber auch als eigenständige Erkrankung manifestieren. Etwa 10 % der Trauernden können den Trauerprozess nicht abschließen und entwickeln eine anhaltende komplexe Trauerreaktion. Diese ist wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge als eigenständiges Krankheitsbild anzusehen, für das empirisch validierte Kriterien bestehen. Es ist abgrenzbar von anderen psychischen Erkrankungen, die häufig mit einer anhaltenden komplexen Trauerreaktion komorbid auftreten (z. B. Depression, Angststörungen oder PTBS). Risikofaktoren für die Entstehung einer anhaltenden komplexen Trauerreaktion umfassen u. a. mehrfache Verluste, traumatische Todesumstände, eine bereits bestehende Traumatisierung, eine psychische Vorerkrankung sowie eine ambivalente Beziehung zu der verstorbenen Person. Während der normale Trauerprozess in der Regel keine spezifische therapeutische Behandlung benötigt, gibt es spezielle psychotherapeutische Interventionen für Hinterbliebene mit einem pathologischen Trauerverlauf. Vor allem für verhaltenstherapeutisch basierte Konzepte wurde eine hohe Effektivität nachgewiesen. Sie können den Betroffenen dabei helfen, den Trauerprozess zu bewältigen. Im Falle einer schwerwiegenden komorbiden depressiven Erkrankung kann ergänzend zur psychotherapeutischen Intervention eine medikamentöse Behandlung in Betracht gezogen werden.