Dtsch med Wochenschr 2017; 142(18): 1333
DOI: 10.1055/s-0042-109228
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Organinteraktionen in der Intensivmedizin

Organ Interactions in Intensive Care Uwe Janssens
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Publication Date:
08 September 2017 (online)

Liebe Leserinnen und Leser,

Das Multiorganversagen ist die gemeinsame Endstrecke bei Patienten mit einem Schock unterschiedlicher Ursache. So beobachten wir nach einem infarktbedingten kardiogenen Schock nicht nur ein myokardiales Pumpversagen, sondern in der Folge eine Dysfunktion entfernter Organe bis hin zum multiplen Organversagen. Auch bei der Sepsis mit schweren Verläufen werden regelhaft nahezu sämtliche Organsysteme als Folge der sehr komplexen systemischen Inflammation in unterschiedlichem Ausmaß in Mitleidenschaft gezogen und schlimmstenfalls in ihrer Funktion permanent gestört. Die pathophysiologischen Zusammenhänge und organspezifischen Wechselwirkungen sind mittlerweile genau untersucht und sollten klinisch tätigen Ärzten bei der Therapieplanung und Prognoseabschätzung schwer kranker Patienten bekannt sein. Dieser sogenannte „organ crosstalk“ findet nicht nur zwischen eng benachbarten Organsystemen (z. B. Herz und Lunge) statt, sondern wird regelhaft zwischen weiter voneinander entfernten Organsystemen beobachtet.

Beispielhaft sind Gehirn-Herz-Interaktionen bei schweren Hirnschäden aber auch therapeutische Interventionen wie die mechanische Beatmung können negativen Langzeitfolgen nicht nur für die Lunge, sondern nahezu sämtlicher Organsysteme zur Folge haben. Die mit einer Beatmung verbundene Entstehung einer ventilatorassoziierten Pneumonie oder eines Biotraumas mit nachfolgendem ventilatorassoziierten Lungenschaden kann über verschiedene inflammatorische und/oder kardiozirkulatorische Prozesse ein Multiorgandysfunktionssyndrom bis hin zum Multiorganversagen verursachen [1]. Das vorliegende Dossier soll den klinischen Blick unserer Leserinnen und Leser auf dieses prognostisch enorm relevante Problem lenken.

Exemplarisch für die multiplen Varianten möglicher Organinteraktionen in der Intensivmedizin widmen sich die Autoren dieses Dossiers der Lunge, dem Herzen, der Leber sowie den Nieren. Der Beitrag von D. Salleck und S. John (s. Seite 1348) zur Organinteraktion zwischen Herz und Niere verdeutlicht, dass nicht immer klar ist, welches Organ ursächlich für die Störung des anderen ist. Regelhaft führt die Dysfunktion des einen Organs zur Schädigung des anderen Organs. Als Folge der dann eintretenden organspezifischen Ausfälle kann konsekutiv im Rahmen der Wechselwirkung zu einer fortschreitenden Schädigung des primär verursachenden Organs kommen. Hier spielen inflammatorische und komplexe neurohumorale Prozesse regelhaft eine wichtige Rolle. Auf die speziellen Aspekte der Interaktion zwischen der Leber und Niere gehen K. Roedl, D. Jarczak und V. Fuhrmann ein (s. Seite 1365). Die Kenntnisse der pathophysiologischen Zusammenhänge sind nicht nur von theoretischem Interesse, sondern für die Therapie dieser schwer kranken Patienten von enormer Bedeutung. Das hepatorenale Syndrom erfordert eine sehr nuancierte Betrachtung, die bei richtiger Einschätzung zu sehr unterschiedlichen therapeutische Maßnahmen führt. Einer sehr speziellen und außerordentlich schwierig zu therapierenden Organinteraktion widmen sich G. Michels und R. Pfister (s. Seite 1357). Die Interaktion von Lunge und rechtem Herzen kann Folge verschiedener kardiopulmonaler Erkrankungen sein. Der Beitrag zeigt sehr deutlich wie schwierig es ist, neben der differenzierten Diagnostik ein allgemeingültiges therapeutisches Konzept aufzustellen. Einmal mehr wird hier deutlich, wie wichtig die profunden pathophysiologischen Kenntnisse des Klinikers für die Diagnostik aber auch individualisierte Therapiekonzepte sind.

Den Autoren der Beiträge gebührt ein großer Dank für die exzellenten Arbeiten. Ihnen, den Leserinnen und Lesern dieses intensivmedizinisch ausgerichteten Dossiers, darf ich eine gewinnbringende Lektüre wünschen.

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Prof. Dr. med. Uwe Janssens