Laryngorhinootologie 2016; 95(S 01): S88-S109
DOI: 10.1055/s-0041-109594
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Tonsillektomie: offizielle Zahlen und Trends in Deutschland

Tonsil Surgery in Germany: Rates, Numbers and Trends
J. P. Windfuhr
1  Klinik für HNO-Krankheiten, Plastische Kopf- und Hals-Chirurgie, Allergologie, Kliniken Maria Hilf, Mönchengladbach
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
29. April 2016 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund: Über eine unterschiedliche Tonsillektomierate pro Einwohnerzahl im regionalen und zeitlichen Vergleich wird in der internationalen Literatur immer wieder berichtet. Ziel der vorliegenden Studie war es, die Häufigkeit stationärer Behandlungen von chronischer Tonsillitis, Tonsillenhyperplasie und adenotonsillärer Hyperplasie für Deutschland mit über 80 Mio Einwohnern zu ermitteln. Außerdem sollte die Rate an Tonsillektomien, Abszesstonsillektomien, transoralen Inzisionsdrainagen von Peritonsillarabszessen sowie Tonsillotomien pro 100 000 Einwohner über mehrere Jahrgänge bestimmt werden. Eine abschließende Analyse widmete sich der Rate an Blutungskomplikationen nach Tonsillektomie in Abhängigkeit vom Geschlecht und Alter.

Methoden: Grundlage für die diversen Kalkulationen mit Bezug auf die Gesamtbevölkerung in Deutschland waren die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Daten sowie individuell angefragte Sonderauswertungen auf Basis des 6-stelligen OPS-Codes zu einzelnen Fragestellungen. Die aktuellsten Daten waren für den Jahrgang 2013 erhältlich.

Ergebnisse: Innerhalb von 13 Jahren reduzierte sich die Zahl der Diagnosen „chronische Tonsillitis“, „Hyperplasie der Gaumenmandeln“ und „Hyperplasie der Gaumenmandeln und Hyperplasie der Rachenmandel“ von 142 574 im Jahr 2000 auf 87 624 Fälle im Jahr 2013 (38,5%).

Zwischen 2006 und 2013 wurden insgesamt 833 896 (Adeno)Tonsillektomien in Deutschland unter stationären Bedingungen vorgenommen. Die Zahl ging von 120 993 im Jahr 2006 auf 84 332 Operationen im Jahr 2013 zurück (30,3%). Die Detailanalyse ergab einen Rückgang vor allem bei den unter 20-jährigen, hier hatte sich die Tonsillektomierate von 70,92 pro 10 000 Einwohner im Jahr 2010 auf 58,68 im Jahr 2013 reduziert. Die altersunabhängige TE-Rate (alle Indikationen außer Abszesstonsillektomie) bezogen auf die Gesamtbevölkerung sank im gleichen Zeitraum von 13,34 auf 10,90 pro 10 000 Einwohner. Ein umgekehrter Trend ließ sich für die stationär vorgenommenen Tonsillotomien nachweisen: die Zahl stieg von 4659 Eingriffen im Jahr 2007 auf 11 493 im Jahr 2013 an, in der Summe waren es in diesem Zeitraum 59 049 Tonsillotomien.

In Deutschland wurde pro Jahrgang etwa 15 000 Mal die Diagnose eines Peritonsillarabszesses gestellt (etwa 19 pro 100 000 Einwohner). Die Prävalenz steigt sprunghaft nach dem 15.Lebensjahr an, nur bis zu diesem Lebensalter waren überwiegend Patienten weiblichen Geschlechts betroffen. Bei der operativen Therapie betrug das Verhältnis von transoraler Inzisionsdrainage zu Abszesstonsillektomie 1:2,8.

Für die Jahrgänge 2010 und 2013 wurden die Nachblutungsrate nach insgesamt 245 721 Tonsillektomien (alle Indikationen)kalkuliert, sie betrug 5,98%. Patientinnen waren seltener (5,06%) als Patienten (7,02%) von Blutungskomplikationen betroffen. In beiden Jahrgängen fand sich jeweils nur bei Patienten männlichen Geschlechts ein sprunghafter Anstieg der Nachblutungsrate nach dem 10.Lebensjahr.

Schlussfolgerungen: Die Diagnosehäufigkeit von chronischen Erkrankungen der Gaumenmandeln sowie die absolute und relative Häufigkeit der Tonsillektomie erwies sich im Untersuchungszeitraum als deutlich rückläufig, bevorzugt bei Patienten weiblichen Geschlechts. Im Gegensatz dazu stieg die Zahl an ausgeführten Tonsillotomien kontinuierlich an, vor allem bei Patienten männlichen Geschlechts. Hinsichtlich der Zahl an diagnostizierten und operativ behandelten Peritonsillarabszessen fanden sich bei der Betrachtung über mehrere Jahrgänge keine nennenswerten Schwankungen. Überwiegend wurde die Abszesstonsillektomie, seltener die transorale Inzisionsdrainage ausgeführt. Unabhängig von der Operationsindikation entwickelten sich Blutungskomplikationen nach einer Tonsillektomie bevorzugt bei Patienten männlichen Geschlechts, vor allem nach dem 10.Lebensjahr. Die Analyse der Datenlage konnte zum Teil dramatische Änderungen nachweisen, die neben den bekannten demografischen Veränderungen in der Versorgungsmedizin national und regional berücksichtigt werden müssen.

Abstract

Background: Tonsillectomy rates vary considerably among different states, regions and times. This study was undertaken to identify the prevalence of “chronic” tonsillitis, peritonsillar abscess, hyperplasia of the tonsils with and without adenoids in absolute and relative numbers in an 80m people nation. Moreover, the number and rates of different surgical procedures to resolve either “chronic” tonsillitis, peritonsillar abscess or upper airway obstruction due to (adeno)tonsillar hyperplasia over several years was evaluated in this study (tonsillectomy, adenotonsillectomy, tonsillotomy , abscess tonsillectomy, transoral incision and drainage). Finally, the post-tonsillectomy hemorrhage rate was determined and analyzed in relation to age and gender..

Material and Methods: Calculations were based on data as published by the Federal Institute of Statistics or on request, if needed. The latest data were provided for 2013..

Results: The total number of the aforementioned diseases (stratified by ICD-10) decreased from 142.574 (in 2000) to 87.624 in 2013 (38.5 %). Tonsillectomy, with or without adenoidectomy, was performed in a total of 833.896 patients between 2006 and 2013 in Germany. The yearly number decreased continually from 120.993 in 2006 to 84.332 procedures in 2013 (30.3 %). The most significant decrease was registered in patients younger than 20 years of age for this time period: 70.92 per 10.000 in 2010 to 58.68 per 10.000 in 2013. If all age groups were included, the rate decreased from 13.34 per 10.000 to 10.90 per 10.000. In contrast, an increasing number of tonsillotomies was performed between 2007 (4.659 procedures) and 2013 (11.493). The cumulated number of procedures was 59.049. A constant number of 15.000 cases with peritonsillar abscess were diagnosed per year in Germany (19 patients per 100.000). The prevalence increased significantly at an age of 15 years and there was a preponderance of female patients below that age. Compared to transoral incision and drainage, a 2.8-fold greater number of abscess tonsillectomies were performed annually. Post-tonsillectomy hemorrhage was experienced by 5.98% of all patients after 245.721 procedures in 2010 and 2013 (all indications, except tonsillotomy). Bleeding complications had occurred less frequently in female patients (5.06 % vs. 7.02 %). Finally, a considerable increase of post-tonsillectomy hemorrhage in patients older than 10 years of age was registered in male patients only.

Conclusions: chronic tonsillitis was less frequently diagnosed and surgically treated in terms of tonsillectomy (with or without adenoidectomy), particularly in female patients. In contrast, the number of tonsillotomies increased continullay, particularly in male patients. Peritonsillar abscess was diagnosed and surgically treated in a constant number of patients in the yearly comparison. Most of these patients were scheduled for abscess tonsillectomy, and only a 2.8-fold smaller number for transoral incision and drainage. Independent from the indication for surgery, post-tonsillectomy hemorrhage was clearly associated with male gender and age (>10 years). The study reveals a dramatic change mandating further surveillance by insurance companies and authorities in the national health system of an 80m people nation..