Dtsch med Wochenschr 2018; 143(01): 3
DOI: 10.1055/s-0042-109215
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Alltagsprobleme auf der Intensivstation

Problems of Every Day Life in Intensive Care
Uwe Janssens
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Publication Date:
09 January 2018 (online)

Liebe Leserinnen und Leser

dem Sterben und mithin dem Tod unserer Patienten gehen komplexe Prozesse voraus, die jenseits der eigentlichen Intensivtherapie den Patienten selbst, seine Angehörigen und das Behandlungsteam vor enorme Herausforderungen stellen [4]. Die schwierigen Entscheidungen können innerhalb des Behandlungsteams, in der interdisziplinären Zusammenarbeit, aber auch in der Zusammenarbeit mit den Angehörigen oder juristischen Stellvertretern Schwerstkranker zu Konflikten führen. Zwar gibt es mittlerweile klare Empfehlungen [3] zur Therapiezieländerung und -begrenzung in der Intensivmedizin – sie werden aber nicht immer beachtet oder aus Unkenntnis nicht umgesetzt. Das wertvolle Instrument der Ethikberatung (s. S. 27) kann zur Klärung kontroverser moralischer Aspekte einer Behandlungsentscheidung beitragen. Jede Klinik in Deutschland sollte über entsprechend geschulte Mitarbeiter aus dem Behandlungsteam oder über unabhängige Ethikberater verfügen, die eine klinische Ethikberatung professionell auf Anforderung durchführen können. Ziel sollte es sein, eine Übertherapie zu vermeiden, aber auch eine Unterversorgung frühzeitig zu erkennen [6].

Eine dramatische Entwicklung nimmt derzeit der Mangel an Fachpflegekräften nicht nur in der Intensivmedizin. Bei Gesundheits- und Krankenpflegefachkräften beträgt die Vakanzzeit von Stellenangeboten 140 Tage. 100 gemeldeten Stellen stehen 69 Arbeitslose gegenüber [1]. Zur Pflege-Ausstattung auf der Intensivstation empfiehlt die DIVI [2] für zwei Behandlungsplätze pro Schicht eine Pflegekraft. Diese Personalausstattung steht aber in nahezu keiner Klinik und auch nicht in Zentren der Maximalversorgung zur Verfügung. Neben einer möglicherweise daraus resultierenden qualitativen Unterversorgung von Intensivpatienten ergibt sich eine enorme und anhaltende Belastung für die Pflegekräfte, aber auch das gesamte Behandlungsteam. Strukturelle und prozessuale Verbesserungen – vor allem ein kommunikatives und wertschätzendes Arbeitsklima – können die Belastungen am Arbeitsplatz reduzieren (s. S. 21).

Angehörige von Intensivpatienten befinden sich in einer Ausnahmesituation und leiden oftmals erheblich unter der technologisch ausgerichteten, unmenschlich wirkenden Medizin: Der geliebte Mensch ist ohne Bewusstsein, von Apparaten abhängig, kann nicht kommunizieren und scheint leiderfüllt. Der Patientenangehörige erlebt während und auch nach der Intensivbehandlung eine erhebliche Belastung, die zu einem lang anhaltenden Psychotrauma führen kann [5]. Der professionelle Umgang mit Angehörigen gilt als Qualitätskriterium der modernen Medizin und insbesondere der Intensivmedizin und orientiert sich an dem Konzept der angehörigenzentrierten Versorgung (s. S. 15).

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Professor Dr. med. Uwe Janssens