ZWR 2016; 125(11): 524-530
DOI: 10.1055/s-0042-117764
CME-Fortbildung
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

„Socket Healing“ und „Socket Preservation“: Eine kurze Übersicht

W. Götz1, S. Schnutenhaus1
  • 1Bonn/Hilzingen
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Publication History

Publication Date:
28 November 2016 (online)

Lernziele

Nach Lektüre dieses Beitrags sollten Sie in der Lage sein,

  • Phasen biologischer Reparaturvorgänge bei der Heilung von Extraktionswunden mit entsprechenden klinischen und radiologischen Korrelaten zu unterscheiden,

  • Risikofaktoren für Wundheilungsstörungen zu benennen,

  • knöcherne Resorptionsprozesse zu erkennen und

  • „socket“ bzw. „ridge preservation“-Techniken praktisch umzusetzen.

In der Geschichte der Zahnmedizin wurde die Extraktion eines Zahns schon mit einer Amputation verglichen: Ein Teil des stomatognathen Systems bzw. des Kauapparats wird entfernt, es resultiert eine Riss- und Quetschwunde des Weichgewebes mit knöcherner Exposition, die dem oralen Milieu preisgegeben ist. Trotz individueller Unterschiede stellt die Heilung einer Extraktionswunde jedoch einen vorhersagbaren Prozess dar, der meist ohne Komplikationen abläuft. Aus dem Blick der chirurgischen Wundlehre ist der Heilungsprozess jedoch ein sekundärer: Ein größerer Defekt heilt als Reparaturvorgang ohne vollständige Restitution der ursprünglichen Anatomie und Funktion mit Narbenbildung. Die meist unkomplizierte Abheilung ist jedoch der privilegierten Wundheilung innerhalb der Mundhöhle zuzuschreiben. Trotz der hohen Feuchtigkeit, Keimbesiedlung und mechanischen, thermalen und chemischen Belastungen durch Mastikation und Nahrungsaufnahme überwiegen in der Mundhöhle positive Bedingungen, die eine Wundheilung befördern. Diese Besonderheiten der oralen Wundheilung, die zumindest an der oralen Mukosa und Gingiva ohne oder nur mit geringer Narbenbildung ablaufen, werden mit der vorgeburtlichen, fetalen, narbenfreien Wundheilung verglichen [1, 2]. Die Ursachen sind vielfältig: gute Vaskularisation oraler Gewebe, hohe regenerative Kapazität oraler Epithelien, geringe inflammatorische Begleitphänomene mit geringen Zytokinleveln, geringe Spiegel pro-fibrotischer Wachstumsfaktoren, wie z. B. von Transforming Growth Factor (TGF-β), die Anwesenheit von Speichel mit seinen protektiven, antimikrobiellen, analgetischen und anabolen Effekten. Die für die Wundheilung wichtigen Fibroblasten aus den Geweben der Mundhöhle (orale Fibroblasten) zeichnen sich durch einen besonderen Phänotyp aus und sind besonders migrations-, proliferationsfreudig und produzieren Wachstumsfaktoren, die die Wundheilung unterstützen [3]. Diese positiven Aspekte einer Wundheilung spielen für eine unkomplizierte Reparatur einer Extraktionswunde eine große Rolle, aufgrund der Vielzahl der beteiligten Gewebe und insbesondere durch die Verletzung von Zahnhalteapparat und Alveolarknochen ergeben sich aber schwierigere Rahmenbedingungen.