Frauenheilkunde up2date 2016; 10(04): 355-374
DOI: 10.1055/s-0042-112631
Gynäkologische Spezialgebiete und Methoden
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Postpartale psychische Störungen – Update 2016

Valenka M. Dorsch
,
Anke Rohde
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Publication History

Publication Date:
19 August 2016 (online)

Kernaussagen
  • Postpartale Depressionen sind mit 10–15 % die häufigste psychische Störung in der Postpartalzeit. Jährlich sind in Deutschland 70 000 Mütter, ihre Kinder und Partner betroffen.

  • Postpartale Depressionen entwickeln sich in der Regel schleichend in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt eines Kindes. Differenzialdiagnostisch sind sie von postpartalen Angst- und Zwangsstörungen, Belastungsstörungen und postpartalen Psychosen abzugrenzen.

  • Postpartale Depressionen sind leicht zu diagnostizieren; erste Hinweise ergeben sich bei Anwendung des Screening-Instruments Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS), das auch für den Einsatz in der gynäkologischen Praxis geeignet ist.

  • Eine leitliniengerechte Behandlung der postpartalen Depression richtet sich nach der im Vordergrund stehenden Symptomatik und folgt den üblichen Kriterien der antidepressiven Therapie: medikamentös, psychotherapeutisch und soziotherapeutisch – allerdings bei einer stillenden Mutter unter entsprechender Nutzen-Risiko-Abwägung hinsichtlich der Antidepressivagabe.

  • Ein wichtiger Therapiebaustein bei psychischen Störungen in der Postpartalzeit ist die soziale Unterstützung der Frau, z. B. durch verlängerte Hebammenbetreuung, Haushaltshilfe durch die Krankenkasse, Familienhebamme, Einbindung des Partners (Elternzeit) und Selbsthilfegruppen.

  • Da auch Väter postpartal depressiv sein können, empfiehlt sich auch diesbezüglich eine verstärkte Aufmerksamkeit. Depressivität bei der Mutter erhöht die Wahrscheinlichkeit depressiver Symptome beim Vater.

  • Da sowohl mütterliche als auch väterliche Depressionen Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung haben können, sollte die suffiziente Behandlung der postpartalen Depression so früh wie möglich erfolgen.

  • Ein nicht unerheblicher Teil an Frauen erlebt die Geburt ihres Kindes traumatisch. Risikofaktoren für die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) nach einer Entbindung sind Gewalt- und Missbrauchserfahrungen, die in der Schwangerschaft reaktualisiert oder unter der Geburt als Dissoziation auftreten können.

  • Wegen der potenziellen Gefährdung des Kindes muss bei psychotischen Symptomen (z. B. Wahnsymptome oder akustische Halluzinationen) eine stationäre Behandlung der Mutter herbeigeführt werden.