Klin Neurophysiol 2016; 47(04): 220
DOI: 10.1055/s-0042-117610
Leserbrief zu
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Sportverletzungen peripherer Nerven

C. Bischoff
,
Wilhelm J. Schulte-Mattler
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Publication Date:
13 January 2017 (online)

Dieser Artikel, der eine gute Übersicht über bei Sportlern vorkommende Nervenverletzungen gibt, enthält einige Feststellungen zu neurophysiologischen Methoden und Befunden, die nicht dem aktuellen Stand entsprechen, wie er sich auch in den aktuellen Leitlinien findet (DGKN, AWMF).

  1. Das EMG ist – im Gegensatz zu den im Artikel mehrfach aufgeführten Stellungnahmen – gerade zur frühen Untersuchung traumatischer Nervenläsionen gut geeignet. Das früheste Zeichen einer höhergradigen peripheren Nervenläsion ist die erhöhte Entladungsrate motorischer Einheiten, die unmittelbar nach Eintritt der Schädigung nachweisbar ist [1]. Es ist also keineswegs so, dass 3 Wochen bis zum Auftreten pathologischer Spontanaktivität gewartet werden muss. Nur bei einem kompletten Ausfall motorischer Einheiten sind keine Aussagen möglich. Hinzu kommt, dass bei Neurapraxien (Leitungsblöcken) dies der einzige elektromyografisch zu erhebende Befund ist.

  2. An mehreren Stellen wird erwähnt, dass die EMG-Befunde vom Schweregrad abhängig seien, unerwähnt aber bleibt, dass die Art der Läsion den EMG-Befund weit mehr beeinflusst. So kommt es bei Neurapraxie eben nicht zum Auftreten von pathologischer Spontanaktivität, und zwar unabhängig vom Schweregrad. Bei einer Axonotmesis hingegen sind bereits subklinische Schädigungen mittels EMG nachweisbar. Bis zur Entwicklung einer klinisch erfassbaren Parese müssen 60–70% der Muskelfasern/Axone geschädigt sein, zum Nachweis von pathologischer Spontanaktivität als Hinweis für eine axonale Schädigung reicht der Ausfall weniger Fasern aus. Dieser Nachweis sog. subklinischer Veränderungen macht einen großen Vorteil dieser Methode aus.

  3. Durchgehend wird der Begriff „Nervenleitgeschwindigkeit“ anstelle von Neurografie verwendet. Das ist besonders problematisch, wenn von Nervenverletzungen die Rede ist, da bei deren Beurteilung von allen neurografischen Resultaten die Nervenleitgeschwindigkeit meist die geringste Rolle spielt, anders als etwa die Amplituden zur Beurteilung eines Leitungsblocks bzw. der Waller‘schen Degeneration.

  4. Der Begriff „Kiloh-Nevin Syndrom“ sollte nur für die entzündliche Variante des N. interosseus anterior Syndroms, nicht aber für die extrem selten auftretende traumatische Variante genutzt werden. Unzutreffend ist in diesem Zusammenhang die Aussage, dass EMG Untersuchungen in Ruhe häufig nicht hilfreich sind. Die Untersuchung des M. flexor pollicis longus zeigt in fast allen Fällen eindeutige pathologische Veränderungen.